Zum Tod von Ali Mitgutsch

"Die Wimmelbücher waren eine Revolution"

06:50 Minuten
Undatiertes Porträt-Foto von Ali Mitgutsch in schwarz-weiß.
Ali Mitgutsch war als Kind ein Träumer - und das stand auch in seinem Zeugnis drin: träumt immer. © picture alliance / dpa / Volker Derlath / Ravensburger Buchverlag
Kim Kindermann im Gespräch mit Andrea Gerk · 12.01.2022
Audio herunterladen
Seine Wimmelbücher haben Generationen von Kindern geprägt, sein Blick für das Alltägliche und Absurde zeichnete ihn aus. Nun ist der Illustrator Ali Mitgutsch im Alter von 86 Jahren gestorben.
Der Kinderbuchautor und Zeichner Ali Mitgutsch ist tot. Mit seinen Wimmelbüchern ist er im kollektiven Gedächtnis unzähliger Eltern- und Kindergenerationen verankert.
1968 erschien sein erstes Wimmelbuch „Rundherum in meiner Stadt“. Ein Jahr später erhielt er dafür den Deutschen Jugendbuchpreis. Seitdem sind mehr als 70 Bücher, Poster und Puzzles mit seinen Figuren und Zeichnungen erschienen.
"Die Wimmelbücher waren eine richtige Revolution. Er hat ein neues Genre geschaffen, eine Darstellungsweise, in der alles gleichzeitig passiert", sagt unsere Literaturkritikerin Kim Kindermann.

Bücher ohne Worte

Allein in Deutschland gingen über fünf Millionen Exemplare der ohne Worte auskommenden Kinderbücher über die Ladentische, international kamen mehr als drei Millionen verkaufte Exemplare dazu.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige jederzeit wieder deaktivieren.

"Ich habe ihn 2014 in München getroffen, da war er Ende 70 und schon etwas gezeichnet vom Alter, hatte ein paar Erinnerungslücken, trotzdem war er sehr beeindruckend: strahlende Augen, schlank und drahtig, sehr feingliedrige Hände, und die Mütze und der Schnurrbart. Beides seine Markenzeichen", berichtet Kindermann.

Ein Kind, dass sich die Welt erträumte

Menschen jeden Alters lieben Mitgutschs Bücher - bis heute, auch wenn manches inzwischen etwas aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Bagger, Traktoren und Autos sehen heute ganz anders aus als vor mehr als 50 Jahren, als die Bücher in die Kinderzimmer einzogen.

Raus aus der Märchenwelt, rein ins normale Leben: Ali Mitgutschs „Wimmelbücher“ haben in den 70er-Jahren den Kinderbuchmarkt revolutioniert. 2014 trafen wir den Illustrator zum großen Radiogespräch, das wir hier für Sie wieder online gestellt haben .

Doch altmodisch wirken sie keineswegs, denn das Zwischenmenschliche darin hat sich nicht verändert. Bis heute sind Menschen schadenfroh, boshaft, verbissen, enttäuscht, neugierig und vergnügt.
Futter für seine Bilder bekam Mitgutsch auf Streifzügen durch die Stadt, vor allem durch sein geliebtes Schwabing. "Dazu habe ich stets einen kleinen Block und einen Stift dabei und zeichne flink Skizzen, mit denen ich dann später arbeite", erzählte er einmal in einem Interview.

Feines Gespür für Stimmungen

Schon als Kind war der am 21. August 1935 in München geborene Mitgutsch ein guter Beobachter, mit feinem Gespür für Stimmungen und Befindlichkeiten. Auch sein Talent für das Zeichnen zeigte sich früh.
Doch das Leben war hart: Der Zweite Weltkrieg, Heimatlosigkeit, Hunger und bittere Not prägten seine Kindheit. Sein großer Bruder fiel in Russland an der Front. Als München bombardiert wurde, floh die Familie aufs Land. Dort waren die Mitgutschs ungeliebte, bitterarme Flüchtlinge.
Zum Tod von Ali Mitgutsch - Ein Nachruf
06:27 Minuten
Der schüchterne Junge, der eigentlich Alfons hieß, litt unter den Demütigungen anderer Kinder. So zog er alleine los: "Ich wanderte durch die Auen und den Wald allein und träumte mir die Abenteuer, die ich in Wirklichkeit nicht erlebt habe, weil ich keine Freunde hatte", erinnerte sich der Künstler später.
Nach dem Krieg besserte sich die Lage der Bäckerfamilie mit zwei Töchtern und einem Sohn kaum. Hungrig eroberten sich die Kinder die Stadt zurück: Sie spielten zwischen Trümmern und in ausgebombten Kellern, suchten nach Altmetall.

