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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.09.2013

Totaler Utopismus endet in Totalitarismus

Aldous Huxley: "Schöne neue Welt", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, 368 Seiten

Aldous Huxley hat 1932 eine düstere Vision der Zukunft erschaffen.  (AP Archiv)
Aldous Huxley hat 1932 eine düstere Vision der Zukunft erschaffen. (AP Archiv)

Der Brite Aldous Huxley skizzierte am Vorabend von Nationalsozialismus und Stalinismus eine repressive Weltregierung. Uda Strätling hat seinen 1931 erschienenen Roman "Brave New World" stimmig und mit Bravour neu ins Deutsche übertragen.

Mit Utopien, wissen wir nach dem Jahrhundert der Gewalt, ist das so eine Sache: Manche wären besser nie Realität geworden. Aldous Huxley, der erst durch die Welt und dann in die USA gezogene englische Schriftsteller, wusste das schon 1931 - bevor die beiden größenwahnsinnigsten Konzepte einer "neuen Welt" und des dafür zu formenden "neuen Menschen" ihre ganze mörderische Kraft entfaltet hatten. Totaler Utopismus endet in Totalitarismus. Kreative Denkanarchisten haben ein Gespür für die Folgen, wenn Menschenmögliches wirklich wird. Logisch, dass heute CIA und FBI Drehbuchautoren als Spin Doctors anheuern.

Huxleys "Roman der Zukunft" mit dem ironischen, Shakespeares "Sturm" entliehenen Titel "Brave New World", erschien 1932. In dieser "schönen neuen Welt" schreibt man das Jahr 632 nach Ford, dem Henry Ford, dessen Auto-Modell T 1908 zum Synonym für Fließbandproduktion wurde. Ford ist Gott im Weltstaat, Hedonismus Staatsreligion, Konsum Bürgerpflicht, die Familie abgeschafft, Sex promisk und Schulfach für Kinder. Im Kino laufen keine Talkies, sondern allsinnliche Feelies. Sozialisation richtet, was Biologie verbockt: durch Hypnopädie, "Solidaritätsorgien" und Soma, die Glücksdroge ohne Nebenwirkungen. Gestorben wird topfit mit 60, bis dahin produktiv funktioniert – in einer der fünf Kasten von Alpha bis Epsilon, in die alle prä- und postnatal hineinselektiert und -konditioniert werden. Standardisierung und Kollektivismus schaffen Stabilität. Freiheit, Eigenheit: Ekel oder lachhafte Undinge aus der Geschichte - und die ist generell "Humbug".

So ganz total ist "Menschliches" nicht auszumerzen. Da lebt noch "Wildes" in kleinen Reservaten außerhalb des Weltstaats, lebt drinnen noch eigene Ambition, gar Geschichte in manchen Alphas oder Betas. Huxleys Roman ist eine Versuchsanordnung, in der sich die Utopie - sobald sie sich reibt mit dem Nicht-Standardisierbaren - als Dystopie enttarnt.

Huxley war ein in seiner Zeit geerdeter Satiriker wie Swift oder Defoe. Seine codierten Figuren und Namen - etwa der "primitive" John Savage, der Lesen mit Shakespeare gelernt hat - stecken voller raffinierter Anspielungen. Eine kniffelige Aufgabe für Übersetzer, die Uda Strätling mit einiger Bravour löst. Wunderbar ihre Neologismen – Fühlorama (fürs neue Kino), Fordseidank und Fordverdammich –, fundiert ihre Anmerkungen zu übersetzerischen Entscheidungen. Über manches kann man streiten, etwa über den "Leuchtfeuerturm" für das kurze "lighthouse", oder manche Rhythmusbrüche und Umständlichkeiten. Dass Scopolamin hier Scolopamin und Gandhi Ghandi heißt, ist sicher nur ein redaktioneller Schnitzer.

Insgesamt hat die neue Übersetzung einen stimmigen, eigenen Ton, eine Mischung aus "Altfränk'sch" und "Neudeutsch", die zunächst irritiert, aber genau damit – auf einer anderen Ebene – die Irritationen nachbildet, die Huxleys Roman vor 80 Jahren ausgelöst hatte. Und das ist gut so, denn irritieren lassen soll man sich dringend wieder von diesem Buch - gerade heute in unserem schönen neuen Digistan der grenzenlosen Kommunikation - auch so einer fast total verwirklichten Glücksutopie.

Besprochen von Pieke Biermann

Aldous Huxley: Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft
Aus dem Englischen übersetzt von Uda Strätling
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013
368 Seiten, 19,99 Euro

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