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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.09.2013

Töten aus Mitgefühl

Martin Winckler: "Es wird leicht, du wirst sehen", Kunstmann Verlag, München 2013, 160 Seiten

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Der Ich-Erzähler nimmt das Lebensende seiner Patienten selbst in die Hand (picture alliance / dpa)
Der Ich-Erzähler nimmt das Lebensende seiner Patienten selbst in die Hand (picture alliance / dpa)

Der Eid des Hippokrates verbietet jedem Arzt ausdrücklich, eine Abtreibung vorzunehmen oder Sterbehilfe zu leisten. Was aber, wenn das Leben des Patienten nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr zu retten ist? Martin Winckler schrieb darüber einen ebenso mitfühlenden wie verstörenden Roman.

Vor 13 Jahren erschien Martin Wincklers Buch "Doktor Bruno Sachs", ein umfangreicher, faszinierender Episodenroman über einen Landarzt. Der Autor (der eigentlich Marc Zaffran heißt, das Pseudonym stammt aus George Perecs "Das Leben. Eine Gebrauchsanweisung") ist selber Mediziner. Und auch sein neues Buch, diesmal ganz schmal, handelt von einem Arzt, Emmanuel Zacks.

Obwohl Winckler nach den Regeln des autobiografischen Romans schreibt – ungeordnetes, assoziatives Heraufholen des scheinbar Vergessenen, "unwillkürliche Erinnerung" à la Proust – und trotz der klangähnlichen Namen Zaffran, Sachs, Zacks, haben wir es nicht mit autobiografischer Literatur zu tun. Gleichwohl haben seine Erfahrungen als Arzt in Frankreich (mittlerweile lebt er in Kanada) selbstredend deutliche Spuren hinterlassen. In "Es wird leicht, du wirst sehen" ist der Arzt der Ich-Erzähler.

Er berichtet, wie er durch den Tod seiner Katze zum Arztberuf gekommen ist, von seinem Studium, von den verschiedenen Etappen, die er durchlaufen, den Tätigkeiten, die er ausüben muss, von Schwangerschaftsabbrüchen bis hin zur Schmerzbehandlung. Emmanuel hat ein phänomenales Gedächtnis – und er hat ein ausgeprägtes Mitgefühl, die Schmerzen seiner Patienten spürt er am eigenen Leibe. Dies bringt ihn schon bald in Konflikt mit der Institution Krankenhaus. Vor allem die menschenverachtenden Verhältnisse in den Sterbeabteilungen sind für ihn unerträglich.

Der Arzt als Beichtvater

André ist der erste. Der ehemalige Kollege kennt Emmanuel als verständnisvollen, einfühlenden Mediziner. Und er ist unheilbar krank, er will nicht mehr. Er beruhigt Emmanuel: "Es wird leicht, du wirst sehen." Nach und nach kommen andere, meistens Männer, die nicht mehr wollen. Das einzige, was die Todgeweihten noch wollen, ist zu erzählen. Emmanuel wird zu ihrem Beichtvater. Das wird im Buch zwar bestritten, aber was sie erzählen, sind immer ungewöhnliche, teils skandalöse, teils tragische Ereignisse: Morde, Unfälle, Schicksalsironien, an denen sie beteiligt waren, sie wollen also Erleichterung und Erlösung, bevor sie sterben. Es sind Beichten.

Es hört sich paradox oder gar zynisch an, aber das Buch ist tatsächlich spannend. Winckler ist ein effektvoller Autor, der stets auf die Pointe hin schreibt. Dazu gehört auch eine Amour fou, die fast unglaublich klingt. Und doch ist es der ergreifendste Roman seit langem. Auch, weil man etwas Objektives nicht erwarten darf. Das Buch ist absolut parteiisch, geradezu einseitig. Ein Kritiker hat gar von Verklärung gesprochen. Das ist wirklich das Verstörende daran: dass aus Humanität getötet wird. Zwar nicht am Fließband, aber doch auf Anfrage, und die kommt häufig. Das ist Emmanuel selbst bewusst, denn oft denkt er an den Film, dessen Titel lautet "Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss".

Besprochen von Peter Urban-Halle

Martin Winckler: Es wird leicht, du wirst sehen. Roman
Aus dem Französischen von Doris Heinemann
Verlag Antje Kunstmann, München 2013
160 Seiten, 16,95 Euro

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