Tornow hofft auf "Durchbruch" für Filmwirtschaft

Moderation: Gabi Wuttke |
Die Generalsekretärin der Produzentenvereinigung "film20", Georgia Tornow, hat das neue Modell der Bundesregierung zur Stärkung der Filmproduktion in Deutschland begrüßt. Sie hoffe auf einen "Aufbruch und Durchbruch" für die deutsche Filmwirtschaft durch die Einführung des international bereits erfolgreichen Anreizmodells zum 1.1.2007, sagte Tornow. Mit steuerlichen Vergünstigungen werde Deutschland auch für ausländische Produzenten attraktiv, betonte sie.
Gabi Wuttke: Es würde mich wundern, wenn Sie den Beschluss nicht begrüßen würden.

Georgia Tornow: Da haben Sie Recht. Wir müssten auch irgendwie verrückt sein, wenn wir es nicht täten. Wir haben drei Jahre, ach eigentlich dreieinhalb, daran gearbeitet, in Deutschland so etwas Ähnliches wie ein international übliches Incentive-Modell, Anreizmodell heißt so etwas, das Filmproduktionen nach Deutschland lockt und deutsche Filmproduzenten zu attraktiveren Partnern macht - auch für andere und für sich selber selbstverständlich auch, also für den deutschen Film auch. Und diese dreieinhalb Jahre, irgendwie gehen die jetzt sozusagen für uns auf. Also das ist ein Modell, von dem wir wirklich hoffen, dass es Aufbruch und Durchbruch für die deutsche Filmwirtschaft bedeutet.

Wuttke: Heißt das man kann daraus schließen, dass Sie bei der Vorgängerin von Bernd Neumann mit Ihrer Forderung auf Granit gebissen haben?

Tornow: Gar nicht, im Gegenteil, wir haben eigentlich von Anfang an immer auch Unterstützung in der Politik gehabt. Aber total hartleibig hat sich bisher das Finanzministerium jedes Mal dargestellt.

Wuttke: Ah, der Herr Eichel war schuld.

Tornow: Ach Gott, was heißt der Herr Eichel war schuld, vielleicht auch die Haushaltslage. Also auf jeden Fall sind wir immer von hü nach hott geschickt worden. Das war ein bisschen wie Schiffschaukeln, muss man sagen. Und die Tatsache, dass wir immer, auch in anderen Ländern, bei anderen Modellen, nachweisen konnten, dass solche Anreizsysteme zum Anlocken von Filmindustrie, Filmproduktion ins eigene Land, mit dazu führen, dass Steuer-Mehreinnahmen entstehen. Also die Steuer-Mehreinnahmen, die wir auch jetzt erwarten, liegen, ja ich weiß nicht, dreimal, viermal so hoch, wie das bei diesen 60 Millionen angezeigt ist. Und wir haben in der Zwischenzeit auch von den Ländern gehört, dass sie nur eines nicht wollen: Sie wollen nicht die Wiederkehr der Fonds. Dafür haben sie sich ganz deutlich ausgesprochen. Und ansonsten haben sie gesagt, ja, ein Zulagenmodell für Film, das können sie sich vorstellen.

Wuttke: Aber Brandenburg bürgt gerade für einen Film, der im Studio Babelsberg gedreht werden soll, mit fast fünf Millionen Euro. Und hofft natürlich, davon fließt alles ins eigene Land zurück. Nun wird dann ja ein Projekt umgesetzt, in dem trotzdem der Bund zuerst einmal die Hand darauf hält und dann verteilt.

Tornow: Nein, der Bund verteilt nicht einfach, sondern es gibt bestimmte Quoten, die zwischen Ländern und Bund in den Steuergesetzen festgelegt sind, in der Frage, wie viele Anteile hat wer, an welchen Steuerarten. Wissen Sie, das ist jetzt alles unglaublich speziell, aber es ist einfach nicht so, dass der Bund jetzt sagen kann, nein, das wollen wir einfach haben.

Wuttke: Natürlich ist aber das, was an die Länder dann zurückgeht, kleiner, als der Teil den sie haben würden, wenn sie sich allein um ihre Filmförderung kümmern.

Tornow: Ja, das mag sein, aber das haben wir ja auch jetzt schon. Wir haben ja Länderförderung. Die Länderförderung alleine hat aber nicht diesen Anreizeffekt auch für große Produktionen aus dem Ausland. Das ist richtig. Damit die aber nun nicht alles schlucken, muss man deren Möglichkeiten auch ein bisschen deckeln. Die können also nicht den ganzen Topf sozusagen leer machen. Das wäre ja ein Effekt, den wir auch nicht wollen.

Sondern wir wollen mehreres mit einem erreichen: Wir wollen sicherlich ausländische Produzenten auch anreizen, hier zu produzieren. Wir wollen die deutschen Produzenten in ihrer finanziellen Ausstattung stabilisieren. Und wir wollen die deutschen Produzenten attraktiver machen für europäische Koproduktionen, also überhaupt als Koproduktionspartner. Und das kann man alles dadurch erreichen, dass man ihnen den letzten Teil der Finanzierung, also diese berühmten 15 bis 20 Prozent, dass man ihnen das erleichtert. Und genau da setzt dieses Modell auch an.

Wuttke: Aber ausgewürfelt, wer was wofür bekommt, das ist noch nicht geschehen?

