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Studio 9 | Beitrag vom 20.09.2014

Thomas HöpkerEin Bildlieferant, der Fotokunst macht

Ein Porträt des 78-jährigen Fotografen und Bildreporters

Von Paul Stänner

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Der Fotograf Thomas Höpker vor der Eröffnung seiner Ausstellung mit Fotografien aus der ehemaligen DDR im Schleswig-Holstein-Haus in Schwerin, aufgenommen am 14.6.2012. (picture-alliance / dpa / Jens Büttner)
Thomas Höpker bei einer Ausstellungseröffnung in Schwerin (picture-alliance / dpa / Jens Büttner)

Schon als Jugendlicher gewann Thomas Höpker Preise. Später wurde er Bildreporter des "Stern" und fotografierte auf fast allen Kontinenten. Die legendäre Bildagentur Magnum nahm ihn als erstes deutsches Mitglied auf.

"Ich würde gern durch die Scheiben fotografieren auf unseren See, unser in Anführungsstrichen, 'big fresh pond' in Southampton."

Wir sind auf dem östlichen Teil von Long Island, der Insel, die New York vorgelagert ist. Ein Süßwassersee, der aber nicht weit vom Meer liegt, ein sehr idyllischer Ort mit Bäumen und Ruhe und schönem Wasser. 

Der Fresh Water Pond glitzert in der Nachmittagssonne, in den hohen Bäumen rauscht der Wind in einem Sommer, der hier seine verregneten Tage einschiebt. Thomas Höpker, langjähriger Fotograf des Magazins "Stern" und gebürtiger Münchner, hat hier seinen Hauptwohnsitz. Höpker hatte schon als Kind angefangen zu fotografieren, hatte als Jugendlicher bereits Preise gewonnen und war Pressefotograf geworden.

"Ich bin dann eben später, in den 60er-Jahren, da war ich schon Reporter, Fotograf bei der Zeitschrift 'Kristall' in Hamburg, da kam es dazu, dass uns der Chefredakteur - uns ist mein Freund Rolf Winter, ist ein wunderbarer Reporter gewesen, - fragte in einer Konferenz: 'Wollt ihr mal nach Amerika fahren?' Und dann sagten wir begeistert, 'Ja, da fahren wir gerne hin, was sollen wir da tun?' Und dann sagte der Chefredakteur, 'Ja, da nehmt ihr euch in New York ein Auto und dann fahrt ihr mal quer durch das Land nach San Francisco, und dann zeigt uns mal, was ihr da so gesehen habt'. "

Jahrzehntelang immer auf dem Sprung

Dreieinhalb Monate dauerte diese Reise durch die USA. Solche Aufträge bekam man damals nur selten. Mit 27 Jahren war Thomas Höpker fast schon an der Spitze seines Berufsstandes. Aus dieser Zeit rührt Höpkers durchaus kritische Neigung zu Amerika, mittlerweile hat er die deutsche und die amerikanische Staatsbürgerschaft - aus praktischen Erwägungen, wie er sagt. 

Höpker wechselte zum "Stern" und war dort jahrzehntelang Fotograf, immer auf dem Sprung. Er hat einen Sohn, den er aber in jener Zeit nur selten zu Gesicht bekam, meist wurden die Koffer aus- und gleich wieder eingepackt. Mit seiner zweiten Frau Eva Windmöller war er drei Jahre Korrespondent in der DDR, harte und öde Jahre. Dann durfte das Paar, gleichsam als Wiedergutmachung, in die USA, wo er heute noch lebt. 

Thomas Höpker hat nie Kriege, aber viele Katastrophen fotografiert. Er war immer jemand, der an den politischen und sozialen Zuständen der Welt interessiert war. Als er 1964 als erstes deutsches Mitglied der legendären Fotoagentur Magnum beitreten durfte - 1989 wurde er Vollmitglied - gehörte die so genannte Concerned Photography quasi zur Geschäftsphilosophie. 

"Concerned Photography - das sind Fotografen, die sich um die Probleme der Menschheit kümmern. Bildjournalisten, die sich interessieren für Dinge, die in der Welt passieren, die nicht sehr erfreulich sind. Man hofft letzten Endes, dass man nicht nur was zeigen kann, sondern auch was verändern kann. Ob Fotografie die Welt verändert, darüber kann man lange diskutieren, ich glaube nicht mehr so sehr dran, aber ich glaube, wenn es keine Fotografie gäbe, die sich um diese Schattenseiten kümmert, dann wäre die Welt auch ärmer."

Ein Starbild mit komplizierter Geschichte

Am 11. September, wenige Stunden nach dem Attentat auf die Zwillingstürme in New York, fotografierte Thomas Höpker einige junge Menschen in Freizeitkleidung, die scheinbar entspannt die Ereignisse auf der anderen Seite des Long Island Sound, die brennenden Türme, beobachteten.

"Das Bild selber hat eine interessante Geschichte. Unten auf der Brooklyn-Seite saßen vier junge Leute in der Sonne, fünf junge Leute, im Hintergrund sah man diese grauenhafte schwarze Wolke aus Manhattan, ich habe genau drei Bilder gemacht davon, bin aber weiter gefahren, weil ich dachte, das ist es nicht, ich habe das gar nicht geschafft, ich war ein Versager als Reporter."

Der Fotograf fuhr nach Hause, sichtete seine Bilder und ausgerechnet dieses Foto landete in der Kiste "C", in der mit dem Ausschuss.

"Und dann kam vier Jahre später mein Freund und Kurator Ulrich Pohlmann vom Münchner Stadtmuseum, der wollte eine Ausstellung mit mir machen und saß hier mit mir und hat Bilder angeschaut für die Ausstellung, und dann zog er dann dieses Bild aus der Schachtel und sagte: 'Hör mal, das ist ja ein Wahnsinnsbild.' 

Und ich sagte: 'Ja, wieso? Ich find es eigentlich nicht so doll.' Und dann hat er mir erzählt, dass gerade dieser Kontrast zwischen diesen jungen Leuten und der grauenhaften Rauchsäule im Hintergrund, diese Kombination von heiler Welt und kaputter Welt, das fand er interessant und damit hat er natürlich recht gehabt. Und es wurde dann so ein Starbild."

Thomas Höpker, groß, schlank, ist in dritter und - wie er betont - letzter Ehe mit der Dokumentarfilmerin Christine Kruchen verheiratet. In seinem Atelier auf Long Island lagern in einer Kühlkammer die Filme und Dias eines langen Arbeitslebens. Hier sichtet er seine Schätze und ordnet sie zu Büchern und zu Ausstellungen.

Die Weihen der Sammler und Galeristen erhalten

Eigentlich war Thomas Höpker nach seinem Selbstverständnis immer ein Bildlieferant, der die Fotos brachte, die am nächsten Donnerstag im Magazin erscheinen sollten. Inzwischen haben viele seiner Aufnahmen aber die Weihen der großen Galerien und Sammler erhalten. Der Fotograf muss sich daran gewöhnen, dass seine Arbeit höher eingeschätzt wird, als er selbst es getan hat:

"Dass die Bilder vielleicht Kunst sind, hat sich bewahrheitet, nachdem ich angefangen habe, meine Bilder an Sammler zu verkaufen, die sich die Bilder an die Wand hängen, und die darüber reden und ich bin inzwischen ganz zufrieden, dass ich in diesen beiden Häusern spielen kann."

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