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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 22.02.2019

TourismusDresden überwindet den Pegida-Knick

Bastian Brandau im Gespräch mit André Hatting

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Der Dresdner Neumarkt mit der Frauenkirche (imago / Westend)
Anziehungspunkt für Touristen: der Dresdner Neumarkt mit der Frauenkirche. (imago / Westend)

Zwinger, Semperoper, Frauenkirche: Im vergangenen Jahr gab es knapp sechs Millionen Übernachtungen in Dresden - eine Steigerung von 2,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Stadt hat offenbar die negativen Folgen des "Pegida-Effekts" überwunden.

André Hatting: Dresden ist ein beliebtes Reiseziel - Zwinger, Semperoper, Frauenkirche, dafür kommen die Besucher aus der ganzen Welt. Der Tourismus ist für Dresden und die Region also eine ganz wichtige Einnahmequelle. Aber die Stadt ist auch beliebt bei Rechtsnationalen, die fremdenfeindlichen Pegida-Demonstrationen haben hier ihren Ursprung.

2015 ging es damit los, und das hat dann viele Touristen abgeschreckt. Durch den Pegida-Knick gehen die Besucherzahlen zurück. Heute hat die Stadt die Zahlen aus dem vergangenen Jahr vorgestellt, und unser Landeskorrespondent Bastian Brandau war für uns auf der Pressekonferenz. Wie beliebt war Dresden im vergangenen Jahr?

Bastian Brandau: Die Zahlen heute: 2,7 Millionen Ankünfte von Touristen hier in Dresden, knapp sechs Millionen Übernachtungen wurden gezählt. Das ist die endgültige Jahresbilanz des Jahres 2018. Diese Touristen blieben im Schnitt 2,2 Tage hier in Dresden. Die Zahlen sind dabei für Dresden und die Region Meißen, das sogenannte "Elbland", die werden zusammengezählt, und gezählt werden in diesem Fall nur Herbergsbetriebe mit weniger als zehn Betten.

Das ist also die Statistik, die hier aufgemacht wird, und die sieht damit eine Bilanz vor, einen Zuwachs von 3,1 Prozent bei den Ankünften, 2,8 Prozent bei den Übernachtungen. Es geht also wieder aufwärts. Das war auch im vergangenen Jahr schon so. Und der Zuwachs bei Touristen aus dem Ausland ist übrigens im Moment noch stärker als aus Deutschland. Zum Beispiel kamen im vergangenen Jahr deutlich mehr Menschen aus Polen nach Dresden als zuvor.

Trend zu innerdeutschen Reisen

Hatting: Welche Gründe für diesen Zuwachs sieht man bei der Stadt und der zuständigen Tourismusgesellschaft?

Brandau: Sachsen schwimmt mit insgesamt in einer – Rekordwelle ist vielleicht auch übertrieben, aber wir hatten auch in Sachsen einen Tourismusrekord im vergangenen Jahr im ganzen Bundesland. Und insgesamt gibt es einen Trend in Deutschland zu innerdeutschen Reisen. Und das schlägt eben auch in Dresden zu Buche, wo etwa vier von fünf Besuchern aus Deutschland kommen, also die überwiegende Mehrheit. So erklärt Jürgen Amann, der Leiter der Dresden Marketing GmbH den Erfolg im vergangenen Jahr:

Jürgen Amann: Zum einen liegen wir damit natürlich im Trend Deutschlands. Es gibt einen Megatrend schon seit mehreren Jahren, dass es mehr Aufenthalte gibt, Freizeitaufenthalte gibt, für kürzere Zeit, gern in Großstädten. Zum anderen haben wir aber natürlich in Dresden auch eine reichhaltige Angebotspalette zu bieten. Von Kulturstätten, von Kulturevents, herausragenden, auch im internationalen Vergleich herausragenden Kulturveranstaltungen, Kultureinrichtungen, über sehr schöne andere Themen wie Kulinarik. Dresden bietet sehr viel Grün, die Elbauen im Sommer, die historischen Dampfschiffe.

Brandau: Also hier entstehen die Bilder, und genauso sieht man das so, hier in Dresden habe man seine Stärken, und darauf konzentriere man sich. Also hier sollen zunächst einmal Touristen angesprochen werden, eher ältere, also Menschen über 50 Jahre. Das will man so peu à peu ausbauen. Und an diesem Erfolgskonzept will man festhalten.

Dresden will stärker im Ausland wachsen

Hatting: Ja, das war ja gerade noch mal ein richtiger Werbefilm für Dresden. Ist die Stadt denn jetzt damit zufrieden, mit dieser jüngsten Entwicklung?

