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Buchkritik | Beitrag vom 29.10.2020

Tima Kurdi: "Der Junge am Strand"Wie Strandgut an der Küste

Von Carsten Hueck

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Cover des Buchs "Der Junge am Strand" von Tima Kurdi (Assoziation A / Deutschlandradio)
"Der Junge am Strand": ein Buch, das beispielhaft all denen ein Gesicht und eine Geschichte zurückgibt, die wir zumeist nur noch statistisch betrachten. (Assoziation A / Deutschlandradio)

Ein ertrunkener Junge am Strand: Dieses Foto ging um die Welt. Der kleine Alan Kurdi wurde zum Symbol. Seine Tante hat die Ereignisse von damals in einem Buch festgehalten: eine tragische, unsentimental erzählte Familiengeschichte.

"Wer nicht in unseren Schuhen läuft, kann unseren Schmerz nicht verstehen", sagt Abdullah zu seiner Schwester Tima. Die beiden sind zwei von sechs Geschwistern einer kurdischen Familie aus Damaskus. Tima, die 1992 nach Kanada auswanderte, ist die Autorin des Buches, dessen Titel ein Foto in Erinnerung bringt, das im September 2015 um die Welt ging: Binnen zwölf Stunden erreichte die Aufnahme eines ertrunkenen kleinen Jungen, der von den Wellen des Mittelmeers an einen Strand in der Türkei gespült worden war, zwanzig Millionen Displays.

Ein Foto als Ikone

Ein Zweijähriger, umgekommen bei dem Versuch, mit seinen Eltern und seinem Bruder in einem zu kleinen Boot die griechische Insel Kos zu erreichen. Das Foto wurde zur Ikone. In ihm drückte sich für einen Moment die verzweifelte Not der Flüchtenden aus - und die Unfähigkeit der Europäer, damit umzugehen. Der Tod des kleinen Alan Kurdi und das Foto, auf dem er wie Strandgut an der Küste liegt, bewegte mehr als alle Reden, Aufrufe und Hilfeschreie zuvor.

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Tima Kurdi ist die Tante von Alan Kurdi, ihr Bruder Abdullah dessen Vater. In jener Nacht im September 2015 verlor er seine beiden Söhne und auch seine Frau. Wie lebt man danach weiter? Und wie kam es dazu, dass sich die Familie überhaupt auf den Weg nach Europa machte? Darüber schreibt Tima Kurdi in ihrem Buch.

Es ist nicht mit herkömmlichen literarischen Maßstäben zu beurteilen. Die Friseurin aus Vancouver hat nicht den Ehrgeiz, als Schriftstellerin betrachtet zu werden. Sie erzählt. Eine Familiengeschichte. Von einer unbeschwerten Kindheit, der Schönheit der Stadt Damaskus, dem Geruch des Jasmin, dem Olivenfeld in Kobane. Von Familienfesten, Gastfreundschaft und Verbundenheit. Aber auch vom Krieg und was er mit den Menschen macht, von ihrer persönlichen Krise nach dem Tod der Neffen, vom IS, von der Not der Geflüchteten und vom Schmerz, der bleibt.

Schlicht, unsentimental und selbstkritisch

"Der Junge am Strand" ist ein Buch, das beispielhaft all denen ein Gesicht und eine Geschichte zurückgibt, die wir zumeist nur noch statistisch betrachten, als Belastung des Haushalts, des politischen Systems oder des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Dieses Buch geht zu Herzen und das, obwohl – oder gerade weil - es schlicht erzählt ist, unsentimental und selbstkritisch. Die Autorin verhehlt nicht, dass ihre Unterstützung aus dem fernen Kanada für die Verwandten im Nahen Osten ihre eigene Familie belastet und ihr Seelenfrieden und Gesundheit geraubt hat.

Bis heute macht sie sich Vorwürfe, ihrem Bruder das Geld für die tödliche Überfahrt besorgt zu haben. Und auch wenn die tragischen Ereignisse zur Gründung einer Stiftung für Flüchtlingskinder führten, erfassen einen doch Trauer und Bestürzung, wenn man beispielsweise liest, wie der überlebende Vater sich an die letzten Spielsachen seiner Söhne klammert, um überhaupt etwas von ihnen in der Hand zu haben.

Tima Kurdi: "Der Junge am Strand"
Die Geschichte einer Familie auf der Flucht
Aus dem Englischen von Lilian-Astrid Geese
Assoziation A, Berlin 2020
247 Seiten, 19,80 Euro

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