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Studio 9 | Beitrag vom 18.07.2018

Tiananmen-Platz in PekingOrt des Grauens soll Weltkulturerbe werden

Von Benjamin Eyssel

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Der Eingang des Königspalasts und der Verbotenen Stadt auf dem Tiananmen-Platz in Peking mit einem Porträt von Mao Zedong und chinesischen Flaggen rechts und links (imago/BE&W)
Der Eingang des Königspalasts und der Verbotenen Stadt auf dem Tiananmen-Platz in Peking (imago/BE&W)

Der Tiananmen Platz in Peking ist ein beliebtes Touristenziel. 1989 wurde dort der Volksaufstand für die Demokratie blutig niedergeschlagen. Jetzt möchte die chinesische Staats- und Parteiführung, dass der Platz Unesco-Weltkulturerbe wird.

Jeden Morgen, exakt zum Sonnenaufgang, wird auf dem Pekinger Tiananmen-Platz zur Nationalhymne die chinesische Flagge gehisst. Nichts hier erinnert an die tragischen Ereignisse vom Juni 1989. Und das ist Absicht der Staats- und Parteiführung, nichts soll daran erinnern. Nicht nur auf dem Platz, auch aus dem kollektiven Gedächtnis sollen die Ereignisse verschwinden.

Deswegen lernen Schüler auch nichts über die brutale Niederschlagung der studentischen Demokratiebewegung im Unterricht. Man findet nichts darüber in Museen und Bibliotheken. Das wird deutlich, wenn man Menschen auf der Straße fragt, was sie mit dem Platz im Zentrum Pekings Verbindung bringen.

"Ich denke zuerst an Mao Zedong. Jetzt an Präsident Xi Jinping", sagt dieser 86-jährige Mann. "Unserem Staat geht es gut, ich bin sehr froh."

"Ich denke an die Hauptstadt von China", sagt diese 70-Jährige. "Es ist ein Symbol, sehr spektakulär."

"Tiananmen ist sehr groß", sagt dieser 20-Jährige. "Viele Zeremonien finden dort statt, sehr festlich. Auch Militärparaden haben dort stattgefunden, sehr spektakulär."

Keine Hinweise auf Massaker im chinesischen Internet

Auch wenn man im chinesischen Internet, das hochgradig zensiert wird, nach den Ereignissen vom Juni 1989 sucht, findet man nichts. Wer beispielsweise versucht, den entsprechenden Wikipedia-Artikel auf Chinesisch zu laden, bekommt eine Fehlermeldung angezeigt.

Im unzensierten Internet stößt man dagegen schnell auf historische Dokumente. Ein CNN-Reporterteam hat am 5. Juni 1989 die bewegende Szene festgehalten, wie ein Demonstrant eine Panzerkolonne am Tiananmen-Platz aufhält. Im Hintergrund sind Schüsse zu hören.

Der unbekannte Mann wurde im Westen "Tank Man" getauft – zu Deutsch "Panzermann". Das Video auf Youtube ist über 3 Millionen Mal angesehen worden. In China kennt "Tank Man" kaum jemand. Das Video ist nicht abrufbar, die Plattform Youtube ist nicht zugänglich, wie alle Angebote von Google.

Tiananmen – auf Deutsch das Tor des Himmlischen Friedens – geht auf das 15. Jahrhundert zurück. Der namensgebende Platz wurde erstmalig im 17. Jahrhundert errichtet. Nun soll er, zusammen mit 13 weiteren Stätten im Zentrum Pekings also UNESCO-Weltkulturerbe werden.

"Ich finde das absurd. Das Tor ist gar nicht mehr original. Während der Kulturrevolution wurde Tiananmen schon heimlich abgerissen", sagt der Historiker Zhang Lifan.

"Das neue Tor ist ein totaler Betonklotz. Tiananmen ist keine historische Sehenswürdigkeit mehr, sondern eine Kopie."

Grabstätte Mao Zedongs als Weltkulturerbe?

Auch das Mausoleum des Revolutionsführers Mao Zedong auf dem Tiananmen-Platz steht auf der Wunschliste der Staats- und Parteiführung. Mao Zedong hat 1949 auf dem Platz die Volksrepublik ausgerufen. Seine radikale Politik bedeutete für Millionen Chinesen den Tod. Auch darüber findet in China keine öffentliche Auseinandersetzung statt. Der Historiker Zhang Lifan ist einer von wenigen im Land, die sich kritisch äußern.

"Meiner Meinung nach ist es äußerst grotesk, Mao Zedong war der größte Zerstörer chinesischer Kultur. Nun könnte seine Grabstätte sogar Weltkulturerbe werden, sollte das Projekt erfolgreich sein."

Die zuständige Stadtverwaltung hat auf mehrere Anfragen des ARD-Studios Peking nicht reagiert. Ein Sprecher der Gedenkhalle für den Vorsitzenden Mao, wie das Mausoleum offiziell heißt, sagte der Staatszeitung "Global Times", die historische Bedeutung Mao Zedongs erkläre sich von selbst. Ein Professor einer Parteihochschule wird von dem Blatt mit dem Satz zitiert, Mao werde "international weitgehend respektiert". Von den Millionen Toten steht in der Zeitung nichts.

"Geschichtliche Gedächtnis wird nicht kleiner werden"

Kritiker werfen der Staats- und Parteiführung Geschichtsrevisionismus vor. Sie wolle die kontroversen Symbole der kommunistischen Herrschaft schönfärben – unter dem Motto, wenn Platz und Mausoleum erstmal Weltkulturerbe sind, vergessen die Menschen die dunklen Seiten der Geschichte. Der Historiker Zhang Lifan glaubt nicht, dass das funktioniert.

"Wenn man sich die Weltgeschichte anschaut, das was Tiananmen und der Platz erlebt haben – ich glaube, daran werden sich die Menschen ewig erinnern. Das geschichtliche Gedächtnis wird nicht kleiner werden, nur wegen eines Weltkulturerbestatus."

Ob die 14 Orte im Zentrum Pekings letztendlich Weltkulturerbe werden, entscheidet die Unesco – die eine Reihe strikter Kriterien hat. Laut Staatsmedien sollen die Stätten bis 2030 die Voraussetzungen für eine Bewerbung erfüllen. 2035, so heißt es, könnten sie auf die Liste aufgenommen werden.

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