Brandau: Man ist zufrieden, dass es aufwärts geht, will natürlich, dass es irgendwie noch weiterhin auch aufwärts geht, dass es nicht stagniert. Es gibt einige Punkte, wo man jetzt Luft nach oben sieht. Zum Beispiel will man mehr in Kongresse investieren, denn Kongressteilnehmer bleiben oft noch ein oder zwei Tage vor Ort und geben dann Geld aus.

Man will stärker im Ausland wachsen, zum Beispiel für chinesische Touristen wieder attraktiver werden. Da gingen die Zahlen zuletzt wieder zurück. Aber sonst besinnt man sich eben wirklich auf dieses klassische Dresden als Ort zum Genießen, wie es hier heißt. Und man blickt zum Beispiel ein bisschen neidisch nach Leipzig, wo die Zuwachsraten deutlich höher sind, hier die andere Metropole in Sachsen. Dort sind sie bei etwa sieben Prozent. Aber man verweist darauf, dass die Zahlen insgesamt dort der Ankünfte und Übernachtungen deutlich niedriger sind als in Dresden, also einfach noch mehr Platz zum Wachsen, sagt man.

Und man führt es zurück zum Beispiel auf die bessere Anbindung der Stadt Leipzig. Heute wurde hier mehrfach die Bahnverbindung nach Dresden gerügt. Das sei auch ein Faktor, der eben die Entwicklung hier hemme. Und zum Beispiel auch der Flughafen Dresden, der ist ja auch von der Germania-Pleite betroffen. Dort werden ja im Sommerflugplan einige Flüge weniger fliegen, eben weil die Germania jetzt pleite gegangen ist.

Hatting: Jetzt haben Sie gerade gesagt, die Gründe dafür, dass man nicht ganz so stark wächst wie Leipzig, was die Besucherzahlen angeht, das sei unter anderem die Germania-Pleite, Flughafen Dresden ein Stichwort. Zwar ist die schlechte Anbindung, was den Zug betrifft, von Berlin aus. Aber was Sie jetzt nicht gesagt haben, ist, dass man nach wie vor glaubt, dass dieser Pegida-Knick dafür verantwortlich sei. Heißt das, verstehe ich Sie richtig, den glaubt man jetzt überwunden?

Brandau: Den glaubt man ein Stück weit überwunden. Zahlentechnisch auf jeden Fall. Es gab ja auch 2017 schon ein Wachstum. 2015 hatte man ja diese Markenstudie durchgeführt, 2016 veröffentlicht. Man hatte die Besucher gefragt und dabei herausgefunden, dass eben diese Pegida-Demonstrationen und diese rassistischen Vorfälle hier durchaus eine Rolle dabei spielen, ob Leute nach Dresden kommen oder nicht. Und jetzt hat man nur eine quantitative Befragung durchgeführt, deswegen könne man da über die Motive nichts sagen, hat Jürgen Amann heute gesagt von der Dresden Marketing GmbH:

Jürgen Amann: Ich vermute es eigentlich schon, dass das so in den Hinterköpfen noch da ist. Aber es ist natürlich schon zu verzeichnen, dass wir hier Gäste mit offenen Armen empfangen. Wer nach Dresden kommt, der hat hier in aller Regel eine sehr schöne Zeit, und er ist begeistert. Das sehen wir ja bei allen Umfragen, bei allen Erhebungen, die wir tätigen.

ARCHIV - 03.11.2014, Sachsen, Dresden: Hunderte Teilnehmer einer Demonstration unter dem Motto «Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes» (PEGIDA) demonstrieren vor der Frauenkirche. (zu «Demonstration «Herz statt Hetze» - Protestaktionen zum 4. Jahrestag Pegida» vom 19.10.2018) Foto: Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit (Arno Burgi/dpa-Zentralbild)Wegen der Pegida-Demos hatte das Image der Stadt Dresden gelitten. (Arno Burgi/dpa-Zentralbild)

Brandau: Also, man hat es immer noch im Hinterkopf, hat auch die Angst, dass wieder so etwas passieren könnte, wie man das zum Beispiel in Chemnitz im vergangenen Jahr erlebt hat. Das hatte dort auch gewisse Auswirkungen. Aber insgesamt ist die Hoffnung, die Leute kommen hierher, sie sind zufrieden, wenn man den Umfragen folgt, und sie sehen, dass es eben auch ein weltoffenes Dresden gibt, wo Menschen egal welcher Hautfarbe willkommen sind.

Hatting: Mein Kollege Bastian Brandau live aus Dresden über die Bilanz der Stadt und der dortigen Tourismusgesellschaft für das Jahr 2018.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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