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Aktuell / Archiv | Beitrag vom 22.09.2019

Tod mit 90 JahrenDichter Günter Kunert gestorben

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Schwarz-weiß-Porträt des Schriftstellers Günter Kunert. (dpa-Zentralbild / ZB / Sören Stache)
Schriftsteller Günter Kunert sprach am 14. Februar 2019 über sein dieses Jahr erschienenes Buch "Die zweite Frau". (dpa-Zentralbild / ZB / Sören Stache)

Der Dichter und Schriftsteller Günter Kunert ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Er war einer der einflussreichsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart und hinterlässt ein Werk von beinahe unüberschaubarer Größe.

Der Dichter und Schriftsteller Günter Kunert ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Er starb am Samstagabend in seinem Haus im schleswig-holsteinischen Kaisborstel im Alter von 90 Jahren. Er sei an den Folgen einer Lungenentzündung zu Hause gestorben, sagte seine Witwe Erika Hinckel. 

Kunert gilt als einer der vielseitigsten und bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart und wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Insbesondere in den 1980er Jahren widmete er sich auch der Malerei und Grafik, einige seiner Bücher illustrierte er selbst.

An die bewegte Lebensgeschichte und das Werk Günter Kunerts erinnern wir ab 23.05 Uhr in der Sendung "Fazit". Moderator Johannes Nichelmann spricht dann mit dem Schriftsteller Friedrich Christian Delius. 

In Kunerts Leben und Werk spiegelt sich die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert: Geboren 1929 in Berlin noch zur Zeit der Weimarer Republik, wuchs er in der Nazizeit auf - verunglimpft als sogenannter Halbjude, denn seine Mutter war Jüdin. Er sprach von "einer staatlich verpfuschten Kindheit".

Ein Werk von kaum zu überschauender Größe

Sein kaum noch überschaubares Werk umfasst neben der Lyrik Kurzgeschichten und Erzählungen, Essays, autobiographische Aufzeichnungen, Aphorismen, Glossen und Satiren, Märchen, Reiseskizzen, Kinderbücher, Hörspiele, Drehbücher und vieles mehr. Im Zentrum seines Schreibens steht das Gedicht. Bestimmende Themen in seinem Werk sind "Ortlosigkeit und Unbehaustheit in einem existenziellen Sinne", heißt es im Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. 

Er selbst bezeichnete sich mal als "Seismograf unserer Zeit": "Ich registriere das Erdbeben, aber ich kann es nicht verhindern", sagte er dem MDR. Literatur sei "das letzte bedeutende Element von Sinnstiftung, nachdem die übergreifenden Prinzipien ihre Allgemeingültigkeit eingebüßt haben und die Ethik zur individuellen Moral geworden ist".

Schreiben, um die Welt zu ertragen

Bereits 1964 äußerte er einmal, er schreibe, um die Welt, die pausenlos ins Nichts zerfällt, zu ertragen. Früh wies er auch auf die Gefahren der Umweltverschmutzung hin. Aus dieser Haltung speist sich sein Ruf als Schwarzseher, von skeptischen Kritikern wird Kunert ironisch als "Kassandra von Kaisborstel" bezeichnet. In dem Ort lebte er seit 1979.

Günter Kunert wurde am 6. März 1929 als Sohn des Kaufmanns Adolf Kunert in Berlin geboren. Seine Mutter Edith war Jüdin und wurde während des Zweiten Weltkrieges zur Zwangsarbeit in einem Rüstungsbetrieb verpflichtet, ihr Bruder wurde deportiert. Als Kind war er oft krank und las sehr viel.

Nach dem Volksschulabschluss blieben ihm wegen seiner jüdischen Abstammung alle weiterführenden Schulen verschlossen. 1943 wurde er Lehrling in einem Bekleidungsgeschäft, ab 1946 studierte er fünf Semester an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee, zunächst Grafik, dann Mode, brach sein Studium dann jedoch ab.

Brecht war wichtig für Kunert

Nach dem Zweiten Weltkrieg machte Kunert mit ersten satirischen Gedichten und Kurzgeschichten in der Zeitschrift "Ulenspiegel" auf sich aufmerksam. 1949 schloss er sich der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) an. Entdeckt und protegiert von Johannes R. Becher, orientierte sich der junge Dichter stark an Bertolt Brecht, den er 1951 kennengelernt hatte.

