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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.07.2013

Tocqueville in den Vereinigten Staaten

Alexis de Tocqueville: "Fünfzehn Tage in der Wildnis", diaphanes Verlag, Berlin 2013,112 Seiten

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Der französische Philosoph und Jurist Alexis de Tocqueville (picture alliance / dpa/ akg-images)
Der französische Philosoph und Jurist Alexis de Tocqueville (picture alliance / dpa/ akg-images)

Der französische Philosoph und Jurist Alexis de Tocqueville reiste in den 1830er-Jahren durch die USA. Dabei traf er auf große Widersprüche, die er sehr offen festhielt. Sein Bericht, ein Vorläufer des Standardwerks "Über die Demokratie in Amerika", liegt nun auf Deutsch vor.

Er lebte in einer Zeit der Widersprüche. Der französische Adelige Alexis de Tocqueville, geboren 1805, wuchs auf im nachrevolutionären Frankreich, in einem erst von Napoleon, dann von der Restauration beherrschten Europa - wo liberale und monarchistische Kräfte miteinander rangen.

1831 wurde der Philosoph und Jurist gemeinsam mit seinem Freund Gustave de Beaumont, dem Prokurator des Königs am Versailler Gericht, von der französischen Regierung beauftragt, das Strafvollzugssystem der Vereinigten Staaten von Amerika zu untersuchen. Man versprach sich davon Anregungen für eine mögliche Reform im eigenen Land.

Eine freie Gesellschaft, die Sklaven kannte

Beaumont und Tocqueville kamen im Mai 1831 in New York an und verbrachten knapp zehn Monate in verschiedenen Staaten der jungen amerikanischen Demokratie. Rückblickend gab Beaumont zu, die Begutachtung der amerikanischen Gefängnisse sei "mehr Vorwand als Anlass" für die ausgedehnte Amerikareise gewesen. Die beiden jungen Männer aus dem alten Europa genossen vor allem die Erfahrung einer "neuen Welt". Sie trafen auf Eingeborene und Pioniere, Grenzen der Zivilisation und unbewohnte Räume. Sie erlebten den Alltag einer modernen Demokratie, eine Gesellschaft von Freien und Gleichen - die aber Sklaverei und Kolonialismus kannte.

Tocqueville, "erfüllt von Erinnerungen an Chateaubriand und Cooper", nahm mit großer Offenheit Widersprüche zur Kenntnis - dass sein Bild vom "edlen Wilden" ebenso oberflächlich war wie das Loblied auf dessen Zivilisierung durch die Weißen.

Sein zweibändiges Standardwerk "Über die Demokratie in Amerika", 1835 veröffentlicht, findet einen Vorläufer in dem kleinen Aufsatz "Fünfzehn Tage in der Wildnis". Erstmals erschien er 1866, wenige Jahre nach Tocquevilles Tod, in den vom Freund Beaumont herausgegebenen gesammelten Werken des Autors. Und liegt nun, ergänzt um ein Nachwort und eine Erinnerung Beaumonts, auf Deutsch vor.

Höchste Zivilisation und Wildnis treffen aufeinander

Tocqueville verfasste "Fünfzehn Tage in der Wildnis", noch während er in Nordamerika unterwegs war. Seine Eindrücke sind noch nicht zu einer politischen Theorie ausgearbeitet, doch vermitteln sie ungemein plastisch das Erkenntnisinteresse des Reisenden sowie seine Grundgedanken zu Sitten und Gewohnheiten der amerikanischen Gesellschaft, den "moeurs", denen Tocqueville in seiner politischen Theorie einen überragenden Stellenwert zuspricht.

Überzeugt davon, dass für die Prosperität Amerikas die Weite seiner unbewohnten Räume entscheidend sei, reisten er und Beaumont in die Wildnis. Sie machten beim Überqueren der "frontier" die Erfahrung, dass höchste Zivilisation und sich selbst überlassene Natur direkt aufeinander treffen.

"Ich glaubte dort zwischen ein paar Längengraden die gesamte Geschichte der Menschheit eingerahmt zu finden."

Tocquevilles Gedanken über die Landschaft verbinden sich so immer auch mit denen über die existierende und zu schaffende menschliche Gesellschaft. Frappierend ist: dass Tocqueville im "Geist der Gleichheit" die Gefahr des Uniformen erkennt; dass die Freiheit des Pioniers auch Isolation bedeutet; dass in einer Gesellschaft, die Gleichheit proklamiert, Hautfarbe, soziales und intellektuelles Niveau gesellschaftliche Klassifizierung hervorbringen; dass er Urbarmachung des Landes und Zivilisierung seiner Ureinwohner auch als Zerstörung begreifen kann; dass er den Fortschritt bejaht und doch melancholisch darüber wird. Tocqueville hat ein unglaubliches Gespür für Ambivalenzen - insofern ist dieser knapp zweihundert Jahre alte Text auch heute noch mit Gewinn zu lesen.

Besprochen von Carsten Hueck

Alexis de Tocqueville: "Fünfzehn Tage in der Wildnis"
Aus dem Französischen von Heinz Jatho
Diaphanes Verlag, Berlin 2013
112 Seiten, 12,95 Euro

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