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Zeitfragen | Beitrag vom 19.09.2019

"Tipping Point" gefährlich nahWas die Brände im Amazonas für die Zukunft bedeuten

Von Monika Seynsche

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Ein abgebrannter Wald in Brasilien in Novo Progresso, aufgenommen am 3.9.2019 (imago images / Fotoarena)
Die Feuer im Amazonasregenwald sind fast immer die Folge illegaler Abholzungen, sagt die Forscherin Erika Berenguer. (imago images / Fotoarena)

Seit Monaten brennt der Amazonasregenwald. Das gesamte Ökosystem ist in Gefahr. Verstärkt durch hohe Abholzungsraten und den Klimawandel ist der sogenannte Tipping Point kein Zukunftsszenario mehr. Die Gefahr, dass das Klima kippt, steht knapp bevor.

Der Regenwald im Amazonasbecken erstreckt sich über etwa 3,5 Millionen Quadratkilometer. Eine Fläche, fast halb so groß wie Australien. Auf ihr hat sich in Millionen von Jahren ein Ökosystem entwickelt, das sich seine eigene Existenzgrundlage geschaffen hat: der Regenwald produziert Regen und hält sich damit selbst am Leben.

Niklas Boers und seine Kollegen vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung haben dieses System untersucht und 2017 in der Zeitschrift Nature Scientific Reports beschrieben.

"In dieser Studie haben wir erstmal auf einer konzeptionellen Ebene untersucht, welche Feedbackmechanismen da am Werk sind. Und das Entscheidende ist, dass der Regen über dem Amazonas und die damit im Zusammenhang stehende Konvektion dazu führt, dass sich die Atmosphäre aufwärmt und ansteigt, die Luftmassen steigen an und dadurch werden die Winde, die vom Atlantik kommen, weiter verstärkt und dadurch kommt eben mehr Feuchtigkeit in das System.

Das heißt, je mehr Feuchtigkeit reingebracht wird, desto mehr regnet es und desto stärker wird der Wind, der die Feuchtigkeit bringt und das ist dann ein sich selbst verstärkendes Feedbacksystem."

Beunruhigender Anstieg der Abholzungen

Dieses System funktioniert allerdings nur, solange genug Feuchtigkeit vom Amazonasregenwald in die Atmosphäre aufsteigt.

"Wir haben 2019 eine gewaltige Zunahme an Feuern im brasilianischen Amazonasgebiet beobachtet. Das ist genau gegenläufig zum Trend der vergangenen Jahre, nämlich einer Abnahme der Brände seit 2010."

Erika Berenguer erforscht an der Universität von Oxford die Auswirkungen von Feuern und Abholzungen auf das Ökosystem des Amazonasregenwalds. Feuer seien dort fast immer die Folge illegaler Abholzungen. Die Bäume und das Unterholz werden gefällt, dann einige Wochen bis Monate zum Trocknen liegen gelassen und dann angezündet, um Platz zu schaffen für Weideland oder Sojafelder.

"Im Mai, Juni und Juli sind die Abholzungsraten in die Höhe geschnellt. Der Juli war sogar der schlimmste Monat seit Einführung eines neuen Überwachungssystems im Jahr 2005. Wir sehen also einen Anstieg der Abholzung und in der Folge eine Zunahme der Brände."

Unumkehrbare Entwicklung des Klimasystems

Genau dieser Anstieg beunruhigt Niklas Boers. Er erforscht sogenannte Tipping Points im Klimasystem, also Kipppunkte ab denen eine Entwicklung sich schlagartig beschleunigt oder eine völlig andere Richtung einschlägt und nicht mehr umkehrbar ist.

"In Anbetracht der aktuellen Abwaldungs- oder Abholzungsraten und insbesondere der aktuellen Waldbrände besteht das Risiko, dass wir zu einem Kurzschluss dieser Feuchtigkeitskaskade kommen, da Weideland und Soja, wodurch der Regenwald dann ersetzt wird, deutlich weniger Feuchtigkeit zurück in die Atmosphäre evapotranspirieren.

