Seit 18:30 Uhr Weltzeit

Dienstag, 28.01.2020
 
Seit 18:30 Uhr Weltzeit

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.07.2005

Toskana in Sachsen-Anhalt

Das Theaterschloss Hohenerxleben

Von Verena Kemna

Podcast abonnieren
Schloss Hohenerxleben in Sachsen-Anhalt (Stadt Staßfurt)
Schloss Hohenerxleben in Sachsen-Anhalt (Stadt Staßfurt)

Schloss Hohenerxleben stand nach der Wende jahrelang leer, bis eine Gruppe von Künstlern sich seiner annahm, eine Stiftung gründete und das Schloss wieder mit Leben füllte. Nun gibt es in den alten Gemäuern eine Theaterwerkstatt, eine Schneiderei, ein Restaurant und jede Menge zufriedener Besucher, die sich fühlen wie in der Toskana.

Lindenbäume duften, auf einem Rondell vor dem Hof wachsen dichte Büsche mit faustgroßen Rosenblüten, rot und weiß. Ingrid von Krosigk, Präsidentin der Stiftung Schloss Hohenerxleben, ist Schriftstellerin und leidenschaftliche Gärtnerin.

"Wir sind 'ne Gemeinschaft, in der jeder den Auftrag hat, sich weiter zu entwickeln, seiner Begabung gemäß. Wie kann er sie rausfinden, wenn er nur auf der Bühne steht und sich nicht auch auf Gesang oder Kindertheater einlässt. Wir brauchen jemand zum Abwaschen, dann kommen die von der Bühne runter und decken und waschen mit ab. "

Sie ist der Geist hinter den mächtigen Efeu bewachsenen Schlossmauern. Die ältesten Steine sind achthundert Jahre alt. Schloss Hohenerxleben, das sind schiefergedeckte Giebel, verzierte Portale, Sandstein und verputzte Flächen. Renoviert wird nach und nach.

Nach der Wende hat das Gemäuer jahrelang leer gestanden. Die Dorfjugend, die Alten, die sich noch an die letzten Schlossherren der Familie von Krosigk erinnern, jeder konnte hinein, sich bedienen. Seit acht Jahren ist Ruhe, seit acht Jahren gibt es für das Schloss inmitten ländlicher Idylle wieder eine Vision.

"Das, was mich wirklich bewegt hat, wirklich auf die Suche zu gehen und mit anderen Menschen etwas zusammen zu tun, so dass jeder seinen Ideen nachgeht und es dann zusammenkommt zu einem großen Ganzen. "

Wenn Christine Labhard aus Bern so etwas sagt, klingt es selbstverständlich, sie meint es auch so. Sie und drei andere haben Hohenerxleben vor Jahren als Ruine gekauft und aus der Lebensaufgabe eine gemeinnützige Stiftung gemacht. Für alle, die hier leben, Theater spielen, musizieren, schreiben oder Blumen züchten, ist dieser Ort zwischen Laubbäumen und weiten hügeligen Wiesen Bestimmung.

Christine Labhard war gerade im Backhaus. Dort knetet die gelernte Krankenschwester zweimal in der Woche Brot aus Urgetreide.

"Was für mich auch wichtig war, hier für die Menschen etwas zu tun. Erstmal zu lernen von den Menschen, die hier sind, und ich habe ja auch im Dorf die Spinnwerkstatt aufgebaut und das war nur möglich mit den Menschen, die hier sind, das wäre alleine gar nicht gegangen. "

Dann kommt Kerstin Wentzek. Sie strahlt, ihre Augen funkeln. Jeder Rundgang beginnt in der guten Stube, dem Schlossrestaurant. Holztäfelung an den Wänden, an der Decke, dazwischen abstrakte Wandgemälde in Pastellfarben.

"Der Boden und das Holz ist Original. Das war nur überstrichen mit dunklem Lack und das musste entfernt werden, damit das wieder diese warme Honigfarbe kriegt. "

Die Dielen knirschen. Die massiven Holztische sind für achtzig Personen gedeckt, große weiße Stoffservietten, blitzende Weingläser, alles ist bereit. Da stehen auch Stühle und Notenständer für die Künstler. Der italienische Abend ist ausverkauft, wie immer. Kulinarisches mit Musik und Texten aus verschiedenen Ländern hat längst ein Stammpublikum. Genauso wie das Theater im Weißen Saal.

"Das ist jetzt der Aufgang zu unserem Theater, das ist unsere aktuelle Baustelle. Hier soll ein Foyer entstehen zum Empfang der Gäste für unsere Theatervorstellungen. Man sieht hier, dass hier ein Teil des Raumes von einer Wand verdeckt war. Der Stuck hier war noch erhalten und alles andere wird gerade nachgezogen. "

Sie hat in England Schauspiel studiert, wollte eigentlich etwas Richtiges lernen. Das Schauspiel im Schloss sollte nur ein Ferienjob sein. Längst ist sie festes Mitglied im hauseigenen Theaterensemble. An diesem Wochenende spielt sie die Iphigenie, im Theater im Weißen Saal. Das Linoleum aus DDR-Zeiten riecht noch immer, der rote Samtvorhang hängt lose von der Decke. Kerstin Wentzek mustert liebevoll jedes Detail.

"Das ist der weiße Saal, das ist natürlich mein Lieblingsraum. Das ist der Raum, in dem wir zweimal im Monat Theater machen. Die Bühne ist variabel, die steht mal längs, mal quer und dieser Saal wird als allerletztes gemacht. Damit alle Erfahrung hier reingeht, wenn wir wirklich wissen, wie es sein soll. "

Unten in der Schlossküche steht Christian Alberter vor Töpfen und Pfannen. Durch das Fenster kann er direkt in den Garten sehen. Er hat bunte Blüten gesammelt, zum Essen und als Schmuck. Geschmorte Auberginen, Champignons, Paprika - alles ist fertig für den italienischen Abend. Es duftet nach Schmorbraten.

"Antipasti, Gemüse mariniert und dann haben wir Carpaccio, also frisches Gemüse mit Parmesan, verschiedene Nudeln mit einer Artischocken-Lachssoße, mit Wermut, ganz besonders. "

Er hat Medizin studiert. Im Dienst des gemeinsamen Schlossprojektes widmet sich Christian Alberter rund um die Uhr seiner wahren Leidenschaft, dem Kochen. Er macht es gut. Auch an diesem Abend sitzen die Stammgäste dicht gedrängt. Sie wissen, so ein Abend ist wie ein Fest bei Freunden.

"Insbesondere, weil es sehr vielfältig ist und ich kann hier auch richtig Kraft tanken. Es ist nicht was Herkömmliches, immer wieder ein anderes Angebot und immer wieder schön. Anders kann ich es gar nicht beschreiben. "

Schloss Hohenerxleben

Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

Schloss Hohenerxleben

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Lyrikfestival "Poetica" in KölnGedichte im Widerstand
Porträt von Herta Müller, deutsche Schriftstellerin, Autorin und Nobelpreisträgerin. (laif/ Martin Lengemann)

Um das Widerstandspotenzial von Poesie ging es auf dem Festival "Poetica" in Köln. Kurator Jan Wagner bezeichnete das Gedicht als "eine Kapsel voller Freiheit". Lyrik dürfe keine Ideologie sein, meinte Herta Müller, sondern müsse die Welt berühren.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur