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Zeitfragen | Beitrag vom 07.08.2019

Todestag von Rudolf Manga BellEin Opfer der Willkür deutscher Kolonialherren

Von Anne Françoise Weber

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Historisches Fotografie von Manga Bell (Jean-Pierre Félix-Eyoum)
Rudolf Manga Bell (1873 - 1914) wehrte sich gegen das unrechtmäßige Vorgehen der deutschen Kolonialmacht. (Jean-Pierre Félix-Eyoum)

Am 8. August 1914 wurde Rudolf Manga Bell hingerichtet: Ein Justizmord, den die deutsche Kolonialverwaltung im zentralafrikanischen Kamerun begangen hat. 105 Jahre nach seinem Tod ist die Erinnerung an den König des Duala-Volkes dort noch lebendig.

In Douala, der Wirtschaftsmetropole Kameruns, steht an einer zentralen Straßenkreuzung ein seltsames Gebäude. Die Pagode wird es oft genannt, und tatsächlich erinnern die durch Dachvorsprünge getrennten und nach oben immer kleiner werdenden Stockwerke ein wenig daran – über die Briten war indischer Baustil auch nach Kamerun gekommen.

"Le Palais" steht auf einem Schild auf der Fassade zum Platz, daneben der Name einer internationalen Biermarke. Denn das 1905 als Palast der Königsfamilie Bell errichtete Gebäude ist seit einigen Jahren eine Bar.

Im Königspalast ist heute eine Bar

Drin läuft zwar schon Musik und die bunten Strahler sind eingeschaltet, aber es sind noch keine Gäste da. Türsteher Clovis führt durch den großen Raum mit dem U-förmigen Tisch und den schweren Stühle und in die Seitenräume mit den kleinen Sitzecken.

An den Wänden stehen in großen schwarzen Lettern Sätze wie: "Sie haben versucht, uns zu beerdigen, ohne zu wissen, dass wir Samen waren."

Gemeint sind wohl die nationalen Ikonen, die den Kampf gegen die Kolonialisierung Kameruns mit ihrem Leben bezahlt haben – nachfolgenden Generationen aber als Vorbild dienten. Einer von ihnen war Rudolf Manga Bell, der diesen Palast von seinem Vater erbte. Getötet haben ihn die deutschen Kolonialherren, das weiß auch Wächter Clovis, seit er hier arbeitet.

Der heruntergekommene alte Palast von König Douala Manga Bell an einer Straßenecke in der Region Douala in Kamerun. (imago / imagebroker / Matthias Graben)Hier residierte König Rudolf Manga Bell: Der alte Palast wird in Douala heute oft "Pagode" genannt. (imago / imagebroker / Matthias Graben)

Davor sagte ihm der Name Rudolf Manga Bell nichts: "Ich habe die Geschichte nicht gekannt, denn ich war nie in der Schule. Ich weiß nicht viel - erst hier habe ich erfahren, dass er ein König war und so, das wusste ich nicht, weil ich nicht studiert habe."

Manga Bells Urenkelin erinnert sich

Mehr weiß dagegen die Urenkelin von Rudolf Manga Bell – Marilyn Douala Bell. Sie hat in einem Nebengebäude des Palasts in den 1990ern zusammen mit ihrem französischen Mann eine Kunstgalerie eröffnet – warum das Hauptgebäude an einen Franzosen verpachtet wurde, der daraus eine Bar machte, darüber spricht sie lieber nicht.

Aber sie erzählt, wie sie als Mädchen jedes Jahr an den gewaltsamen Tod ihres Urgroßvaters erinnert wurde: "Ich bin an der Seite der jüngsten Tochter von Rudolf Douala Manga Bell aufgewachsen. Mit ihr hat sich die Familie jedes Jahr am 8. August am frühen Morgen versammelt und einen Blumenkranz auf seinem Grab abgelegt. Es war immer ein Geheimnis für mich, diese große, wunderschöne Frau zu sehen, wie sie dort weinte und über diesen Verlust nachdachte, der ihr ganzes Leben geprägt hat – und natürlich die ganze Familie geprägt hat."

Rudolf Douala Manga Bell wird 1873 als erstes Kind von August Manga Ndumbe Bell geboren – die deutsche Handelsgesellschaft C. Woermann ist da bereits seit fünf Jahren in Kamerun ansässig. Elf Jahre später, 1884, unterzeichnet Rudolfs Großvater King Bell zusammen mit anderen Oberhäuptern des Volkes der Douala einen sogenannten Schutzvertrag mit Vertretern des deutschen Kaiserreichs.

Zusammenarbeit mit der Kolonialverwaltung

Rudolfs Vater hält die Zusammenarbeit mit den Deutschen für so wichtig, dass er seinen Sohn für fünf Jahre nach Deutschland schickt – Rudolf lebt im schwäbischen Aalen in einer Lehrerfamilie und soll auch an der Universität Bonn Jura studiert haben. Nach seiner Rückkehr arbeitet er zunächst für die Kolonialverwaltung, bevor er nach dem Tod seines Vaters die Regierungsgeschäfte übernimmt.

"Ich glaube, er war jemand, der Gesetze respektieren wollte und loyal war", sagt Marilyn Douala Bell. "Wenn er sich verpflichtete, hielt er diese Verpflichtungen – jedenfalls sagt das die Legende."

Doch Rudolf Douala Manga Bell erlebt, wie die deutsche Kolonialverwaltung nach und nach alle Zusagen des Schutzvertrags bricht – zunächst die, den Douala ihr Handelsmonopol mit dem Landesinneren zu lassen. Die deutschen Kolonialherren behandeln die Kameruner nicht nur mit Herablassung, sie üben Gewalt und Willkürherrschaft aus.

Aufstände anderer Familienverbände werden blutig niedergeschlagen. Manga Bell ruft seine Leute nicht dazu auf. Er setzt auf schriftliche Eingaben an die deutschen Behörden und auf die Mobilisierung der deutschen Öffentlichkeit.

Marilyn Douala Bell spricht in ein Mikrofon. (Roméo Ghislain Zafack)Marilyn Douala Bell ist eine Urenkelin des ermordeten Rudolf Douala Manga Bell. (Roméo Ghislain Zafack)

"Rudolf Douala Manga Bell ist nicht der einzige, der Telegramme unterzeichnet, die mehr Respekt fordern", sagt Marilyn Douala Bell. "Aber er wird zu der Person, auf die sich die verschiedenen Oberhäupter und Könige einigen, um ihren Kampf zu tragen. Denn er hat die Sprach- und die Rechtskenntnisse. Er kennt die Prinzipien und die Verfahrensweisen."

Beschwerde gegen Willkür der deutschen Kolonialherren

Im November 1911, als klar ist, dass die Deutschen mit dem Plan einer europäischen Stadt auf dem Boden der Douala ernst machen wollen, schreibt Manga Bell deswegen eine formelle Beschwerde im Namen aller Douala:

"Den hohen deutschen Reichstag bitten Duala-Oberhäuptlinge mit Rücksicht auf ihre Wehrlosigkeit gehorsamst den Bundesrat bzw. den Herrn Reichskanzler hochgeneigtest ersuchen zu wollen, Maßnahmen zur Rückgängigmachung der vom hiesigen Gouvernement beabsichtigten Enteignung unseres ganzen Grund und Bodens und Zurückdrängung des Duala-Volkes vom Fluss zu ergreifen, dadurch die Existenzfähigkeit des ganzen Volkes in Frage gestellt."

Es bleibt nicht bei diesem Telegramm, die Douala formulieren auch eine ausführliche Eingabe an den Reichstag. Außerdem schicken sie einen Vertreter nach Deutschland, der Kontakt zu Journalisten und Rechtsanwälten aufnimmt. Mit gewissem Erfolg –Reichstagsabgeordnete rügen die Behördenwillkür in Kamerun, die Enteignung wird zunächst ausgesetzt.

Hinrichtung wegen angeblichen Hochverrats

Doch die Kolonialverwaltung setzt alles daran, ihre Pläne durchzusetzen und scheut auch nicht davor zurück, Manga Bell auf Grundlage vermutlich gekaufter Zeugenaussagen des Hochverrats zu beschuldigen. Kurze Zeit später wird er zusammen mit Ngoso Din, der in seinem Auftrag nach Deutschland gereist war, verurteilt und gehängt.

Rudolf Douala Manga Bell war den deutschen Kolonialherren gerade durch sein friedliches, auf den Rechtsstaat vertrauendes Vorgehen besonders gefährlich geworden, wie der Journalist Christian Bommarius es in seinem Buch "Der gute Deutsche" über die Ermordung Manga Bells beschreibt. Denn: "Seine Beharrlichkeit beseitigte alle Zweifel, dass Manga Bell den tiefsten Sinn des Rechts – die gewaltfreie Konfliktlösung besser als seine deutschen Widersacher verstanden hatte."

Der Überlieferung nach betonte Manga Bell noch in seinen letzten Worten vor der Hinrichtung das unrechtmäßige Vorgehen: "Unschuldiges Blut hängt ihr auf. Umsonst tötet ihr mich. Aber die Folge davon wird die größte sein."

Symbolfigur für Kampf um Unabhängigkeit Kameruns

Eine späte Folge war sicherlich der Kampf der Kameruner um ihre Unabhängigkeit – den sie letztlich gegen die Franzosen und Briten ausfechten mussten, weil diese sich nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg Kamerun als Kolonie aufteilten. Im Kampf um Unabhängigkeit war Manga Bell eine wichtige, einende Figur.

Seine Urenkelin, Marilyn Douala Bell, betont trotzdem eines: "Am nächsten Tag wurden hier in Douala 200 Menschen gehängt. Von ihnen spricht man nicht. Ich bin Nachkommin eines dieser Märtyrer und ich teile den Schmerz mit den Nachfahren aller anderen, all dieser Unbekannten. Es war eine Zeit voller Gewalt. Dass man den Namen des Anführers bewahrt - umso besser. Aber man darf die anderen nicht vergessen, das finde ich wichtig."

Literaturtipp
Christian Bommarius: Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914
Berenberg Verlag, Berlin 2015
152 Seiten, 20 Euro

Widerstand gegen Manga-Bell-Platz - Wie in Berlin um einen Straßennamen gestritten wird, berichtet Manfred Götze.

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