Seit 05:05 Uhr Studio 9

Dienstag, 13.11.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Fazit | Beitrag vom 17.10.2018

Tomás Saraceno im Palais de TokyoGefangen im Netz

Von Kathrin Hondl

Beitrag hören Podcast abonnieren
Tomás Saraceno inmitten seiner spinnwebenartigen Installation "On Air" im Palais de Tokyo in Paris. (Deutschlandradio / Kathrin Hondl)
Der Künstler Tomás Saraceno im Palais de Tokyo in Paris (Deutschlandradio / Kathrin Hondl)

Im Palais de Tokyo in Paris hat der argentinische Künstler Tomas Saraceno riesige Spinnennetze installiert. „On Air“ heißt das Projekt, das eines für den ganzen Planeten sein will: ein politisches wie poetisches Zusammenspiel der Disziplinen.

Es liegt was in der Luft. Im Lichtkegel eines Scheinwerfers sehen wir es sogar im sonst dunklen Raum: Staub. Viele viele kleine Staubpartikel. Die Erklärtafel an der Wand liefert die Zahlen dazu: "25 Milliarden Moleküle finden sich in jedem Kubikzentimeter Luft", heisst es da. Und Tomas Saraceno bringt die Luft zum Klingen. Den vorhandenen Feinstaub hat er mit "kosmischem Staub" angereichert. Kameras zeichnen Bewegungen und Kollisionen der Staubpartikel in Echtzeit auf. Die Daten werden in Klänge übersetzt. "Particular Matter(s) Jam Session" heißt die Installation.

"So erforschen wir die Wege und Bewegungen, mit denen wir durch den Staub navigieren. Zum Beispiel jetzt, in diesem Moment, in dem ich spreche: Wenn Du den Staub vor mir beleuchten würdest, würde er sich auf eine ganz bestimmte Weise bewegen. Und je nachdem wie ich 'hallo' sage, gibt es andere Wellen im Staub."

Die Bewohner des Museums entdecken

"Hallo", das sagt Tomas Saraceno nicht nur zu Menschen. Ihm geht es um ein weiter gehendes Bewusstsein dafür, mit wem wir eigentlich zusammenleben. Auch im Museum. Als er in den Palais de Tokyo kam, um die Ausstellung vorzubereiten, sei deshalb seine erste Frage gewesen: "Sind wir hier allein?"

"Wer lebt hier? Wir sind dann mit einer Taschenlampe durchs Museum und entdeckten seine Bewohner. Da gab es faszinierende Spinnennetze in den Ecken. Ganz vorsichtig beleuchteten wir die Arbeit der Spinnen. Und dann sagten wir uns: Wir wäre es, ihnen Mikrofone zu geben, um ihre Vibrationen zu hören, vielleicht haben sie uns etwas zu sagen. Vielleicht gibt es da eine Welt, die wir immer noch nicht kennen. Wir wissen nicht, mit wem wir in unseren Häusern zusammen wohnen. Es ist ein erster Schritt, zu bemerken, dass es auf diesem Planeten etwas gibt, das schon lange vor uns da war."

Mehr als 500 Spinnen entdeckte Tomas Saraceno im Palais de Tokyo. Arachnophobiker würde es gruseln, aber den Künstler und Architekten Saraceno faszinieren Spinnen schon lange. In seinem Berliner Atelier sind über dreihundert Webspinnen aktiv, sie sind sozusagen seine Assistentinnen. Ihre Werke bilden im Palais de Tokyo jetzt eine eigenartige schwebende Landschaft: 76 schillernde Spinnennetze hat Saraceno in der Ausstellung installiert – zauberhaft schöne Skulpturen auf schwarzen Podesten, spärlich und effektvoll beleuchtet. Hochsensible Mikrofone machen auch hier die Vibrationen der zarten Gebilde hörbar. "Webs of At-tent(s)ion" nennt der Künstler diese luftige Netz-Installation.

Ein Zeitalter der Luft

Saraceno geht es um mehr als die fragile Schönheit von Spinnennetzen und klingenden Partikeln in der Luft. Die Luft bedeutet für ihn nicht weniger als die Zukunft des Planeten. Schon vor drei Jahren hat er, parallel zur Pariser Weltklimakonferenz, ein neues Zeitalter ausgerufen. Ein Zeitalter der Luft - das Aerozän – soll das vom Menschen dominierte Anthropozän ablösen. Saraceno träumt von einem anderen Leben in der Luft, einer neuen Ethik, einem Leben ohne Grenzen und vor allem ohne fossile Brennstoffe, die Luft und Klima ruinieren. Und er arbeitet ernsthaft an der Aerozän-Zukunft. Wie fliegen allein durch Wind und Wärme möglich werden kann, das experimentiert Saraceno auch zusammen mit Wissenschaftlern vom MIT in Boston oder der Nasa.

"Wir müssen neue Narrative erfinden, ein neues Zusammenspiel der Disziplinen. Manchmal sollte ich aufhören, ein Künstler zu sein, du solltest aufhören, Journalistin zu sein, das Gleiche gilt für Wissenschaftler. Denn wir müssen doch anerkennen, dass wir alle, jeder für sich, scheitern in unseren Erzählungen über den Zustand des Planeten und der Lebewesen, die ihn bewohnen. Wer nicht mehr weiter weiß, sollte anfangen, mit anderen zusammenzuarbeiten. In der Ausstellung geht es darum, was daraus entstehen kann."  

Die "On Air"-Ausstellung im Palais de Tokyo ist ein gleichermaßen politisches wie poetisches Projekt: Eine "kosmische Jam Session", sagt Tomas Saraceno. Man kann das natürlich als – im Wortsinn – Spinnerei oder utopischen Hippiekitsch abtun und in den nächsten Billigflieger steigen. Oder das Angebot annehmen und darüber nachdenken, ob es vielleicht doch noch andere relevante Stimmen auf diesem Planeten gibt als die der Menschen.

Mehr zum Thema

Gallery Weekend in Berlin - Die Krise drückt auf die Party-Stimmung
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 29.04.2016)

Kunst - Die soziale Utopie der Spinnen
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 26.07.2014)

"Davon träumen, in einer Wolke zu leben"
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 13.12.2011)

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur