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Buchkritik | Beitrag vom 27.09.2018

Tim Parks: "In extremis"Wenn das Smartphone am Sterbebett klingelt

Von Joachim Scholl

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Cover von Tim Parks "In extremis" und ein englischer Pfarrhof in Lechlade on Thames (Gloucestershire). (Verlag Antje Kunstmann / dpa / picture alliance / Jevgenija Pigozne / Montage: Deutschlandfunk Kultur)
Cover von Tim Parks "In extremis" und ein englischer Pfarrhof in Lechlade on Thames (Gloucestershire). (Verlag Antje Kunstmann / dpa / picture alliance / Jevgenija Pigozne / Montage: Deutschlandfunk Kultur)

Der Schriftsteller Tim Parks gehört seit vielen Jahren zu den erfolgreichsten Autoren in Großbritannien. Sein 19. Roman zeigt ihn auf dem Höhepunkt seiner erzählerischen Kraft: "In extremis" ist eine rasend komische Geschichte über die letzten Dinge.

Wenn Männer in die Jahre kommen, wird’s untenrum kritisch: Die Potenz verebbt, die Prostata ruft, und nachts muss man neuerdings mehrfach aufs Klo. Genauso und schlimmer ergeht es dem emeritierten Linguisten Thomas Sanders, 57: Eine gerade gescheiterte Ehe hat ihm derart auf den urologischen Trakt geschlagen, dass er jahrelang mit ärgsten Schmerzen leben musste.

Ein Analmassage-Stab sorgt für Aufsehen

Erst ein amerikanischer Wunderarzt konnte ihm helfen, und so findet sich Professor Sanders als geheilter Stargast-Patient auf einem Kongress von niederländischen Physiotherapeuten wieder. Zum Geschenk bekommt er einen brandneu entwickelten Analmassage-Stab, der dann bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen Schiphol für Aufsehen sorgt: "Würden Sie bitte mitkommen, Sir! Bitte zeigen Sie uns, wie dieses Gerät benutzt wird!" Dabei muss Sanders doch so dringend zurück nach London, weil seine Mutter im Sterben liegt. Und dann meldet sich schon wieder diese verdammte Blase…

Mit dieser skurrilen Szene eröffnet Tim Parks seinen neuen Roman, der ihn auf dem Höhepunkt seiner erzählerischen und humoristischen Kraft zeigt. In allen seinen literarischen Werken gestaltet Parks hinreißende Alltags- und Familien-Konstellationen gutsituierter englischer Mittelklassemenschen – jetzt geht er tatsächlich, wie es der Titel verspricht, "in extremis": Mit einer rasend komischen Geschichte über die letzten Dinge – den Tod und die Liebe, Gott und die moderne Welt, in der das Smartphone auch am Sterbebett der Mutter keine Ruhe gibt.

Alles normal, alles schiefgegangen

Im verlassenen Elternhaus resümiert der Pastorensohn Tom Sanders sein bisheriges Leben – seine akademische Karriere, seine Ehe, seine Kinder, seine Geschwister, die Eltern. Alle möglichen Situationen, Erlebnisse, Krisen und Glücksmomente tauchen vor seinem geistigen Auge auf – alles irgendwie normal und alles irgendwie normal schiefgegangen.

Die Figur der tiefgläubigen Mutter wird dabei zum Fokus verwirrender Gefühle und Erinnerungen: Wie mächtig die Tabus in Toms Kindheit regierten, wie er gegen alles Religiöse schließlich aufbegehrte und seiner Mutter bis heute nicht verzeiht, dass sie beim Scrabble aus dem Wort "Leck" ein "unbef*leckt*tes" mit dreifachem Wortwert legte. Und wie lächerlich-skandalös die Mutter wohl seine neue Liebesbeziehung zu einer 30 Jahre jüngeren Spanierin finden würde. Hätte sie nicht Recht?

Wie so oft in seinen Romanen schafft es Tim Parks auch dieses Mal wieder, dass man das Buch beim Lesen sinken lässt und über das eigene Leben nachdenkt. Macht man selbst nicht so viel falsch, obwohl man weiß, was richtig wäre? Obwohl man weiß, wie wenig ehrlich man zu sich und anderen ist? Am Ende liegt man in einem Bett und stirbt. Und irgendjemand, der dann das Haus ausräumt, findet in einer Schublade einen Anal-Massagestab und denkt: "Na schau einer an…"

Tim Parks: In extremis. Roman
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Becker
Verlag Antje Kunstmann, 400 Seiten, 24 Euro

Mehr zum Thema:

Tim Parks: "Thomas & Mary" - Wenn eine Ehe erodiert
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 16.2.2017)

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