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Musikfeuilleton | Beitrag vom 05.02.2021

Thomas Bernhard und die MusikAlte Meister

Von Sabine Fringes

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Der österreichische Roman- und Theaterautor Thomas Bernhard, legere sitzend, aufgenommen im Juni 1976. (picture-alliance / dpa / Votava)
Thomas Bernhard im Jahr 1976. (picture-alliance / dpa / Votava)

Er liebte Schubert und war ein unverbesserlicher Perfektionist. Keiner konnte so kunstvoll und sachkundig über Komponisten, Musiker und mehr oder weniger geglückte Aufführungen schimpfen wie der Autor Thomas Bernhard.

Die Salzburger Uraufführung der "Macht der Gewohnheit" sorgte Mitte der 1970er-Jahre für Erstaunen, ja Erleichterung bei Publikum und Presse: Endlich einmal eine Komödie von Thomas Bernhard, endlich einmal etwas zum Lachen vom ewigen Grantler, dessen nicht enden wollenden Tiraden schon über die österreichischen Landesgrenzen hinaus begannen, berühmt zu werden.

Schwarze Komödie

Der Germanist Manfred Mittermayer, Autor einer Biografie über Thomas Bernhard, gehört dem Herausgeberteam der 22-bändigen Thomas-Bernhard-Werkausgabe des Suhrkamp-Verlags an.

Er erzählt: "'Die Macht der Gewohnheit' war Bernhards erste deklarierte Komödie. Er hat dann zwar später angedeutet, dass auch die Texte vorher schon als Komödien zu verstehen seien, aber auch die Kritik hat in dieser Richtung reagiert, dass man fast erleichtert festgestellt hat, dieser Unterganghofer, dieser Alpenbeckett und Menschenfeind, kann auch lustige Texte schreiben."

Zu kurz gekommen

Bernhards Figuren freuen sich nicht des Lebens, nie sind sie zufrieden, stets passt etwas nicht. Sie sind verzweifelte Perfektionisten, Scheiternde, zu kurz Gekommene. Ob er sich selbst auch als Außenseiter sehe, wurde der 38-jährige in einem Interview gefragt:

"Ich selbst seh’ mich nicht als Außenseiter, aber was man nicht sieht, kann gesehen werden. Ich schreibe das, was ich sehe, andererseits, ob das die Außenwelt ist oder die innere. Stilistisch ist es wahrscheinlich mein Musikstudium, das eine große Rolle spielt, schon in den Gedichten gespielt hat, auch in der Prosa, und das ich immer mehr zu perfektionieren, könnte man sagen, wohin das führt, weiß ich nicht, habe."

Geigen und Singen als Rettung

Musik begleitet Thomas Bernhard von Kindheit an. Das Geigenspiel ist dem 1931 unehelich Geborenen ein Trost, zu dem er Zuflucht nimmt im Internat. Mit 16 erkrankt Bernhard lebensgefährlich an Tuberkulose, nie wird er wieder richtig gesund. Es folgt eine Zeit der Klinikaufenthalte. Seine Krankheit führt ihn noch enger an die Musik heran, wie er in seiner Autobiografie schreibt:

"Nicht weil ich katholisch war, ging ich an den Sonntagen in die Kapelle, sondern weil ich nicht nur ein musikalischer Mensch, sondern ein Musiknarr geworden war, der noch immer die Absicht hatte, die Musik zu dem höchsten Zeichen seiner Existenzberechtigung und zu seiner einzigen wahren Leidenschaft, zu seinem Lebenskomplex zu machen. So sang ich an diesen Sonntagen, neben dem Harmonium stehend, das mein Kapellmeisterfreund spielte, eine Schubertmesse.

An die zehn, zwölf Patienten als Sänger versammelten sich hier an den Sonntagen um sechs Uhr früh in ihren Schlafröcken, billigen, schäbigen Wollpullovern und sangen die Schubertmesse mit der Inbrunst des Dilettanten zum Ruhme und zur Ehre des Ewigen Gottes. Drei, vier Kreuzschwestern feuerten diese armseligen Stimmen aus abgemagerten, zitternden Kehlen an, trieben sie in das Kyrie hinein und so unnachgiebig und unerbittlich durch die ganze Messe bis zum Agnus, wo dann der Höhepunkt der Erschöpfung erreicht war. (...)

Da stand ich, mitsingend, mitschreiend, mitkrächzend, und hatte den Blick auf diese schwitzenden und wippenden Köpfe gerichtet, die von grauen, mageren Hälsen in die Höhe gereckt waren wie von Prangerstangen. (...) Am Ende der Messe war diese Kapellengesellschaft von einem ungeheuren, allgemeinen Hustenanfall erschüttert, aus welchem sich die Kreuzschwestern mit raschen Schritten entfernten. Die Sänger schlichen die Wände entlang zum Stiegenhaus und arbeiteten sich Hand vor Hand an den Geländern, Fuß vor Fuß über die Treppen in den Speisesaal, um das Frühstück einzunehmen. Der Kaffeegeruch beherrschte jetzt alles."