Wie Ali Baba und die 40 Räuber

Von solchen Streifzügen kehrte Alfons oft völlig verdreckt zurück - wie "Ali Baba und die 40 Räuber", erklärte er einmal seinen Spitznamen Ali.
Was ihn in dieser schweren Zeit besonders half, waren die Geschichten seiner Mutter. Sie konnte ihren Kindern zwar kein wohlhabendes Elternhaus bieten, dafür aber eine reiche Fantasie. "Sie hüllte uns regelrecht ein mit ihren Worten, und wir gaben uns ihnen ganz und gar hin und fühlten uns darin geborgen", schrieb Mitgutsch in den Kindheitserinnerungen "Herzanzünder".
Kinderbuchautor Ali Mitgutsch gestorben
04:17 Minuten
Dann ein prägendes Erlebnis: eine Fahrt mit dem Riesenrad auf dem Münchner Jahrmarkt Auer Dult, eine seltene Freude. Was der Junge aus der Gondel sah, faszinierte ihn.
"Es waren Bilder mit vielen Details, es passierte so viel gleichzeitig, die Geschichten gingen nicht aus: Menschen liefen über den Platz, kamen zu Gruppen zusammen, lösten sich wieder auf, Kinder jagten hintereinander her, Karren wurden gezogen, eine Frau sammelte ihren Einkauf vom Pflaster und ein Junge kletterte einen Laternenpfahl hinauf."

Der Blick von oben

Das Riesenrad findet sich im ersten Wimmelbuch "Rundherum in meiner Stadt". "Die Aufsicht auf Dinge und Situationen blieb für mich ein Leben lang ein spannendes Thema: Sie wurde die Perspektive all meiner Wimmelbilder", berichtete der Zeichner später.
Es folgten viele weitere Alltagsgeschichten. Aus dem Schwimmbad, vom Bauernhof, aus den Bergen oder aus der Stadt. Ein zeitloses Panoptikum des Lebens, voller Freuden, Bosheiten und Missgeschicken, mit farbenfroher Fröhlichkeit und einem ironischen Blick auf Kleinigkeiten und menschliche Schwächen.
Ein Mann rutscht auf einem Kuhfladen aus, beobachtet von einem Mädchen, dass schadenfroh lacht. Ein Anderer räkelt sich im Freibad in der Sonne, nicht ahnend, dass ihn bald ein kalter Wasserguss treffen wird. Dem Lauser, der diesen Angriff plant, steht freudige Bosheit ins Gesicht geschrieben. Und was passiert dann?

Im Garten der Fantasie

Schon kleine Kinder spinnen die Geschichten gerne weiter - und genau das wollte Ali Mitgutsch erreichen: "Meine Wimmelbücher sind gemacht, um die Kinder in die Gärten der Fantasie zu führen, dass sie selber weitermachen."
(nho/ahe/dpa)

Abonnieren Sie unseren Weekender-Newsletter!

Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche, jeden Freitag direkt in ihr E-Mail-Postfach.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung!

Wir haben Ihnen eine E-Mail mit einem Bestätigungslink zugeschickt.

Falls Sie keine Bestätigungs-Mail für Ihre Registrierung in Ihrem Posteingang sehen, prüfen Sie bitte Ihren Spam-Ordner.

Willkommen zurück!

Sie sind bereits zu diesem Newsletter angemeldet.

Bitte überprüfen Sie Ihre E-Mail Adresse.
Bitte akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung.
Mehr zum Thema