Tieftraurige Geschichte eines Niedergangs

Vordergründig erzählt dieses Buch von einem abgehalfterten Ex-Boxer, der als Mitglied einer Killergruppe sein Unwesen treibt. Indirekt geht es in Enrique Medinas Roman aber auch um das gesellschaftliche Klima in der argentinischen Militärdiktatur.
Kann man eine Militärdiktatur beschreiben, ohne sie auch nur mit einem einzigen Wort zu erwähnen? Es geht, wenn auch auf eine indirekte Weise. Als 1976 dieses Buch in Argentinien erschien, verstanden die Zensoren der Diktatur das Klima von Gewalt und Bedrückung, das dieser Text spiegelt, sofort als Beschreibung sehr realer Zustände und verboten es.

Die Geschichte eines überaus talentierten Boxers, der es zu lokalem Ruhm bringt, dessen Karriere aber jäh abbricht, als er bei einer Niederlage eine Augenverletzung und offenbar auch die Zertrümmerung seines Selbstbewusstseins erleidet, passte den Zensoren dabei nicht nur aus atmosphärischen Gründen nicht recht ins Konzept. Vielmehr sind es sehr konkrete Episoden dieses Romans, die ihn zum problematischen Fall machten.

Da wird der abgehalfterte Ex-Boxer als Mitglied einer dreiköpfigen Killergruppe geschildert, die immer mal wieder Menschen umbringt. Die Motive für diese Morde bleiben dabei völlig unklar, am ehesten würde man Abrechnungen im Dunstkreis einer mafiösen Unterwelt vermuten. In einem Land jedoch, in dem zu jener Zeit massenhaft Menschen aus politischen Gründen "verschwanden", in dem es darüber hinaus gerüchteweise hieß, das Regime würde abgewrackte Boxer als Folterer einsetzen, trafen solche Szenen auf ganz andere Empfindlichkeiten.

"Der Boxer" ist die tieftraurige Geschichte eines Niedergangs. Jener junge Mann, der zu den größten sportlichen Hoffnungen Anlass gibt, zerbricht an einer entscheidenden Niederlage. Verkommen und weinselig mit einer Ratte in einer verfallenen Unterkunft sprechend, monologisiert er seine Lebensbahn vor sich hin. Überaus harte, schlecht bezahlte Jobs in verschiedenen Gegenden des Landes werden da fast minuziös erzählt, und sie sind schwer erträglich wie die Szenen aus dem Schlachtbetrieb, in dem es galt, die Tiere mit einem (oder mehreren) Hammerschlägen zu töten. Unglückliche Frauengeschichten werden angedeutet, immer sind Elend und Gewalt anwesend. Nur gelegentlich leuchten tröstliche Momente auf: die Schönheit einer Landschaft, die kurze Wärme einer menschlichen Beziehung.

Die ohne jede Interpunktion hervorgestoßenen Monologe des Boxers an die Ratte wechseln mit strukturierten Erzählpassagen, die von einer Erzählerstimme stammen, die die Geschichte dieses Mannes offenbar recherchiert.

Dieses verstörende, recht eigentlich hoffnungslose Buch, an dessen Ende der grausige Tod des Helden steht, muss man wahrlich aushalten können. Wie das Leben selbst.

Besprochen von Gregor Ziolkowski

Enrique Medina: Der Boxer
Aus dem Spanischen von Florian Müller
Drava Verlag, Klagenfurt 2010
191 Seiten, 19,80 Euro