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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.06.2016

"Totentanz" am Schauspiel FrankfurtWeil ich Dich hasse!

Von Natascha Pflaumbaum

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"Totentanz" am Schauspiel Frankfurt (Foto: Birgit Hupfeld/Schauspiel Frankfurt)
Oliver Kraushaar und Constanze Becker in dem Stück "Totentanz" unter der Regie von Daniel Foerster am Schauspiel Frankfurt. (Foto: Birgit Hupfeld/Schauspiel Frankfurt)

Edgar und Alice feiern ihre Silberne Hochzeit. Beide verbringen auch diesen Tag damit, sich zu langweilen, sich zu demütigen. Seit 25 Jahren ist das ihr Alltag. Daniel Foerster hat die Komödie "Totentanz" von August Strindberg am Schauspiel Frankfurt in außergewöhnlicher Art und Weise inszeniert.

Es gibt vier brachiale Szenen in der Frankfurter Totentanz-Produktion, mit denen Daniel Foerster zeigt, wie er Theater-Handwerk versteht. Die eine geht so: Nach einer verbalen Demütigungskaskade holt Edgar (Oliver Kraushaar) zwei rohe Eier hervor. Eines davon schlägt er auf, er trennt Eigelb von Eiweiß, nimmt die rohe Eigelbkugel in den Mund und küsst Alice (Constanze Becker). Er "überlässt" ihr dabei das Eigelb, sie hütet es in ihrem Mund, gibt es in einem nächsten Kuss an Edgar zurück, der die kleine gelbe Kugel noch ein weiteres Mal Mund zu Mund an sie "verschickt", bis Alice sie orgiastisch so platzen lässt, dass ihr der gelbe Sabber aus den Mundwinkeln läuft: symbolischer, ekliger, konkreter und doch vieldeutiger kann man einen Blow-Job nicht darstellen. Fantastisch!

Selten hat man im Theater ein so konkret körperliches Erlebnis. Und es ist nicht das einzige Mal, dass sich einem an diesem Abend der Magen krümmt. Drei weitere Male wird Foerster es auf diese Art "krachen" lassen. Torten und Splatter und Schraubzwingen inklusive. Ein Hirn platzt. Hier geht es also ums Extreme, um den Exzess, um die Eskalation.

Der Ehekrieg-Klassiker für vier Personen

Der Regisseur Daniel Foerster ist Mitglied des "Regiestudios" am Schauspiel Frankfurt. Für Strindbergs Texte, vor allem für Strindbergs Figuren, hat er ein Händchen. Seine Arbeit von "Fräulein Julie" ist jedenfalls in diesem Jahr zum "Radikal-Jung"-Festival eingeladen worden. Aus diesem Ehekrieg-Klassiker nun baut er in Frankfurt eine Stück für vier Personen, er lässt am Ende Kurt sterben, und statt des handelsüblichen Strindberg-Realismus bringt er ein leicht surrealistisches Spiel auf die Bühne: zeitlos, ohne konkrete Verortung. Stattdessen konturiert er Menschen mit einer halbwegs klaren psychischen Persönlichkeitsstörung – depressiv, narzisstisch, sadistisch – und lässt sie sich verheddern im immer gleichen Verhaltensmuster aus Demütigung und Vergötterung.

Auf der fahlen schwarzen Bühne von Julia Scheurer marschiert Oliver Kraushaar wie ein Zinnsoldat aus einem Weihnachtsmärchen im rot-schwarzen Rautenpulli umher. Constanze Becker als Alice gibt sich lasziv als Vamp im lilafarbenen Satinkleid mit schwarzer Spitze und Netzstrumpfhose. Kurt (Michael Benthin) erscheint in seinem zu engen Anzug wie ein Zirkusdirektor, und Judith (Alexandra Lukas), die Tochter, schwirrt als Bienchen in einem gelben Hängerkleidchen umher: zwangsnaiv. Man muss sie nur sehen, diese Menschen, und weiß, wer sie sind (Kostüme: Ellen Hofmann).

Kontrast aus Liebkosung und Demütigung

Das szenische Set-up ist reduziert, weil es keine große Rolle spielt. Denn Foerster will spielen, lässt spielen. Und hat dafür vier großartige Spieler zur Hand. Während bei Strindberg die ganze Qual im Text liegt, in jeder Nuance, in der sprachlichen Geste, im Zynismus, der aphoristische Züge annimmt, im himmelschreienden Kontrast aus Liebkosung und Demütigung, also in der simultanen Präsenz von Liebe und Hass, spielt Foerster den Text mit Tempo, Musik, Tanz und brachialer Kraft aus. Es ist, also löse er die Geschichte aus der Zwangsjacke des Konversationsstückes: er schiebt Musik in die Sprache, er schiebt Tanz und wilde Aktion in den Text.

Er bildet nicht ab - er transformiert. Und die vier Spieler können diese Text-Musik-Aktion-Assemblage so verkörpern, dass es realistisches Spiel bleibt: sie tanzen, rangeln, reißen, ächzen auf kleinem Raum. Das ist keine Revue, keine Performance, sondern Theater als große Komposition, das trotz allem auch den Text nicht vernichtet, sondern von Anfang bis Ende Spannung hat. So surreal die Szenen zu Beginn erscheinen, so wirklich mutet doch am Schluss alles an. Ja, so können Ehehöllen aussehen.

Ein unterhaltsamer Abend, nicht nur wegen des außergewöhnlichen Konzepts, der vielen Ideen, sondern vor allem wegen der Schauspieler: Becker, Kraushaar, Benthin und Lukas sind in diesem exaltierten Familienchaos das perfekte Ensemble, wie sie zu viert simultan auf der Bühne sich anspielen, sich bespielen, wie sie als Solisten in intimen "Spielblasen" auf der kleinen Bühne Atmosphären schaffen, ist wirklich sehr sehr große Kunst.

"Totentanz" wird am 22.,26. Juni und am 4. Juli am Schauspiel Frankfurt gezeigt. 

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