Tier, Maschine oder Ebenbild Gottes?

    „Das Wesen des Menschen ist, dass er keins hat“

    37:54 Minuten
    Eine Chimärenfigur an der Fassade von der Kathedrale in Notre-Dame guckt sorgend auf die Stadt.
    Skeptischer Blick auf das Treiben der Menschen: Chimäre an der Fassade von Notre Dame in Paris © Imago / Panthermedia
    Thomas Macho im Gespräch mit Catherine Newmark · 11.07.2021
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    Ist der Mensch auch nur ein Tier? Werden intelligente Maschinen uns überflügeln? Um das Wesen des Menschen zu ergründen, suchen wir nach Gemeinsamkeiten mit anderen Wesen, sagt der Philosoph Thomas Macho – und nach dem, was uns trennt.
    Wer sind wir? Was macht uns aus? Um derart grundsätzliche Fragen nach dem Wesen des Menschen zu beantworten habe die Philosophie von jeher an anderen Wesen Maß genommen, erklärt Thomas Macho, der in Wien das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften leitet. Dabei sei das Gemeinsame im Verhältnis von Mensch und Tier lange Zeit stärker betont worden als das Trennende, sagt Macho mit Blick auf die europäische Geistesgeschichte.

    Auf der Stufenleiter der Natur

    Ähnlich wie Aristoteles, der den Lebewesen in einer aufsteigenden Reihe von der Pflanze über das Tier zum Menschen eine Zunahme von Seelenvermögen zusprach, habe auch der Renaissancedenker Giovanni Pico della Mirandola (1463 – 1494) noch von einer Stufenleiter der Natur ("Scala Naturae") gesprochen, auf welcher der Mensch keine feste Position innehatte, sondern nach Picos Vorstellung auf- oder absteigen konnte, wie Macho erklärt:
    "Da steht der Mensch zwischen Pflanzen, Tieren und auf der anderen Seite den Engeln und den Göttern und kann auch seinen Status verändern. Pico della Mirandola geht davon aus, dass Menschen wieder Tiere werden können oder vielleicht sogar Pflanzen, und sie können auch Engel werden – sie sind sozusagen die fluiden, die beweglichen Lebewesen in dieser großen Scala Naturae."
    Mit dieser Beweglichkeit war es vorbei, als sich im Anschluss an René Descartes und die Philosophie der Aufklärung eine scharfe Abgrenzung von Mensch und Tier durchsetzte. Descartes betrachtete Tiere als Maschinen, die über gar kein Seelenleben verfügen. Eine solche Sichtweise habe die im 19. und 20. Jahrhundert etablierte industrielle Tierhaltung und Schlachtung enorm begünstigt, sagt Macho.

    Verwandtschaft mit tierischen Vorfahren

    Doch die Entwicklung sei ambivalent: In derselben Denktradition wurzelten auch die modernen Naturwissenschaften und mit ihnen Darwins Evolutionstheorie. Sie habe anhand detaillierter Naturbeobachtungen erst recht untermauert, dass der Mensch aufgrund seiner Abstammung eng mit der gesamten Tierwelt verwoben ist.
    Eine zweite Linie, entlang der versucht wurde, das Wesen des Menschen zu definieren, betrifft unser Verhältnis zu "höheren Wesen" wie Engeln, Göttern oder dem einen Gott monotheistischer Religionen. Hier zeige sich ein interessantes Motiv in den Legenden der Antike, so Thomas Macho. Immer wieder sei davon die Rede, dass die Götterwelt die Menschen um ihre irdischen Körper beneide.
    Der Kulturhistoriker Thomas Macho am blauen Sofa  auf der Frankfurter Buchmesse 2017.
    Thomas Macho, Kulturhistoriker und Philosoph© Imago / Manfred Segerer
    "Natürlich ist Zeus auch körperlich", sagt Macho. "Er kann sich in so viele Wesen verwandeln wie er will. Aber es ist nie echt, es ist immer sozusagen ein Simulacrum, es ist immer Schein, es ist nie der Körper, den wir haben. Von daher ist das auch eine faszinierende Grenze."

    Überdruss an der Unsterblichkeit

    Eine Grenze, die auch die Endlichkeit jedes einzelnen Menschenlebens betreffe. Auch sie habe den Neid der Götter erregt, so Macho, "denn Endlichkeit heißt immer auch Ganzheit, heißt immer auch Vollendung, Sinnstiftung: Man fragt sich dann plötzlich, welchen Sinn soll das Leben eines Unsterblichen haben? Alles wiederholt sich endlos, immer wieder. Es kommt immer wieder neu, aber es ist nichts Spannendes mehr daran."

