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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.09.2006

Tiere als bessere Menschen

Karine Lou Matignon über Liebe, Leid und Freude im Tierreich

Rezensiert von Susanne Nessler

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Argwohn, Wut oder Zärtlichkeit? Gefühle sind nicht nur menschlich. (Foto entstammt nicht dem besprochenen Band) (AP)
Argwohn, Wut oder Zärtlichkeit? Gefühle sind nicht nur menschlich. (Foto entstammt nicht dem besprochenen Band) (AP)

Dass Tiere zu Empfindungen fähig sind, ist aus der Verhaltensforschung bekannt. Doch die Autorin Karine Lou Matignon geht in ihrem Bildband "Was Tiere fühlen" noch einen Schritt weiter: Sie erklärt Tiere zu "besseren Menschen". Tierfreunde mögen die ästhetisch schönen Aufnahmen schätzen, doch leider verhindert die Autorin durch ihre Vermenschlichung der Tierwelt echte Einblicke.

Affen kraulen sich gegenseitig das Fell. Wildschweine schmiegen sich eng an einander. Eisbären beißen sich zärtlich in den Hals. Die Gefühlswelt der Tiere ist etwas ganz Besonderes, schreibt die französische Autorin Karine Lou Matignon. Tiere sind intelligente, sensible Wesen, die nicht nur ihren Instinkten folgen, sondern ihre eigenen Empfindungen haben. Elefanten verfallen in tiefe Trauer, wenn einer ihrer Artgenossen stirbt. Und Eichhörnchen sind extrem eifersüchtig.

Zusammen mit dem Verhaltensforscher Boris Cyrulnik hat die engagierte Tierrechtlerin einen Bildband tierischer Emotionen zusammengestellt, in dem auf 55 Fotos Freude, Liebe, Lust, Angst und Trauer verschiedener Tierarten zu sehen sind. Kuschelnden Pandabären, verspielte Polarfüchse, turtelnde Haubentaucher: In Großaufnahmen füllen die Fotografien jede zweite Doppelseite des Buches.

Auf den ersten Blick sind sie sehr ästhetisch, sehen wunderschön und liebevoll aus. Doch beim zweiten Hingucken kommen Zweifel auf. Die Posen der Tiere wirken zum Teil inszeniert. Das Bild eines Pumas zum Beispiel, der dem Betrachter direkt in die Augen schaut, wirkt extrem gestellt. Und ein Känguru, das im Gras räkelt, sieht aus wie das Bild eines Fotomodells aus einem Hochglanzmagazin. Es sind sehr menschenähnliche Posen, die die Autorin ausgesucht hat, um ihre Anliegen zu vermitteln.

"Als Kind suchte ich Zuflucht bei den Tieren, um der der Menschen zu entkommen. Ich wäre gerne ein Tier gewesen."

Der erste Satz aus der Einleitung des Buches sagt deutlich, welche Ansicht dieses Buch vermitteln möchte: Tiere sind die besseren "Menschen".

Der Bildband hat den Charakter einer persönlichen Streitschrift für die Gefühle von Tieren. Er ist kein wissenschaftlich ausgewogenes Buch zu diesem Thema, sondern setzt ganz auf die emotionale Wirkung der Fotografien.

Die kurzen Texte zu den Bildern bestätigen das. Oft werden menschliche Eigenschaften auf das Verhalten in der Tierwelt eins zu eins übertragen. Die Argumentation ist eingleisig:

"Tiermütter schenken ihren Jungen Zuwendung und Zärtlichkeit, und der Nachwuchs dankt es ihnen mit wahrer Zuneigung", heißt es im Kapitel "Mutter und Kind". Kein Wort darüber, was genau wahre Zuneigung bei Tieren ist oder wie sie sich erkennen lässt.

Karine Lou Matignon schreibt über Herzenswärme und innige Liebe in der Tierwelt. Sicher, das klingt schön, doch es fehlt oft an kritischer Distanz. Die Folge: Viele interessante Beobachtungen aus der Verhaltensforschung, die das Buch durchaus zu bieten hat, rücken damit in die Kitschecke. Die Gefühlswelt der Tiere wird zum Streichelzoo.

Tiere sind zu Empfindungen fähig. Aus der Verhaltensforschung gibt es dazu interessante Untersuchungen. Freude, Trauer oder Schmerz sind nicht nur menschlich. Doch das heißt nicht, dass die Gefühlswelt der Tiere der des Menschen gleichzusetzen ist. Es gibt Parallelen und Ähnlichkeiten. Die sind spannend. Sie bedeuten aber nicht, dass zum Beispiel die zusammengekniffenen Augen eines Löwen mit Argwohn oder Wut gleichzusetzen sind. Zumal mit keinem einzigen Wort erwähnt wird, wie und wo die Aufnahmen entstanden sind. Sie stammen von Forschern, Künstlern und Fotografen, heißt es dazu knapp im Anhang.

"Was Tiere fühlen" ist ein zwiespältiges Buch. Ästhetisch gelungen, die Fotografien sind beeindruckend und lassen die Herzen aller Tierfreunde sicher höher schlagen. Inhaltlich allerdings schwierig, da jegliche kritische Distanz zum Thema fehlt. Der Bildband erinnert ein wenig an den Film die "Reise der Pinguine", der ebenfalls durch die Vermenschlichung der Tiere sein Ziel verfehlte: Echte Einblicke in die Tierwelt zu bieten.

Karine Lou Matignon: Was Tiere fühlen
Übersetzt von Ilse Rothfuß
Frederking und Thaler, März 2006
176 Seiten, 55 Farbfotos, 24.90 Euro

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