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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 03.11.2015

Toleranz im TaxiBei Rassismus hört der Spaß auf

Von Katja Bigalke

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Durch fast nichts aus der Ruhe zu bringen: der Taxifahrer Muhammed Ergün. (privat)
Durch fast nichts aus der Ruhe zu bringen: der Taxifahrer Muhammed Ergün. (privat)

Der Taxifahrer Muhammed Ergün arbeitet mit Leidenschaft. Seine Fahrgäste sollen sich wohlfühlen, sagt er. Manchmal kommt er jedoch an seine Grenzen - wenn er fremdenfeindliche Kommentare ertragen muss.

"Ich bin Muhammed Ergün, ich fahre jetzt seit mittlerweile acht Jahren Taxi. Eigentlich bin ich in den Beruf reingerutscht, mein Onkel ist Taxiunternehmer, mein Vater ist Taxifahrer."

Jetzt ist auch der Sohn Taxifahrer. Oder Taxi-Unternehmer – wie er sagt. Das Großraumtaxi mit Platz für acht Leute ist nämlich seins.

"Das Taxi gehört mir, mein Papa ist mein angestellter Fahrer."

Ein kleines Unternehmen also: ein Auto, zwei Fahrer. Der eine fährt nachts, der andere tagsüber. Mal so, mal so. Im Moment fährt Ergün die Tagschicht. Obwohl er die Nachtschicht lieber mag. Mehr Kunden, mehr Geschichten, sagt er.

Ergün ist ein ausgesprochen sympathischer Taxifahrer. Freundlich, ruhig, hilfsbereit. Auf dem Armaturenbrett liegen zwei Bücher, die er gerade liest.

"Ein Buch über den IS und das Lexikon des Unwissens."

Im Kofferraum hat er Kindersitze in allen erdenklichen Größen. Und er nimmt auch Hunde gerne mit. Er will, dass es seinen Fahrgästen an nichts fehlt, dass sie sich wohl fühlen während der Viertelstunde, die sie im Schnitt mit ihm verbringen.

"Gerade in der Nachtschicht, wenn jüngere Leute einsteigen, hören die gerne laute Musik. Ich hab kein Problem damit, die Musik voll aufzudrehen, mit den Leuten mitzufeiern, macht den Beruf schöner. Statt hinter dem Steuer zu sitzen und alles abzublocken, was von hinten kommt, mache ich mit den Gästen mit."

Auch mit bis zur Übelkeit volltrunkenen Erwachsenen hat Ergün kein Problem.

"Wenn ich merke dass sich ein Fahrgast übergeben könnte, sage ich, wenn du merkst, dass es gleich kommt, sag Bescheid. Ich fahre dann auch meistens sanfter, ist noch nicht vorgekommen, dass da einer quer durch das Taxi gekotzt hat."

Manchmal kommt Ergün an seine Grenzen

Muhammed Ergün hat verschiedene Theorien zum Thema Toleranzschwelle. Er meint, diese sinke mit dem Alter, habe aber auch viel mit Erziehung und Kultur zu tun. Er selbst ist in Berlin-Kreuzberg groß geworden. Da habe man sich schon früh mit sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen arrangieren müssen. Das helfe.

Irgendwie schafft Ergün es immer die Ruhe zu behalten und die Situation zu beruhigen. Aber es gibt Momente, da kommt auch er an seine Grenzen. Gestern gab es eine, die war nah dran, erzählt er. Eine Frau, die eine Tour mit Hund bestellt hat, dann aber ohne Hund mitfuhr.

"Und dann bevor sie ausstieg, sagt sie: Ich muss Ihnen was beichten, ich hab gar keinen Hund. Und dann erzählt sie, sie hätte mal einen Tipp von einem deutschen Taxifahrer bekommen wie man keinen türkischen Taxifahrer bekommt, weil die meisten nehmen keine Hunde mit. Deswegen lieber mit Hund bestellen. Es war eine Masche, der Hund war ein Vorwand, um keinen türkischen Taxifahrer zu bekommen. Ich fand das schon hart an der Grenze."

Einmal ist ihm auch schon richtig der Kragen geplatzt. Die einzige Fahrt, die er jemals unterbrochen hat:

"Ich hatte mal einen Fahrgast aus Schöneberg, eine ältere Dame, die ist dann eingestiegen und sie hat dann gesagt: Ich hab einen deutschen Taxifahrer bestellt und was schicken die mir? Einen Scheiß Kanaken. Ich hab dann gesagt, die Fahrt ist beendet, steigen Sie aus. Sie sagte dann, sie hat kein Geld und kann nicht bezahlen. Das hat mich so getroffen, dann hab ich gesagt, wir fahren zur Polizeidienststelle und ich erstatte Anzeige. Das ging mir sehr an die Substanz. Ich kann Beleidigungen ab und Ärger, aber das ist ein No-Go, jemanden so nach seiner Herkunft zu beleidigen. Da ist bei mir so die Grenze erreicht."

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