Neben seiner Tätigkeit als freier Schriftsteller in der DDR arbeitete Kunert ab 1952 an verschiedenen Zeitungen mit und verfasste zahlreiche Beiträge für Film, Fernsehen und Rundfunk. Bis zu seiner Übersiedelung in die Bundesrepublik 1979 galt Kunert in der DDR als einer der vielseitigsten und meistgelesenen Autoren.

Ab Mitte der 1960er Jahre setzte er sich stärker mit Spannungen und Konflikten innerhalb der realsozialistischen Gesellschaft auseinander, sprachlich verdichtet in inhaltlichen Brüchen und Paradoxien als Merkmale seiner Gedichte. Inhaltlich kündeten sie von der Absage an jeglichen Geschichtsoptimismus. An einen gesellschaftlich-humanitären Fortschritt, einhergehend mit der technologischen Entwicklung zu glauben, lehnte er ab.

Seine Einstellung sorgt für Probleme mit den Kulturbehörden

Der Roman "Im Namen der Hüte" (1967) thematisierte den Mythos der "Stunde Null" nach 1945 und das Unvermögen, Erinnerung in der sich stabilisierenden Gesellschaft warnend aufrechtzuerhalten. Wegen seiner skeptisch-pessimistischen Einstellung und seiner Kritik am realen Sozialismus bekam Kunert zunehmend Probleme mit den Kulturbehörden der DDR, Veröffentlichungssperren und Stasi-Belästigungen wurden zur Regel.

1976 gehörte Kunert zu den Erstunterzeichnern des Protestbriefes einer Reihe von DDR-Schriftstellern gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. In der Folge wurde er aus der SED-Mitgliederliste gestrichen, die offizielle Kritik an seiner Arbeit verschärfte sich. Im Oktober 1979 verließ er im Besitz eines Ausreisevisums mit seiner Frau die DDR und übersiedelte in die Bundesrepublik. "Ich habe zuletzt keine Zeile mehr geschrieben, weil ich nicht mehr die Kraft für eine schöpferische Tätigkeit gefunden habe", erklärte er bei seiner Ankunft im Westen.

Günter Kuhnert fotografiet anläßlich seines neunzigsten Geburtstages in seiner Wohnung in Kaisborstel. (dpa /  Georg Wendt)Günter Kunert anlässlich seines neunzigsten Geburtstags am 11. Februar 2019 in seiner Wohnung in Kaisborstel /Schleswig Holsteini (dpa / Georg Wendt)

In der Bundesrepublik dagegen machte ihn gerade diese Haltung bekannt. Seine ab 1963 beim Hanser-Verlag verlegten Publikationen ("Erinnerungen an einen Planeten", "Tagträume") brachten ihm internationales Ansehen. Den Ton der Skepsis und Verzweiflung behielt Kunert bei. "Meine Angst hat sich rapide verringert, aber meine Befürchtungen sind gewachsen".

"Die zweite Frau" ist sein letztes Werk

Kunert ging hart mit verschiedenen ostdeutschen Kollegen ins Gericht und kündigte Anfang 1992 aus Protest gegen die vom westdeutschen Akademiepräsidenten Walter Jens verfolgte "en bloc"-Übernahme der ostdeutschen Akademiemitglieder seine Mitgliedschaft in der West-Berliner Akademie der Künste. Auch im Frühjahr 1995 protestierte er gegen eine angestrebte Vereinigung der Autorenverbände von PEN-West und PEN-Ost. Stets wandte er sich auch gegen die Schließung der Stasi-Akten und eine versöhnliche Haltung gegenüber ehemaligen Stasi-Tätern. Ende 1996 schließlich trat er mit anderen aus dem PEN-Zentrum Westdeutschland aus.

Jüngst hat er einen Roman veröffentlicht, den er in den 70er-Jahren über die DDR geschrieben hatte. So ehrlich, dass er ihn keinem Verlag zeigte. Mit Ende 80 hat er "Die zweite Frau" beim Kelleraufräumen wiedergefunden. Er hatte ihn im Bewusstsein geschrieben, ihn ohnehin nicht veröffentlichen zu können. Entsprechend munter schrieb er drauflos, ohne Grenzen und Schrecken im Nacken: über Stasi-Deppen, Tristesse im DDR-Alltag, inklusive Pornoheftchenschmuggel über die Grenze. "Es ist wahrlich ein kühner Roman, völlig frei vom sozialistischen Geist, in allen Richtungen unkorrekt. Was für ein Fund! Was wir jetzt in den Händen halten, ist eine kleine Zeitreise in die DDR", sagte DLF Kultur-Kritikerin Elke Schlinsog.

(mfu)

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