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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.08.2016

Thomas Bernhards "Ignorant" bei den Salzburger FestspielenGroße Schauspielkunst im ehemaligen Skandalstück

Von Bernhard Doppler

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Der Schauspieler und künstlerische Leiter der Salzburger Festspiele Sven-Eric Bechtolf in der Rolle des Doktors in Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" im Landestheater in Salzburg, auf genommen bei einer Fotoprobe am 12.8.2016. (picture alliance / dpa / Kerstin Joensson)
Sven-Eric Bechtolf in der Rolle des Doktors in Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" auf der Bühne des Landestheaters in Salzburg. (picture alliance / dpa / Kerstin Joensson)

Bei der Salzburger Uraufführung im Jahr 1972 löste "Der Ignorant und der Wahnsinnige" einen Theaterstreik aus. Mehr als 40 Jahre später brilliert an gleicher Stelle der künstlerische Leiter der Festspiele Sven-Eric Bechtolf als Darsteller in Thomas Bernhards Frühwerk.

Sven Eric-Bechtolf ist nicht nur künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele, ist nicht nur viel beschäftigter Opernregisseur, sondern war und ist weiterhin - und wohl zu allererst - ein eindringlicher Schauspieler. Daher hat er sich zum Abschluss seiner Salzburger Direktionstätigkeit ein Stück ausgesucht, mit dem er in langen, selten von Partnern unterbrochen Monologen brillieren kann: Thomas Bernhards Back-Stage Drama "Der Ignorant und der Wahnsinnige", das zunächst in einer Künstlergarderobe, dann in einem Edelrestaurant nach einer Vorstellung der "Zauberflöte" spielt. Ein Arzt und - etwas wortkarg - der blinde Vater begleiten die Darstellerin der Königin der Nacht bei ihren Tourneen.

Ein frühes Salzburger Auftragswerk

Thomas Bernhards frühes Drama, ein Salzburger Auftragswerk, hat schon allein durch Mozarts Oper einen überdeutlichen Festspielbezug. Bei der Uraufführungsinszenierung durch Claus Peymann 1972 verursachte es einen Skandal: den "Notlichtskandal", der die Thematik des Stückes weiterführt. Die vom Arzt immer wieder geforderte Rücksichtslosigkeit und ausnahmslose Kompromisslosigkeit von Kunst - auch die Salzburger Festspiele selbst sahen sich ja so - setzten die Schauspieler der Uraufführung auch außerhalb der Bühne weiter fort. Weil gegen die Forderung von Regisseur Peymann die Festspieldirektion für zwei Minuten bei der Premiere die Notbeleuchtung nicht abschalten wollte, also für zwei Minuten nicht die kompromisslos geforderte vollkommene Dunkelheit im Theater herrschte, streikten Regisseur und Ensemble und weigerten sich, das Stück weiter zu spielen.

Die eigentliche Provokation lag damals allerdings in den äußerst präzisen, 1972 sehr jungen Darstellern: Otto Sander, Ulrich Wildgruber, Angela Schmid und Bruno Ganz, ein spürbarer Gegensatz nämlich zu der doch damals etwas verschmierten, eben nicht "kompromisslosen" Spielweise österreichischer Staatsschauspieler (mit der Peymann dann 14 Jahre später als Burgtheaterdirektor zu kämpfen hatte).

Ein Bühnenbild wie eine Aufbahrungshalle

Bechtolf hat sich 44 Jahre später für seinen Schauspielauftritt einen alten, vor allem in den 70er- und 80er-Jahren tägigen Regisseur ausgesucht, Gerd Heinz, von dem er wohl keine dramaturgischen Einfälle zu befürchten hatte. Die Inszenierung unterstreicht das Totentanzmotiv des Stückes - die Garderobe mit den unzähligen Verehrerblumen wirkt im Bühnenbild von Martin Zehetgruber wie eine Aufbahrungshalle - und lässt vor allem die musikalischen Strukturen von Thomas Bernhards Suada bei Bechtolf aufblühen. Und so kann man sich auch immer wieder den jungen philosophierend-dozierenden Bruno Ganz vorstellen, für den Thomas Bernhard ja das Stück geschrieben hat. Bei Christian Grashof (Vater) - manieriert fuchtelnd - , vor allem aber - geradezu erschreckend - bei Annett Renneberg, bekannt durch Verfilmungen der Commissario Brunetti Romane, funktioniert das musikalische Zusammenspiel nicht, gerade weil Renneberg - ohne jegliche Aura in der Rolle der Primadonna -  immer wieder zwischendurch auch Bruchstücke der Königin-der-Nacht-Arie ansingt.

Gegenüber den Schwächen dieses frühen, etwas unreifen Thomas Bernhard-Stücks - kabarettistisch, einerseits, existentialistisch, andererseits - kommt die Inszenierung jedenfalls nicht an.

Große Schauspielkunst des Prinzipals - einerseits - "Dilettantismus und Schadenfreude", so Thomas Bernhard selbst über den Theaterbetrieb generell - andererseits.

Der Ignorant und der Wahnsinnige
Schauspiel von Thomas Bernhard
Regie: Gerd Heinz
Salzburger Festspiele

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