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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 28.12.2013

TierhaltungMenschliche Versuchshühner

Wie es sich als Masthähnchen lebt

Von Udo Pollmer

Eng: Hühner auf einer Farm in Niedersachsen.  (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)
Eng: Hühner auf einer Farm in Niedersachsen. (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)

Das Leid von Tieren, die zur Nahrungsmittelproduktion gehalten werden, bewegt viele Menschen. Fernseh-Journalisten haben sich deshalb die brennende Frage gestellt: Wie lebt es sich als Masthähnchen? Um ein Gefühl dafür zu bekommen, hat der Sender einen Redaktionsraum in einen Hühnerstall verwandelt.

Das Dschungelcamp hat im Fernsehen Maßstäbe gesetzt – zumindest in kulinarischer Hinsicht: Die Speisen, die bei Mutproben verdrückt werden mussten, ließen an Ekelhaftigkeit keine Wünsche offen – egal ob Würmer, Maden oder vergorene Innereien.

Das ist nicht leicht zu toppen, aber die Redaktion von Stern-TV hat es gewagt: Auch sie sorgt sich ums Essen, bei Big Brother hatte sie sich noch die Idee mit dem Container geliehen, einen Schuss Tierleid zudosiert und so ein neues Aufklärungs-Format geboren: Im Container durften zwei Männer und eine Frau fünf Tage lang Hahn und Henne spielen – um so das schreckliche Leben eines Masthuhns für die Zuschauer hautnah erfahrbar zu machen.

Nicht so eng wie in einer U-Bahn

Schon zu Beginn der Mutprobe bleibt den Probanden eine qualvolle Erfahrung nicht erspart: Ihnen werden ihre geliebten Smartphones abgenommen, denn im Stall - so modern er auch sein mag - gibt es schließlich auch keine. Zeitschriften sind ebenfalls tabu. Dabei hätte man wenigstens die Kundenmagazin vieler Bioläden, "Schrot und Korn" auslegen können – sozusagen der "Feinschmecker" für ambitionierte Öko-Hennen.

Um der Story einen Anstrich von Seriosität zu verleihen, errechnet ein Evolutionspsychologe den Platz, der seinen Schützlingen zusteht: zwei Quadratmeter pro Grünschnabel. Doch mit sechs Quadratmetern für drei Simulanten wird die Bewegungsfreiheit weit mehr eingeschränkt als in einem Stall. Denn dort kann das Federvieh vom einen Ende zum anderen stiefeln. Die Bestandsdichte ist vergleichbar mit einem Klassenzimmer und längst nicht so eng wie in einer U-Bahn zur Stoßzeit oder am Strand von Malle in der Saison.

Mit Blähungen das Klima vergiftet

Das Leid der Hühnersimulanten wird durch das künstliche Licht, das die Nacht zum Tag macht, noch gesteigert. Sie klagen über zu wenig Schlaf. So gesehen, muss die Disco der reinste Horrortrip für junge Leute sein: Da hat‘s auch keine Fenster, jede Menge künstliches Licht und das bis tief in die Nacht. An Schlaf ist nicht zu denken, noch dazu ist es ist viel enger als im Hühnerstall und der Raum ist erfüllt von Schweißgeruch und ohrenbetäubendem Lärm. Horror pur! Würde ein Mäster seine Hühner in einer Disco einsperren, dann wäre das echte Tierquälerei.

Das meiste Gegacker gab‘s beim Futter: Die Milchmädchenrechnung des Evolutionspsychologen hatte pro Mahlzeit anderthalb Dosen Ravioli mit Sahne ergeben – und das siebenmal am Tag. Für Menschen ist das widerlich. Aber frohwüchsige Hühner lieben volle Tröge. Wie man im echten Stall die Hühner zwingt, ihre Teller leerzuessen, bleibt das Geheimnis des Psychologen. Warum eigentlich bekamen die Ersatzhühner kein leckeres Vollkorn serviert? Lag es etwa am winzigen Container? Die Insassen hätten sonst mit ihren Blähungen das Klima vergiftet.

Ein Fall für die "Versteckte Kamera"

Nach fünf Tagen verlassen die Probanden empört ihr surreales Gefängnis: "Kein Mensch hat es verdient, so zu leben“, kräht einer der Versuchshähne. Die Versuchshenne würde am liebsten „die Betreiber eines Hähnchenmastbetriebes in den Container stecken". Dabei wäre es wohl besser, sie würden allesamt ihre grünen Schnäbel mal in einen richtigen Hühnerstall halten, damit sie erkennen, wie sie vor aller Welt zum Narren gehalten wurden. Früher wäre das ein Fall für die "Versteckte Kamera" gewesen, die Nation hätte sich über so viel Dämlichkeit grölend auf die Schenkel geschlagen.

Aber da wäre noch ein Hühnchen zu rupfen: Warum eigentlich fehlte in diesem Experiment eine freilaufende und damit glückliche Kontrollgruppe? Wo waren die engagierten Redakteure, die nach gemeinsamem Sandbaden emsig im Misthaufen nach frischen Würmern scharren? Um abends die Seele auf der Stange baumeln zu lassen und den Kopf ins Gefieder zu stecken – statt mit dem Smartphone rumzudaddeln oder die Zuschauer zu vergackeiern? Mahlzeit!

 

Quelle:

Das Stern-TV-Experiment: Leben wie ein Huhn. Sendung vom 20.11.2013

Das Stern-TV-Experiment: Die zweite Mastphase. Sendung vom 27.11.2013

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