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Tonart | Beitrag vom 11.07.2017

Tod der E-Gitarre?Wenn das Gitarrenheulen ungehört bleibt

Von Martin Böttcher

Gitarrist Angus Young während eines AC/DC-Konzerts (imago/ZUMA Press)
Gitarrist Angus Young während eines AC/DC-Konzerts (imago/ZUMA Press)

Kein Rock'n'Roll ohne elektrische Gitarre! So jedenfalls bislang die gängige Gleichung. Doch jetzt schreiben die großen Hersteller von E-Gitarren wie Gibson und Fender rote Zahlen. Warum? Weil neue Saiten-Heroen fehlen, findet Martin Böttcher.

Stop, stop, stop! Für Trauerreden ist es zu früh! Ganz tot sind sie ja noch nicht, diese E-Gitarre und diese Rockmusik. Sie riechen allerdings schon ziemlich stark – nach altem Mann! Kein Wunder: Die großen Riffs haben Jahrzehnte auf dem Buckel.

Erinnern wir uns ein bisschen an diese Zeit: kein Internet, kein Krawallfernsehen, keine Videospiele, keine Berufsjugendlichen. Aber wilde Musiker, die ihre Gitarre schwenkten und frei über die Bühne fegten.

Fast ausschließlich Männer waren es, die ihre E-Gitarren bearbeiteten, masturbierenden Jungs nicht unähnlich. Überhaupt: Diese Instrumente mit den sechs Saiten, waren sie nicht Penisverlängerung, Schutzschild, Hinweispfeil in Richtung Genital in einem?

Aber über so etwas sprach man ja nicht, so etwas wurde im Verborgenen zur Kenntnis genommen, damals in den 60ern, den 70ern – der großen Zeit der großen Riffs!

Keyboard-Spieler waren uncool

Die 80er und 90er – schon weniger prüde. Aber auch nicht schlecht für die E-Gitarre.

Warum? Weil alle Welt sehen konnte, dass ein Keyboard-Spieler seinem Instrument zwar auch interessante Töne entlocken konnte. Nur gefährlich, gefährlich wirkte das überhaupt nicht.

Ganz anders die Rockmusik: Immer härter die Gitarren, immer wilder die Haare – und dann die ganzen Mädchen, die die Rockstars an Land zogen! Ja, die Mädchen, die wollte auch der ganz normale Junge haben. Und ging in den Laden, um sich eine E-Gitarre zu kaufen.

Der Rocker ist peinlich geworden

Damit ist es jetzt vorbei! Nicht mehr der Mann an der elektrischen Gitarre, sondern DJs, RapperInnen, SängerInnen und MusikerInnen an gar nicht mehr so nerdig wirkenden Keyboards beherrschen die Bühnen, Akustik-Gitarren sowieso.

Wer hätte das gedacht? Der Rocker, der sich an seinem Instrument abarbeitet, er ist irgendwie peinlich geworden! So gewollt, so uncool! Luftgitarren-Wettbewerbe und Guitar-Hero-Videospiele, bei denen man die ausgelutschten Riffs nachzuspielen hatte, waren wohl auch keine so gute Idee.

Die folgende Gleichung ist denn auch ganz einfach: Keine Rockidole gleich keine Kids, die ihnen nacheifern wollen, gleich Gitarre liegt tot im Laden. Ob sich das noch mal ändert? Wohl nur, wenn neue Saiten-Heroen kommen. Also, wo sind sie, die neuen Helden und Heldinnen?

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