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Tonart | Beitrag vom 19.11.2019

Tindersticks-Album "No Treasure but Hope"Mit dem eingebauten Hauch Verzweiflung

Von Bernd Lechler

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Der Sänger der britischen Band "Tindersticks" , Stuart Staples, bei einem Konzert in Spanien am 22. Juli 2016. (imago / Agencia EFE / Marcial Guillen)
Tindersticks-Sänger Stuart Staples - auch das 13. Album der Band überzeugt. (imago / Agencia EFE / Marcial Guillen)

Die Tindersticks waren in den 1990ern die ganz andere britische Band: elegante Anzüge, akustische Schmerzens­balladen - Seelenbalsam. Jetzt ist ihr neues Album herausgekommen. Unser Autor hat den Sänger Stuart Staples getroffen und ist begeistert.

Wir stellen uns vor: Fünf Männer mittleren Alters sitzen oder stehen mit Gitarren oder an den Drums um ein Klavier. Sie pro­bieren Ideen aus, lauschen einander, werfen spontan Melodien oder Rhythmen in die Runde. Songs nehmen Gestalt an, werden am Ende an sechs Tagen in Paris quasi live aufgenommen. Noch ein paar Bläser- und Streicher-Overdubs, dann ist das Album fertig.

"Diese ganze Technologie, die unsere Leben permanent begleitet, hat auch in der Musik alles verändert. Man arbeitet viel mehr mit dem Kopf, man kann alle möglichen Ideen ganz leicht ausprobieren - und auf diese Weise ist viel groß­artige Musik entstanden. Ich habe nicht das Geringste dagegen. Aber wir fanden diesmal: Das Aufregendste wäre doch, all dem den Rücken zuzukehren", sagt Tindersticks-Sänger Stuart A. Staples.

Poetisch-dichte Texte

Es ist wieder typisch dunkler Tindersticks-Kammerpop. Aber wo das letz­te Album jazzige Momente hatte oder zwischendurch ge­ra­dezu funky wurde, wirken die Songs diesmal medita­tiver, subtil hingetupft, trotzdem ungemein eindringlich – vielleicht gerade durch die Begrenzung der Mittel, die Live-Situation, in der die Musiker sich ganz auf den Moment und aufeinander einlassen mussten.

Meister der Melodie, der Dynamik und der langen Spannungsbögen sind die Tindersticks sowieso. Dazu kommen Staples‘ poetisch-dichte Texte, in denen blaue Augen im Dunkeln leuchten, Bäume umstürzen, ohne dass es jemand hört, und Schön­heit den Betrachter auf die Knie zwingt. Geschrieben hat er solche Zeilen auf der griechischen Insel Ithaka, die man auch auf der stilisierten Landkarte des Albumcovers sieht.

"Ich bin seit 30 Jahren regelmäßig im und am Mittelmeer; wir haben in der Band alle einen Bezug dazu. Aber die Idylle ist natürlich beschädigt. Ich meine, ich könnte nie einen Song ganz direkt über die Flüchtlingskrise schreiben, aber in diesen Zeiten schleicht sich das unweigerlich ins Songwriting. Das Meer wurde zu einem durch­gängigen Thema, im Song 'The Old Man’s Gait' ist es quasi das Soloinstrument."

Stuart Staples: groß, freundlich, leise

"The Old Man’s Gait" – "Der Gang des Alten" – Lied eines Mannes, der selbst Vater und Sohn und Enkel ist, darüber, wie man die Generationen in sich trägt. "Pinky In The Daylight" wiederum beschreibt, wie Farben sich im Tageslicht verändern - Staples lebt ja mit einer Malerin zusam­men – und sei außerdem sein erster "richtiger" Love­song überhaupt, sagt Staples: ohne Einschränkungen, ohne Bedenken. "Ein simples Liebeslied in komplizierten Zeiten", wie er sagt. Musik als Trost und Gegengift, die Hoffnung schon im Albumtitel, "No Treasure But Hope". Und das alles in Texten auszudrücken werde ihm mit der Zeit nicht weniger wichtig, betont der Sänger.

"Es bedeutet sogar mehr! In jungen Jahren habe ich wahnsinnig viel geschrieben. Heute gibt es kein 'mal sehen' mehr. Man zieht nur noch die Ideen ganz bis zum Ende durch, die wirklich ausgedrückt werden wollen und müssen."

Singt er auch unter der Dusche?

Sein seltsam nasales Tremolo mit diesem eingebauten Hauch Verzweiflung nimmt einen dabei auch bei den neuen Songs wieder gefangen. Stuart Staples ist ein großer, leiser, freundlicher Mann, ernst und nach­denklich auf ganz unprätentiöse Art. Und als der Reporter eher scherzhaft etwas fragt, was er noch nie gefragt hat - auf Anraten seiner 13-jährigen Tochter, der das vielversprechend schien -, da gibt er eine Antwort, die vielleicht den existenziellen Zauber seiner Songs und seiner Band ganz gut auf den Punkt bringt. Die Frage war: Singt er unter der Dusche?

"Ich singe nicht unbedingt jeden Tag unter der Dusche, aber bei diesem Album sind Songs wie 'Trees Fall' oder 'Pinky In The Daylight' als pure Melodie entstanden, als spontane, unverstellte Empfindung – das hätte unter der Dusche sein können. Und vielleicht braucht das jeder ab und zu: Einfach den Mund aufmachen und singen. Das mit der Dusche ist ein Klischee, aber vielleicht hat es ja einen tieferen Kern, vielleicht wollen wir alle manchmal Töne von uns geben, ohne zu sprechen. Etwas von tief drinnen, das einfach raus muss."

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