Und das führt dann zu einem Tipping Point, den wir unter aktuellen klimatischen Bedingungen bei 40 Prozent Abholzung erwarten. Wir sind ungefähr bei 20 Prozent schon angekommen, also noch 20 Prozent mehr und dann erwarten wir diesen Tipping Point, wodurch wir eine abrupte Verringerung des Niederschlags haben durch den Zusammenbruch dieses selbstverstärkenden Feedbacks."

Das hätte gravierende Auswirkungen. Zum einen auf den Regenwald selbst. Denn auch dort wo er noch intakt bliebe, würde er deutlich weniger Regen bekommen und langsam aber sicher absterben. Eine Savannenlandschaft wäre die Folge.

"Wir sind jetzt wahrscheinlich knapp vor dem Tipping Point"

Zum anderen versorgt der Feedbackmechanismus im Amazonasregenwald zurzeit auch die südlich gelegenen südamerikanischen Subtropen mit Niederschlag. Ohne den Regenwald würden große Teile Boliviens, Chiles und Argentiniens unter massivem Wassermangel leiden. Und das ist noch nicht alles. Der Punkt, ab dem all diese Entwicklungen einsetzen, könnte schon deutlich näher sein, als bislang befürchtet. Denn ein weiterer Faktor spielt in das System hinein.

"Wir haben eben auch noch den Klimawandel. Und durch den Klimawandel erwarten wir eine Veränderung der Niederschlagsmuster, eine Verlängerung der Trockenzeit, und ein höheres Risiko lange anhaltender Dürreperioden. Das heißt, wir schieben das System allein durch den Klimawandel schon in einen kritischeren Bereich und wenn man das jetzt kombiniert mit der Abholzung und den Waldbränden, dann muss man diese Position dieses Tipping Points, wo ich gerade 40 Prozent gesagt hab, muss man wahrscheinlich eher so Richtung 20 bis 25 Prozent schieben und da sind wir eben jetzt schon dran. Also da sind wir jetzt wahrscheinlich knapp vor dem Tipping Point."

Massive Gegensteuerung notwendig

Zu diesem Ergebnis kommen auch andere aktuelle Studien. Es müsste also genau jetzt massiv gegengesteuert werden. Aber danach sehe es zumindest in Brasilien nicht aus, sagt Erika Berenguer.

"Hier wurden die sogenannten Command and Control-Operationen im Amazonasgebiet um 30 Prozent eingeschränkt. Diese Operationen ähneln Polizeieinsätzen, die illegale Abholzungen verhindern sollen. So wächst in der Region natürlich das Gefühl der Straffreiheit, dass Sie den Wald abholzen können ohne dafür bestraft zu werden."

Nach Ansicht der Ökologin müssten die Umweltbehörden des Landes gestärkt werden, um einen weiteren Anstieg der Abholzungen zu verhindern.

"Wir haben neue Vorgaben und wir haben Spendengelder, um die Feuer zu bekämpfen. Aber einfach nur die Feuer zu bekämpfen ist in etwa so als würden Sie Paracetamol nehmen, um ihre Zahnschmerzen zu bekämpfen. Es wirkt natürlich, aber Sie lösen damit nicht das Problem. Ein Loch im Zahn lässt sich nicht mit Paracetamol heilen. Sie müssen das Loch schließen. Und wir müssen die illegalen Abholzungen in den Griff bekommen.

Wenn dieses Problem nicht vor der nächsten Trockenzeit gelöst ist, werden wir 2020 genau das gleiche Bild sehen wie dieses Jahr. Hohe Abholzungsraten verbunden mit vielen Feuern. Ich mache mir große Sorgen. Wir müssen es schaffen, die Abholzungsraten wieder auf das Niveau der Vorjahre zu senken."

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