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Fazit | Beitrag vom 18.09.2020

Thomas Melles "Die Lage" in StuttgartAlbtraum Wohnungssuche

Rainer Zerbst im Gespräch mit Andrea Gerk

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Auf einer hellblau ausgeleuchteten Theaterbühne filmt ein Mann eine Frau aus gewisser Entfernung. Ihr Bild wird im Hintergrund an die Wand projiziert. (Björn Klein)
"Die Lage" von Thomas Melle, inszeniert von Tina Lanik mit Josephine Köhler und Boris Burgstaller (Björn Klein)

Die Maklerin und der Wohnungssuchende stehen sich als Feinde gegenüber. Autor Thomas Melle hat die Situation am Wohnmarkt in all ihrer Hoffnungslosigkeit zugespitzt. "Die Lage" hatte nun Premiere in Stuttgart. Unser Kritiker Rainer Zerbst war dabei.

Die Lage am Wohnungsmarkt ist in vielen Städten hoffnungslos. "Die Lage"  bietet allerlei Perspektiven auf diesen Wohnungsmarkt. In anderthalb Stunden des Stücks bekommt keiner der Bewerber den Zuschlag, auch nach zahlreichen Besichtigungen nicht. Obwohl sich die Wohnungsinteressenten auf allerlei Weise bemühen, es dem Makler oder der Wohnungsbesitzerin schmackhaft zu machen.

Kurzweilig, aber oberflächlich

Sie bewerben sich mit Schnarchdiplom, das belegt, dass sie leise schlafen, sie geben Kostproben ab, wie laut sie beim Sex stöhnen. "Der Markt bestimmt die Zwänge", heißt es in dem Stück. "Diesen Zwängen", so Zerbst, "müssen sich die Wohnungssuchenden beugen, wenn sie schon mehr als 100 Wohnungen angeschaut, aber keine bekommen haben. Das passiert mit Witz, auch wenn einem der Witz manchmal in der Kehle stecken bleiben möchte."

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Das Stück beschreibt die Lage bei Wohnungsbesichtigungen. Was aber ein bisschen zu kurz komme, so Zerbst, sei "die Frage, was diese Situation denn mit den Menschen macht. Das ist ein Manko des Stücks."

Fünf großartige Schauspieler

Der Stücktext liest sich laut Zerbst wie eine "symphonische Partitur". Es gebe keine Figuren, keine Bühnenanweisungen. Das Bühnenbild ist ein modernes Appartement mit Schiebetüren und -fenstern. In dieses Setting bringt Regisseurin Tina Lanik eine Castingshow für die Bewerbung in einer Wohngemeinschaft, die Maklerpräsentationen oder die Gespräche nach der Besichtigung. Mal als realistische Szene, mal als Stummfilm oder als Chor.

"So wird sie dem Stück von Thomas Melle gerecht, das aus lauter Stimmen besteht", findet Zerbst. "Ihre Regie und die fünf Schauspieler waren großartig." Das Stück hätte seiner Meinung nach mehr Tiefe vertragen können. Trotzdem biete es einen kurzweiligen Abend, so der Kritiker.

(mfied)

"Die Lage" am Schauspiel Stuttgart
am 19., 20., 22. September, jeweils 20 Uhr.

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