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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 23.04.2014

Tourette-SyndromElektrische Ströme gegen die Tics

Wie Hirnschrittmacher Betroffenen helfen können

Von Georg Gruber

Das Modell eines menschlichen Gehirns (dpa / picture alliance / Weigel)
Welcher Zielpunkt im Gehirn stimuliert werden muss, ist noch unklar. (dpa / picture alliance / Weigel)

Unkontrollierte Zuckungen, Flüche und Beschimpfungen: Wer am Tourette-Syndrom erkrankt ist, leidet stark unter den Folgen. Nun aber gibt es Hoffnung für Betroffene: Hirnschrittmacher lassen die Tics fast völlig verschwinden.

Von Tourette-Syndrom spricht man, wenn motorische und vokale Tics gemeinsam auftreten: Zuckungen, Trippelschritte, Augenblinzeln mit Ausrufen wie Ahh, Ohh, Uhh oder Flüchen und Beschimpfungen. Diese Tics sind unwillkürliche Handlungen, geschehen also, ohne dass die Betroffenen sie steuern können. Eine Fehlfunktion der Regelkreise im Gehirn, die genaue Ursache ist unbekannt. Die Neurologin Kirsten Müller-Vahl von der Medizinischen Hochschule Hannover:

"Wir gehen davon aus, dass es eine Störung in komplexen Regelkreisen zwischen verschiedenen Hirnzentren gibt. Da spielt das Stirnhirn eine Rolle, die sogenannten Basalganglien eine Rolle, da spielt das limbische System sicherlich eine Rolle. Und wenn man dann noch eine Ebene tiefer, im Bereich der Hirnbotenstoffe schaut, dann gehen wir davon aus, dass es wahrscheinlich eine Überfunktion im Dopaminsystem gibt, möglicherweise aber auch noch in andern Hirnbotenstoffsystemen."

Meist steigern sich die Symptome während der Pubertät. So war es auch bei Daniela Janitzek. Besonders belastend waren für sie die vokalen Tics, die Schimpfwörter:

"Arschloch oder so was, diverse Schimpfwörter, die man in dem Augenblick gar nicht sagen will und gar nicht denkt, aber das kommt in den Kopf reingeschossen, man sagt dann einfach Sachen über andere, wenn jemand dickes vorbeiläuft, dann sagt man halt da was, das ist ganz, ganz schlimm."

Hirnstimulation wie bei Parkinson-Patienten

Tourette ist nicht heilbar. Medikamente haben oft starke Nebenwirkungen. Daniela Janitzek entschied sich deshalb schließlich für einen Hirnschrittmacher, als letzte Chance auf ein normales Leben. Seit Ende der 90er-Jahre gehört die tiefe Hirnstimulation bei Krankheiten wie Morbus-Parkinson zu den Routineverfahren. Man nimmt an, dass beim Tourette-Syndrom ähnliche Bereiche im Gehirn von einer Funktionsstörung betroffen sind.

Die Operation erfolgt unter Vollnarkose. Dabei werden zwei Löcher in die Oberseite des Schädels gebohrt, durch die dann zwei Elektroden eingeführt werden. Etwa 14 Zentimeter unterhalb der Schädeldecke liegt der Zielpunkt, im Bereich jener Zentren, die unbewusst unsere Bewegungen steuern. Die Elektroden drängen die Faserbahnen des Gehirns auf dem Weg in die Tiefe auseinander, sie werden dabei nicht zerschnitten, erklärt Jan Mehrkens, Leiter des Bereichs funktionelle Neurochirurgie im Klinikum Großhadern in München. Das Risiko von neurologischen Ausfällen liege bei einem Prozent.

