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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.02.2011

Totgepflegt und eingesargt

Kathrin Rögglas "die unvermeidlichen" in Mannheim

Von Christian Gampert

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Die österreichische Autorin Kathrin Röggla hat für ihr neues Stück die Simultandolmetscher belauscht.  (picture-alliance / Erwin Elsner)
Die österreichische Autorin Kathrin Röggla hat für ihr neues Stück die Simultandolmetscher belauscht. (picture-alliance / Erwin Elsner)

Die sprachkritische Dokumentaristin Kathrin Röggla interessiert sich für den Psychomüll der Globalisierung. Sie hat das Leben von Simultandolmetschern untersucht. Das könnte sehr komisch sein. Die Mannheimer Uraufführung aber pflegt das Stück hingebungsvoll zu Tode.

Internationale Konferenzen haben zwei Probleme: Erstens, es muss eine "Abschlusserklärung" geben, obgleich vielleicht gar nichts beschlossen wurde. Zweitens: Ein jedes Teilnehmerland muss sich ausufernd rhetorisch mitteilen dürfen und hat dabei das Grundrecht auf Simultanübersetzung.

Der notorische Nonsense, der dabei dann herauskommt, überschwappt die Medien; Politdarsteller und Journalisten zappeln in diesem absurden System ebenso wie die aufopfernd tätigen Dolmetscher. Dass diese hoch spezialisierten Sprechblasen-Transporteure auch eine eigene Meinung haben könnten und ein eigenes Leben, kommt dem normalen Konferenzteilnehmer gar nicht in den Sinn.

Der in Berlin lebenden, aber sehr österreichischen Autorin Kathrin Röggla dagegen schon. Röggla ist derzeit eine der wenigen erfreulichen Erscheinungen im Kulturbetrieb, weil sie genau hinhört und das Vorgefundene mit einer selbstreflexiven Sprachwut zu verkünsteln versteht.

Natürlich steht das in der Tradition von H.C.Artmann und besonders von Elfriede Jelinek, aber Röggla hat einen eigenen Sound. Und natürlich ist ihre Methode nicht nur bösartig, sondern nebenbei auch sehr komisch: Der hysterische Jargon der Dauererregten, der Krisenschwadroneure, der Sensationsreporter wird bei ihr endgültig schräg.

Röggla arbeitet oft mit der indirekten Rede als Verfremdungsmittel. Beim Belauschen der Simultandolmetscher hat sie sich aber für ein anderes Verfahren entschieden: Sie lässt, weil im Stück ja sowieso alle Deutsch reden, nie etwas übersetzen, sondern lässt die Protagonisten über ihre Arbeit berichten – in Kabinengesprächen, Gedankensplittern, Klatsch und inneren Monologen.

Die Dolmetscher reden also über sich selbst – und über die Politiker, die sie übersetzen. Das Ergebnis ist von desillusionierender Niederschlagskraft: auch die Macht weiß nicht, was sie will – außer: die Macht behalten. Und die Dolmetscher sind zwar insgeheim subversiv und respektlos, aber auch Komplizen und Rädchen im Getriebe.

Der insgesamt zombiehafte, scheintote Seelenzustand dieser menschlichen Übersetzungs-Maschinen wird nun leider zum Inszenierungs-Prinzip der von Marcus Lobbes verantworteten Mannheimer Uraufführung. Man kann mit Rögglas Material alles Mögliche anstellen: Man kann es aggressiv-kabarettistisch nach vorn spielen, als reine Sprach-Performance – und das wäre im Idealfall ziemlich komisch. Man kann vielleicht auch die einzelnen Figuren, der Engländer, die Französin, der Spanier, die Russin, in ihren globalisierungsentfremdeten Eifersüchteleien ausleuchten. Wobei dabei die Handlungs-Armut von Rögglas Vorlage als größere Schwierigkeit ins Spiel kommt.

Lobbes aber hat genau das getan, was in jedem Fall zu vermeiden ist: Er hat sich eine pseudobetroffene, pseudokritische Versuchsanordnung ausgedacht und stellt die Figuren tumb in den leeren Raum, in eine braune Box, wo sie furchtbar allein und furchtbar unglücklich sein dürfen. Ja, natürlich, die wollen da raus – aber die hohldrehende Geschäftigkeit der simultan übersetzten Weltpolitik wird nun zur quälenden theatralischen Langeweile, und die komische Sprachlosigkeit des (allerdings auch sehr statischen) Röggla-Stücks wird bei Marcus Lobbes zu einem schwülstigen Unglück Ibsenscher Dimension.

Bei Röggla passiert ja noch ein bisschen was: Notarzt, Streikversuch, Vermummte, Demonstranten – kein wirkliches Theaterstück, aber lauter so innere Angst-Delirien der Konferenz-Dolmetscher. Bei Lobbes gibt es, außer der braunen Box, nur ein paar Monitore, auf denen einzelne Figuren ihre Isolation zelebrieren. Man könnte auch sagen: Sechs Schauspieler suchen einen Regisseur.

Am Anfang wird im Mannheim die braune Versuchs-Box aufgeschraubt, am Ende schraubt man sie wieder zu, und die Schauspieler bleiben auch beim Schlussapplaus in ihrer Kiste. Das ist nur konsequent: Marcus Lobbes hat Rögglas Stück regelrecht eingesargt.

"die unvermeidlichen"
Dolmetscher-Drama von Kathrin Röggla
Regie: Marcus Lobbes
Nationaltheater Mannheim

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