Tornow: Nein, es gibt im Moment die Ankündigung, dass es sicher ist - ja, nicht mehr nur eine Absichtserklärung, oder so etwas, sondern die Ankündigung, dass es sicher ist - dass im Zusammenhang des gesamten Bundeshaushalts für diesen Topf eine Summe von 60 Millionen pro Jahr vorgesehen ist. Und dass vor diesem Hintergrund der Beginn, also sozusagen der Startschuss für diese Maßnahme, ab 1.1.2007 sein soll. So, das ist alles, was man im Moment sagen kann. Die näheren Einzelheiten will der Kulturstaatsminister, also Bernd Neumann, auch im Zusammenhang mit der Arbeitsgruppe, die er ja schon installiert hat, weiterentwickeln. Und er hat die Arbeitsgruppe beauftragt, da jetzt a tempo daran zu arbeiten.

Wuttke: Der Kulturstaatsminister setzt, Sie haben es ja auch schon erwähnt, auf volkswirtschaftliche Effekte. Auch Sie haben keine konkreten Zahlen genannt. Jetzt erinnere ich nur einmal, es ist uns allen noch in Erinnerung: die Expo in Hannover: Da hat man sich auch viel versprochen und zum Schluss kam nicht einmal ein Nullsummenspiel dabei heraus. Also ist der Optimismus nicht vielleicht ein bisschen zu groß, wenn man sich anschaut, wie viele Projekte in Deutschland dann doch letztlich gelaufen sind?

Tornow: Das sehe ich nicht. Das sehe ich wirklich nicht, weil, ich kann mir jetzt nicht die deutsche Situation nach hinten ankucken, da haben wir ja kein Incentive-System gehabt. Ich muss mir ankucken was zum Beispiel die Iren, was die Engländer, was auch die Franzosen an Effekten für ihre Produktion nennen. Und das ist so überzeugend, dass wir, ich sage das noch einmal, weil man das einfach mal zusammenfassen muss, sagen muss, man kann, alles was eingesetzt wird, um so einen Anreiz möglich zu machen, und dann in der Filmproduktion ausgegeben wird - das ist ja eine sehr arbeitsintensive Produktion, ja, da sind sehr viele Beschäftigte, da sind auch sehr viele Nebeneffekte, Catering, ich weiß nicht was alles, was in der Region bleibt. Also all das was da passiert, das muss man mit dem Faktor vier, also mal vier ganz simpel, nehmen, und so rechnet man international. Und ich wüsste keinen Grund, warum das nicht in Deutschland auch der Fall sein sollte.

Wuttke: Der Staat stockt auf. Wie steht das eigentlich, Frau Tornow, mit der Filmförderung in Deutschland mit privatem Kapital?

Tornow: Ja, das ist eine ganz wichtige Frage. Ich meine, privates Kapital ist keine Förderung, um das mal ganz klar zu sagen. Sondern privates Kapital will Rendite.

Wuttke: Ist privates Kapital!

Tornow: Ja, will Rendite. Da haben die auch völlig Recht mit. Wir hatten uns eigentlich gewünscht, dass es einen Anreiz dafür gibt, dass Private ihr Geld in die Filmwirtschaft tun. Und das heißt, damit auch noch einmal eine Hebelwirkung, dass es mehr ist, als unter Umständen 60 Millionen oder dergleichen. Da haben sich aber im Moment die Länder dagegen ausgesprochen. Und jetzt ist es einfach so: Dann muss man einfach realistisch und pragmatisch die politischen Rahmenbedingungen, die im Moment da sind, die muss man jetzt einfach einmal anerkennen und sagen: Ok, dann nehmen wir das andere Modell, das es auch gibt und das auch international Erfolge gebracht hat.

Wichtig ist im Moment eigentlich nur eines: Die Konkurrenz schläft nicht. Überall in Europa gibt es das. Und wir wollen nicht zum weißen Fleck auf der europäischen Filmproduktions-Landkarte werden. Und unsere Leute sollen auch attraktive Produktionspartner sein, international. So und deswegen geht es jetzt vor allen Dingen darum, dass auch bei uns ab 1.1. wirklich rechtssicher und mit nachhaltigem Effekt ein Modell installiert ist. Wir können jetzt nicht mehr länger warten, sonst sagen die anderen, ach ja, das ist ja alles ganz lustig, aber warum sollen wir mit den Deutschen arbeiten, die haben ja nichts zu bieten.

Wuttke: Na ja, nun ist ja noch der Bundestag gefragt.

Tornow: Ja. Und ich kann Ihnen sagen, ich hoffe wirklich sehr, dass sich den Argumenten, dass es hier auch darum geht, ja, mit einem sehr schnellen Effekt Wachstum und Arbeitsplätze in diesem Bereich weiterzuentwickeln. Und die andere Sache ist, es geht noch ein bisschen um etwas weiteres: Diese ganzen Länder, die international versuchen, Filmwirtschaft bei sich anzusiedeln, die tun das natürlich auch deswegen, weil das wirklich eine große Zukunftsindustrie ist. Und wenn Sie wissen, und auch hören immer, Handy-TV und ich weiß nicht was alles, Internet-TV - überhaupt alles was wir im Internet haben, wird immer mehr nicht sprachgestützt sondern bildgestützt sein - dann weiß man, dass die Bewegtbild-Produktion einfach wirklich eine Schlüsselindustrie der Zukunft ist.

Und es wäre verrückt, da jetzt nicht zu versuchen, so viel wie möglich auch an Praxis, an Erfahrungen, ja, an wirtschaftlichem Standort entstehen zu lassen. Denn dann verpasst man auch noch etwas anderes: nicht nur die Arbeitsplätze von hier und heute, sondern auch die der Zukunft. Dann ist man nämlich nicht mehr richtig innovationsfähig. Und das ist die Weichenstellung, von der ich jetzt behaupten würde - das ist auch übrigens im Bundestag angekommen, wir hatten ja auch vorher schon Debatten im Kulturausschuss. Und da war man sich sehr einig in dieser Richtung.