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Kompressor | Beitrag vom 24.02.2020

TikTok-Hit "Renegade Dance"Unsichtbarmachung schwarzer Kreativer

Malcolm Ohanwe im Gespräch mit Massimo Maio

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Der Rapper K Camp auf der Bühne beim at Super Bowl im Centennial Olympic Park 2019 in Atlanta, Georgia. (Getty / WireImage / Prince Williams)
Auf den gleichnamigen Song von Rapper K. Camp wird der "Renegade Dance" getanzt. (Getty / WireImage / Prince Williams)

Der "Renegade Dance" geht auf Plattformen wie TikTok und Instagram viral. Die Erfinderin des Tanzes, die schwarze Jugendliche Jalaiah Harmon, wurde allerdings lange nicht wahrgenommen. Gefeiert für den Tanz wurden dafür weiße User.

Einer macht etwas Lustiges vor, alle machen es nach: So gehen Ideen viral. Derzeit wird auf TikTok und Instagram der "Renegade Dance" getanzt, zu dem gleichnamigen Song von Rapper K. Camp. Auch viele Stars wie Lizzo oder die Schauspieler der Serie Stranger Things haben den Tanz schon nachgemacht - und ihn so zu noch mehr Popularität verholfen.

Die wirkliche Erfinderin

Lange Zeit galt die weiße TikTokerin-Userin Charli D’Amelio, die mit rund 26 Millionen Followerinnen einen der größten Accounts auf der Plattform hat, als Erfinderin des Tanzs, erklärt Kulturjournalist Malcolm Ohanwe. Erst durch eine Recherche der "New York Times" kam heraus, dass die eigentliche Erfinderin die 14-jährigen schwarze Jalaiah Harmon war. Sie hatte den Tanz in ihrem Kinderzimmer in Atlanta ausgedacht und schon im September 2019 auf ihrem Instagram-Kanal gepostet.

"Da ist eine Art 'Gentrifizierung' passiert, weil der Tanz der weißen Kollegin auch noch mal einfachere Schritte hatte", erklärt Ohanwe.

Harmon freute sich, als ihr Tanz viral ging, fragte aber, wo ihre Wertschätzung sei. "Die 14-Jährige hat eine Menge angestellt, um auf sich aufmerksam zu machen, sich extra einen TikTok-Account angelegt", so Ohanwe. Doch bis zum Erscheinen des Artikels wurde sie ignoriert.

Mittlerweile haben Jalaiah Harmon viele Prominente wie Ex-First-Lady Michelle Obama und Hollywoodstar Gabrielle Union für ihren Tanz gelobt und so darauf aufmerksam gemacht, dass er von der 14-Jährigen ist. "Da hat #BlackTwitter als ein Korrektiv agiert für Geschichtsschreibung über kreative Innovation in Social Media", so Ohanwe.

Dass Erfindungen schwarzer Menschen von Weißen übernommen werden und diese dafür den Ruhm bekommen, passiert immer wieder. "Hier greifen ähnliche Mechaniken, wie bei dem grundsätzlichen Phänomen von Unsichtbarmachung, auf Englisch sagen manche cultural smudging, also etwas wie bei einem Radiergummi wegradieren", erklärt Ohanwe.

Ein Beispiel sei Elvis Presley, der bis heute als King of Rock and Roll gefeiert wird. Die Musikrichtung wurde indes vor allem durch schwarze Musikerinnen und Musiker wie Rosetta Tharpe oder Little Richard geprägt.

Algorithmus verhindert Sichtbarkeit

"Ich glaube, geklaut wird grundsätzlich, das ist ganz natürlich im Internet. Aber bei Gruppen die qua Herkunft oder Identität weniger Zugang zu Öffentlichkeit haben, wird es schwierig", so Ohanwe. Denn auch selbst von Plattformen wie TikTok werden Schwarze benachteiligt.

"Netzpolitik.org hat sogar herausgefunden, dass der Algorithmus Leute, die eher von Mobbing anfällig sind, nicht so gut ausgespielt werden. Also wenn sie herausfinden, dass jemand besonders übergewichtig oder queer ist, werden die Videos nicht so oft bei Tiktok angezeigt. Der chinesische Anbieter sagt, man möchte die vor Bullying, also vor Mobbing. Da könnte natürlich diese Policy auch bei Schwarzen Menschen greifen, die ja von rassistischen Anfeindungen betroffen sind."*

Eine Tiktok-Sprecherin teilte hierzu mit: "Wir entfernen oder reduzieren weder die Reichweite von LGBTQI*-Inhalten noch schränken wir Menschen aufgrund ihres Körpergewichts auf Tiktok ein. Wir sind uns bewusst, dass wir in der Vergangenheit Fehler gemacht haben. In unseren Anfangszeiten haben wir einen restriktiven Ansatz verfolgt, um Konflikte auf der Plattform zu minimieren. Deswegen haben wir kürzlich unsere Community-Richtlinien überarbeitet und unseren lokalen Teams eine größere Rolle in der Moderation unserer Inhalte gegeben."

*In diesem Beitrag haben wir das Zitat über den Tiktok-Algorithmus präzisiert und die darauf folgende Stellungnahme der Tiktok-Sprecherin ergänzt.

(nho)

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