    Reihe "Wer ist Wir? Von Menschen und Anderen"
    "Wir", wer ist das eigentlich – wie eng oder weit fassen wir diese kollektive Selbstbezeichnung? Und gehören nur Menschen dazu oder auch andere Wesen? In Sein und Streit begeben wir uns diesen Sommer im Rahmen der Denkfabrik 2021 "auf die Suche nach dem Wir" – und finden es in Tiermetaphern, Maschinenträumen, SciFi-Welten und dem "Gaia-Prinzip":

    11. Juli: Tier, Maschine oder Ebenbild Gottes? "Das Wesen des Menschen ist, dass er keins hat" Gespräch mit Thomas Macho
    11. Juli: Welches Tier sind wir? Wenn folgsame Schafe auf machthungrige Schweine treffen Von Florian Werner
    18. Juli: Werden wir zur Maschine? Vom menschlichen Uhrwerk zum Cyborg Von Constantin Hühn
    25. Juli: Das Wir in der Science Fiction: Sternenflotte oder Borg-Kollektiv? Von Christian Berndt
    1. August: Sind wir ein Planet? Gaia-Theorie: Mit ganzheitlichem Denken gegen die Klimakrise Von Niklas Angebauer

    Inzwischen sind an die Stelle von Engeln und Göttern intelligente Maschinen getreten. In Zukunftsvisionen der Science-Fiction zeigen sie dem Menschen Grenzen seiner geistigen Fähigkeiten auf. Eine Aussicht, an die sich Hoffnungen ebenso wie Bedrohungs-Szenarien knüpfen können, bemerkt Macho.

    Utopien von menschenähnlichen Maschinen

    So entwerfe der Vordenker der Gaia-Ökologie James Lovelock in seinem 2020 auf Deutsch erschienenen Buch "Novozän. Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz" eine Zivilisation intelligenter Androiden, die gemäß seiner Utopie besser als die Menschheit in der Lage sein werde, das ökologische Gleichgewicht des Planeten wieder in die Balance zu bringen. Allerdings halte Lovelock es für ungewiss, ob diese neuartigen Wesen auch daran interessiert sein werden, mit uns zu kooperieren.
    Romane aus jüngerer Zeit wie "Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten" von Emma Braslavsky oder "Maschinen wie ich" von Ian McEwan fielen in diesem Punkt pessimistischer aus, so Macho: Sie erzählten von humanoiden Robotern, die sich von jedem Kontakt mit Menschen enttäuscht und endgültig abwenden.

    Offene Grenzen zu anderen Wesen

    Der radikale Schnitt zwischen Menschen und anderen Wesen, den die Philosophie der Aufklärung und die industrielle Lebensweise vorgenommen und vertieft haben, sei inzwischen immer weniger geeignet, um zu einem Verständnis des Menschen beizutragen, sagt Thomas Macho. Immer mehr Erkenntnisse konfrontierten uns "mit notwendigen Grenzöffnungen und Grenzüberschreitungen": "Da gibt es Tiere, die mit uns kommunizieren, die intelligenter sind als wir bisher gedacht haben, okay, dann öffnet sich hier ein neuer Raum – Ähnliches gilt für diese Intelligenzen, von denen James Lovelock in seiner Vision eines 'Novozän' schreibt."
    Macho plädiert daher für einen "inklusiven Humanismus", der die Grenzen zu anderen Wesen offenhält. In Anlehnung an einen Ausspruch Hegels formuliert er: "Das Wesen des Menschen besteht darin, dass er keins hat."
    Während die Menschheit auf "eine endlose Geschichte der Katastrophen, der Ausrottungen, der Vernichtungen und Versklavungen" zurückblicke, "für die man sich als Angehöriger dieser Spezies nur schämen kann", so Macho, trage eine offene und unbestimmte Definition des Menschlichen im besten Fall dazu bei, dass wir der Diversität von Menschen und Kulturen auf diesem Planeten in Zukunft "mit mehr Respekt, Aufmerksamkeit und wissenschaftlicher Neugier begegnen."
    (fka)

    Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

    Verfehlungen in der Politik - Es braucht zweierlei Maß
    Maskendeals, Impf-Vordrängler, Plagiatsfälle – die Vorwürfe gegen das politische Personal häufen sich. Aber machen wir nicht alle Fehler? Wer in die Politik geht, muss sich höhere Maßstäbe gefallen lassen, meint Arnd Pollmann.

    Der Mensch und die anderen - Welches Tier sind wir?
    Fleißige Bienen, folgsame Schafe oder Schweine, die den Bauern vom Hof jagen, um die Macht an sich zu reißen: Zum Auftakt der Reihe "Wer ist Wir? Von Menschen und Anderen" versammelt Florian Werner Tiere aus Literatur und Philosophie, die uns den Spiegel vorhalten. Jedes von ihnen gibt eine eigene Antwort auf die Frage: Was ist der Mensch?

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