Samstag, 28.11.2020
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 26.03.2020

Tierhandel in China zu Zeiten von CoronaLebende Schildkröten aus dem Supermarkt

Steffen Wurzel im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Vor einer Gruppe sitzenden Menschen stehen fünf Holzkisten in einer Reihe mit Schildkröten zum Verkauf. (Getty Images / LightRocket / Gerhard Joren)
Schildkrötenverkauf auf einem Markt in Guangzhou (Getty Images / LightRocket / Gerhard Joren)

Es spricht vieles dafür, dass sich das Coronavirus von einem Wildtiermarkt in China ausbreitete. Zwar sind diese Märkte dort nun verboten. Doch dem stehen Tradition und wirtschaftliche Interessen entgegen, erklärt unser Korrespondent Steffen Wurzel.

Als sich vor knapp zwei Jahrzehnten die Lungenkrankheit SARS in China ausbreitete, verschärfte die Regierung die Bestimmungen zu Wildtiermärkten. Auch damals wurde der Erreger offensichtlich von Wildtieren auf den Menschen übertragen.

Doch Steffen Wurzel beobachtet in seinen bisher rund vier Jahren Korrespondentenzeit bis heute "überall im Land Markthallen oder offene Märkte, wo Tiere angeboten werden, die man bei uns eher im Zoo antreffen würde".

Grundsätzliche Abneigung gegenüber Tiefkühlwaren

Auch jetzt, da die Staatsführung angekündigt hat, ihr aktuelles Verbot von Wildtierhandel noch strenger durchzusetzen, hat Wurzel beobachtet, dass lebende Schildkröten verkauft wurden - in einem Supermarkt mitten in Shanghai.

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Die Chinesen hätten eine grundsätzliche Abneigung gegenüber Tiefkühlwaren, erklärt Wurzel dazu. Es sei in China selbstverständlich, dass Fleisch und Fisch sehr frisch sein müssten. So stünden vor Restaurants selbst tief im Landesinneren Aquarien, aus denen man sich als Gast "Meeresgetier" bestellen könne. Zum anderen gehörten zur traditionellen Landesküche durchaus Tiere wie Affen oder Hunde. "Mainstream" sei das jedoch nicht.

Extrakte aus der Gallenblase des Bären

Dass Wildtierhandel selbst in der Coronakrise trotz Verboten nicht gänzlich gestoppt wurde, liege auch an wirtschaftlichen Interessen: "Es ist ja nicht so, dass irgendwelche Gürteltiere oder Bären oder Nerze oder seltene Vögel wie Pfauen einfach nur eingefangen und dann feilgeboten werden, sondern die werden auch gezüchtet."

Dahinter stecke eine große Industrie. Und dies nicht nur in Bezug auf den Verkauf des Fleisches. Vielmehr spiele hier auch die sogenannte Traditionellen Chinesischen Medizin, kurz TCM, eine Rolle.

Sogar die staatliche Gesundheitskommission Chinas empfehle zur Bekämpfung der Symptome des Coronavirus eine spezielle Medizin: "Zu diesem Produkt gehören tatsächlich Extrakte aus der Gallenblase eines Bären", so Steffen Wurzel.

(bth)

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