"Während der Operation verfolgt man den Verlauf der Elektrode mit einem Röntgengerät. Ich sehe die Elektrode, ich sehe mein Rahmensystem, sehe den Schädelknochen. Aber ich sehe das Gehirn selber nicht, sondern das Gehirn sehe ich nur indirekt, auf einem Kernspintomogramm, was vor der OP gemacht worden ist, was dann sozusagen navigiert wird. Die OP läuft dann selber, wenn Sie so wollen, blind ab. Ich muss mich drauf verlassen, dass meine Bildgebung vor der OP gut genug war, dass mein System perfekt eingestellt ist, dass ich dann wirklich auf den Millimeter genau da ankomme, wo ich hinkommen möchte."

Der eigentliche Schrittmacher, ein Kästchen in der Größe einer Zigarettenschachtel, wird ebenfalls unter der Haut implantiert, meist auf Höhe des Brustmuskels oder im Bauchraum. Die Kabel zu den Elektroden im Gehirn werden unter der Haut am Hals entlang verlegt. Die elektrische Spannung liegt bei zwei bis vier Volt. Was die leichten Stromstöße im Gehirn letztlich auslösen, ist noch nicht vollständig erforscht.

"Man weiß seit vielen Jahren, dass die tiefe Hirnstimulation bei vielen Patienten sehr gut hilft, man weiß aber noch nicht zu 100 Prozent, was sie genau macht und was sie vermag, warum es zur Besserung kommt. Es gibt Hypothesen und eine ist vor allen Dingen, dass man Zentren, die überaktiv sind durch den Strom, den man lokal einbringt, wieder runterfährt. Andererseits werden Zentren, die zu wenig aktiv sind, stimuliert und werden enthemmt und können wieder aktiv werden. Das heißt, man versucht mit einem - ich sag mal - freundlichen Störfeuer, die Patienten wieder zu normalisieren, von ihren Strömen, die fließen, auch von den Botenstoffen, die fließen, in diesen Regelkreisläufen."

In Deutschland wurden 30 Patienten operiert

Welcher Zielpunkt im Gehirn der Beste ist, muss sich erst noch zeigen, möglicherweise gibt es mehrere, je nach Ausprägung des Krankheitsbildes. In Deutschland wurden bisher erst etwa 30 Tourette-Patienten operiert, weltweit gibt es rund 120 publizierte Fälle. Derzeit wird unter Wissenschaftlern dennoch schon darüber diskutiert, auch bei Kindern mit starken Tics einen Hirnschrittmacher zu implantieren. Kristen Müller-Vahl:

"Es gibt ja manche Kinder, die ich kenne, Patienten, die sich ein Auge ausgestochen haben, die sich ein Stück von der Zunge abgebissen haben. Neulich hatten wir einen Jungen, der hat sich die Zähne aus dem Mund rausgezogen, wo wir mit Medikamenten wenig bis gar nichts erreichen konnten. Ich glaube, das sind Patienten, wo wir in der Tat gemeinsam mit den Eltern überlegen sollten, ob eine tiefe Hirnstimulation eventuell eine Alternative ist, aber das Risiko der Operation ist relativ gering, und deswegen glaube ich, ist es durchaus zulässig, darüber nachzudenken."

Bei Daniela Janitzek hat sich das Leben durch die Operation grundlegend zum Positiven verändert. Sie muss keine Medikamente mehr nehmen. Die Tics sind weitgehend verschwunden, das Fluchen und Schimpfen ist Vergangenheit. Und sie ist Mutter von zwei Kindern geworden. Dass bei ihr eine Technik eingesetzt wurde, die noch gar nicht vollständig erforscht ist, macht ihr keine Sorgen:

"Ehrlich gesagt, ich mach mir da jetzt auch nicht großartig Gedanken, was mal sein könnte oder was das dann für Spätfolgen haben könnte, wenn so ein Hirn Tag und Nacht unter Strom gesetzt wird. Ich bin so froh, dass es mir so geht, wie es ist, selbst wenn das Gerät nur begrenzt halten sollte, gibt es vielleicht wieder was anderes. Und wenn nicht, für mich hat es sich auf alle Fälle rentiert, schon allein aufgrund der Tatsache, dass ich ohne dieses Gerät nie mich getraut hätte, schwanger zu werden, also schon allein das ist mir mehr wert als alles andere."

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