Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern

    Dieser Sommer entscheidet über die Existenz vieler Betriebe

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    Blick auf den Strand von Warnemünde vor dem Neptun-Hotel. Rostock 27.05.1972
    Der Strand von Warnemünde im Frühjahr 1972: Bald soll er wieder voller Strandkörbe und vor allem voller Touristen sein. Im Juni lässt die Landesregierung die Saison beginnen. © akg images / DDR Bildarchiv / Morgenstern
    Tobias Woitendorf im Gespräch mit Nana Brink · 20.05.2021
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    Mecklenburg-Vorpommern erlaubt Hoteliers ab dem 14. Juni, wieder Gäste von außerhalb zu beherbergen. Der Tourismusverband hätte die Saison gern früher eröffnet – der Sommer sei für viele Betriebe die letzte Chance.
    Tourismus ist in Mecklenburg-Vorpommern eine wesentliche Säule der Wirtschaft – und die Corona-Pandemie trifft sie hart. Aus der Statistik geht hervor, dass die Zahl der Besucher an der Ostsee in den Lockdown-Monaten jeweils um über 90 Prozent gesunken ist – nur von August bis Oktober 2020 lagen die Zahlen leicht über denen des Vorjahres.
    Anfang dieser Woche hat die Landesregierung in Schwerin nun festgelegt, wann die Tourismusbranche wieder loslegen kann. Die Regierung von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) bleibt ihrer vorsichtigen Linie treu und lässt Pfingsten verstreichen. Sie will aber am 31. Mai angesichts der sinkenden Anzahl von Neuinfektionen noch einmal zusammenkommen, um zu prüfen, ob man Schritte vorziehen kann.

    Was ist beschlossen?

    In Mecklenburg-Vorpommern dürfen Hotels Personen aus dem Bundesland ab dem 7. Juni wieder beherbergen, Gäste aus anderen Ländern erst ab dem 14. Juni, also eine Woche später. Zweitwohnungsbesitzer und Dauercamper dürfen mit der ersten Öffnungsstufe ab 7. Juni wieder im Land übernachten. Die Gastronomie darf ab dem 23. Mai im Innen- und Außenbereich öffnen – für Menschen mit tagesaktuellem Test und fester Buchung.
    Damit verpassen die Beherbergungsbetriebe an Ostsee und Seenplatte das Pfingstgeschäft. Tobias Woitendorf, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern (TMV), sagt dazu: "Es ist jetzt wichtig, dass wir erste Zeichen und auch Termine für Öffnungen haben – in einer Stufenfolge, die man natürlich auch kritisieren kann. Es werden sich viele Gastronomen finden, die sagen, sie hätten lieber früher aufgemacht." Er wolle aber nicht lamentieren, betont Woitendorf: "Nun ist es so, dass Gastro den ersten Schritt am Pfingstsonntag macht. Wir wollen nicht alles hinterfragen, sondern wir wollen jetzt machen."
    Im Nachbarland Schleswig-Holstein darf die Hotellerie schon seit 17. Mai Touristen empfangen, dort lag die Sieben-Tage-Inzidenz allerdings auch niedriger als in Mecklenburg-Vorpommern. Touristen können in Schleswig-Holstein mit einem negativen Testergebnis anreisen – Antigen-Schnelltest oder PCR-Test dürfen maximal 48 Stunden alt sein. Alle 72 Stunden müssen zudem weitere Nachweise vorgelegt werden. Derzeit liegt die Inzidenz in Schleswig-Holstein bei 31,5, in Mecklenburg-Vorpommern bei 47,1.
    Es sei sicher gerechtfertigt gewesen, in Schleswig-Holstein früher über Öffnungsschritte im Tourismus nachzudenken, sagt Woitendorf. "Wir haben allerdings jetzt auch stark sinkende Inzidenzen", unterstreicht er. Die Infektionslage entspanne sich wie überall in Deutschland: "Insofern ist es richtig und wichtig, jetzt auch hier darüber nachzudenken, nachzuziehen."

    Was hätte sich die Branche gewünscht?

    "Die Branche hat natürlich anderes vorgehabt, hatte auch anderes vorgeschlagen", sagt Woitendorf. "Wir wollten früher, kontrollierter, auch komplexer öffnen. Das hat jetzt nicht geklappt." Auf der Habenseite stehe, dass es jetzt Termine gebe. "Dass diese Termine nicht im Sinne des Großteils der Branche sind, das muss man nicht verhehlen. Das ist so."
    Tobias Woitendorf blickt in die Kamera, er trägt ein dunkles Sakko und ein helles Hemd ohne Krawatte. Er hat einen Vollbart,
    Tobias Woitendorf führt den Tourismusverband in Mecklenburg-Vorpommern.© picture alliance / dpa-Zentralbild / Bernd Wüstneck
    Woitendorf begrüßt es deswegen, dass die Landesregierung noch einmal prüfen will, ob die Öffnung in Mecklenburg-Vorpommern noch vorgezogen werden kann. Er bedauert zugleich, dass die Touristik mit ihren Interessen nicht besser durchgedrungen sei: "Wir schreiben seit einem Jahr Konzepte, so wie die Wellen an den Strand kommen. Nicht alle davon haben Erfolg gehabt. Im letzten Jahr hat Mecklenburg-Vorpommern gute Schlagzeilen gemacht und es als einer der Pioniere auch geschafft, den Tourismus wieder anspringen zu lassen. Dann kam ein Lockdown nach dem anderen, da war auch die Wirkung der Konzepte nicht besonders groß."

    Welche Fragen sind noch offen?

    Es müsse noch Klarheit geschaffen werden, in welcher Intensität und auf welchem Wege Urlauber getestet werden können und sollen, so Woitendorf: "Da muss sich die Branche vorbereiten." Bei der hohen Zahl an Gästen - mitunter seien 400.000 bis 500.000 zeitgleich im Land - sei zweifelhaft, ob das Testen mit den bestehenden Strukturen allein bewältigt werden könne: "Ich persönlich glaube das nicht." Man müsse ein System aus Schnelltestzentren und aus dezentralen Stellen aufbauen, wo Tests auch durch Dienstleister durchgeführt würden. Die genaue Menge an Tests könne man nur abschätzen, "aber nicht auf den Punkt berechnen".
    Eine zweite Frage sei, ob Mitarbeiter in der Tourismusbranche noch stärker priorisiert werden könnten bei den Impfungen: Inzwischen kämen zwar einige in den Genuss einer ersten Impfung. "Aber es wäre natürlich sinnvoll, in dieser beschäftigungsintensiven und auch kontaktintensiven Branche sich Gedanken zu machen, ob man nicht möglicherweise auch - wo Priorisierungen bei einigen Impfstoffen fallen - den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Tourismus etwas früher ein Impfangebot machen kann, also vor den Sommerferien."

    Welche Dimension hat die Krise?

    Die Krise in der Tourismusbranche dauere nun schon ein Jahr, so Woitendorf. "Und jetzt ist natürlich die Frage: Wie geht der Sommer tatsächlich aus? Es ist für viele Betriebe, das zeigen alle unsere Umfragen, die letzte Chance, den Betrieb zu retten. Das heißt, wenn etwas Unwägbares, Unvorhersehbares in diesem Sommer geschieht, dann möchte ich mir das lieber nicht vorstellen. Wir brauchen jetzt diese Sommersaison."
    (mfu)
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