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Buchkritik | Beitrag vom 31.05.2021

Tom Holland: „Herrschaft. Die Entstehung des Westens“Am Anfang stand das Kreuz

Von Arno Orzessek

Buchcover "Herrschaft. Die Entstehung des Westens" von Tom Holland. (Deutschlandradio / Klett-Cotta)
In seinem Buch "Herrschaft" erklärt Tom Holland die Entwicklung Europas aus dem Geist des Christentums. (Deutschlandradio / Klett-Cotta)

Der britische Schriftsteller Tom Holland hat eine monumentale Geschichte Europas vorgelegt, die alles, aber auch wirklich alles aus dem Christentum heraus erklärt.

Haben Sie Lust auf einen erstklassigen Leserausch? Dann lesen Sie dieses Buch! "Es geht um die größte Geschichte aller Zeiten", verspricht Tom Holland. Damit meint er nicht etwa die Geschichte des Westens, sondern die des Christentums, das aus seiner Sicht verantwortlich ist für Ursprung, Gestalt und Begriff des "Westens".

Alles, auch Hollands Buch, beginnt mit der Kreuzigung Jesu. Da stirbt jemand den grausigen Foltertod eines Sklaven, will aber Gottes Sohn sein. Für Juden sei das nicht bloß Blasphemie gewesen – "das war Wahnsinn".

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Für Christen aber wurde die Kreuzigung zu der Achse, "um die sich das Universum dreht". Der Autor ist offenbar einer dieser Christen. Er ist es während der Arbeit an "Herrschaft" erst so richtig geworden, wie er andeutet.

All you need is love

Holland erschafft ein holistisches Bild von 2000 Jahren Christentum, indem er Kapitel um Kapitel markante Ereignisse und Orte ansteuert. Er verfolgt das Wirken des Reise-Apostels Paulus. Er verweilt im Karthago des 7. Jahrhunderts, als die Christen von Sarazenen bedrängt werden, die im Namen eines gewissen Mohammed unterwegs sind. Er breitet die Untaten der Inquisition an diversen Scheiterhaufen aus, besucht die ersten Universitäten in Bologna, Padua, Paris, beleuchtet die lange Reihe der Reformationen bis hin zu Luther und Calvin und begleitet Ausgrabungen von Dinosaurier-Skeletten in Montana (Schöpfung oder Evolution?).

Er räumt dem pazifistischen Prediger Martin Luther King viel Platz ein und genauso dem Beatles-Song "All you need is love" – für Holland die Quintessenz des Christentums als sangbare Kurzformel und Reformulierung des paulinischen "...die Liebe aber ist die größte unter ihnen".

Anschaulichkeit und Pathos

Der Leserausch entwickelt sich, weil Holland fachlich solide Geschichtsschreibung glanzvoll mit literarischer Darstellungskraft und wuchtigem Sound verbindet. Die geistigen und philosophischen Dimensionen des Christentums werden stets samt ihren körperlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen sichtbar.

Gewalt und Sexualität, Askese und Fanatismus, Häresie und Verfolgung, Blut, Ejakulat und Exkremente – mehr Anschaulichkeit ist kaum denkbar, mehr Pathos auch nicht. Hier und da verliert Holland die rhetorische Kontrolle. Dann ist der Schutz, den die Stadt Genf protestantischen Flüchtlingen bietet, "wie das Wasser der Quelle für eine dürstende Hirschkuh". Aber im Ganzen ist der Vortrag absolut fesselnd.

Eine Frage des Glaubens

Nur dass der rauschhaften Lektüre der Kater bereits schmerzhaft eingeschrieben ist. Denn Holland erklärt sich buchstäblich alles Westliche monokausal aus dem Christentum; nichts schöpft seinen Wert aus sich selbst oder anderen Quellen.

Wissenschaft? Ein Kind der Scholastik. Säkularisation? Eine dialektische Folge christlicher Freiheit. Homosexuellen-Rechte, Feminismus und LGBTQ? Späte Resultate von Jesu Liebesgebot. Aufklärung, Agnostizismus, Atheismus, Nietzsches "Übermensch"? Bloße Reaktionen, nichts wirklich Eigenes. Der Islamische Staat? Steht "in einer Abstammungslinie vom anabaptistischen Münster" (puh!).

Die üppige Vielfalt des Buches verengt sich letztlich zu Hollands schmalem Credo: Auf Golgatha wurde der kosmische Samen gelegt, aus dem allein seit Jahrtausenden unsere Geschichte keimt, basta. Wer das so glauben kann, der wird vielleicht auch selig. Ungläubigen bleibt immerhin das Lesevergnügen.

Tom Holland: "Herrschaft. Die Entstehung des Westens"
Aus dem Englischen von Susanne Held
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2021
624 Seiten, 28 Euro

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