Berufsziel Sänger

Der junge Thomas Bernhard strebt eine Sängerlaufbahn an und bekommt bei zwei Vorsingen eine Absage. Darunter das vernichtende Urteil des Dirigenten Josef Krips: "Was wollens denn, werdns a Fleischer." Und doch muss Bernhard von seinem Musikertraum nicht lassen. Beim Schreiben kann er sich ihn erfüllen. "Ja, was ich schreibe, kann man nur verstehen, wenn man sich klarmacht, dass zuallererst die musikalische Komponente zählt und dass erst an zweiter Stelle das kommt, was ich erzähle."

Klingende Sprache - sprechende Klänge 

Thomas Bernhards erste Veröffentlichungen sind Gedichte. Einige von ihnen atmen den Geist von Schubert-Liedern. Nicht nur, was die romantischen Metaphern von Mond und spiegelnden Wellen, vom einsamen Wanderer in stiller Natur angeht. Auch formal orientieren sie sich an der Liedform.

Mittermayer erinnert sich: "Zum Unverwechselbarsten des Autors gehört seine Sprache, man könnte auch sagen, sein Sound. Ich glaube, dass Bernhards Sprachmusik auch sehr viel mit der gesprochenen Sprache zu tun hat, auch mit einem österreichischen Idiom. Bernhard war sehr wichtig, auch in seinen gedruckten Texten, dass bestimmte Austriazismen nicht getilgt werden.

Wenn man sich das nun klanglich vorstellt – und auch noch mit der Erregtheit des Sprechers – was bei Bernhard immer eine große Rolle spielt, dann ergibt sich ein gewisser Rhythmus, eine gewisse Musikalität, die Bernhard stilisiert, man sollte sie auch nicht mit einem österreichischen Dialekt verwechseln. Aber dieses akustische Element der Sprache war ihm immer sehr wichtig. Man weiß auch, dass er sich die Texte immer vorgesprochen hat und die Wirkung der Texte auf andere ausprobiert hat."

Texte musikalisch bauen

Nicht nur sprachlich sind die Werke Bernhards von Musik durchdrungen. Immer wieder kreisen sie um die Themen Musik und Erzählen, Erzählen und Musik. So wie in "Beton" aus dem Jahr 1982. Rudolf, so der Name des Erzählers der Geschichte, bereitet seit einem Jahrzehnt eine Abhandlung über Mendelssohn-Bartholdy vor. Noch keinen Satz hat er zustande gebracht im Bemühen um eine "alle anderen Veröffentlichungen weit zurücklassende Arbeit."

Eine Frau betrachtet in einer Ausstellung im Berliner Ensemble ein Foto des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)Thomas Bernhard auf einem Foto von 1988, das in einer Ausstellung in Berlin zu sehen war. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Erst fühlt er sich durch den Besuch der Schwester, dann durch ihren Weggang an der Arbeit gehindert. Bernhard arbeitet hier mit Worten als seien sie musikalische Motive: Er wiederholt sie, verändert sie, stellt sie in Frage, bestätigt sie, kombiniert sie mit immer neuen anderen Motiven. Als befänden wir uns mitten im Durchführungsteil einer klassischen Sonate.

Genial gescheitert

Der frühe Tod von Glenn Gould im Jahr 1982 inspiriert Thomas Bernhard zu seinem Roman "Der Untergeher". Es ist der einzige Roman, den Bernhard ausschließlich der Musik gewidmet hat. Nicht um den historischen Glenn Gould geht es Bernhard. Aus dem Klaviervirtuosen macht er eine seiner typischen Figuren: einen exzentrischen Außenseiter, einen Perfektionisten, der sich isoliert, um ganz seiner Kunst zu leben. Trotz seines Genies erfährt sich dieser artifizielle Glenn Gould als ein Scheiternder. 

Oper zum Mitsingen

Claus Peymann, der viele der Stücke von Thomas Bernhard uraufgeführt hat, war oft zu Besuch bei ihm.

Im Wiener Burgtheater verbeugen sich Autor Thomas Bernhard und Burgtheaterdirektor Claus Peymann Hand in Hand am 4. November 1988 nach der Premiere von "Heldenplatz". (picture-alliance / dpa / Votava)Thomas Bernhard und Claus Peymann nach der Premiere von "Heldenplatz" in Wien. (picture-alliance / dpa / Votava)

Er erinnert sich: "Das ist zwar alles düster und dem Tode geweiht, aber er ist ein äußerst unterhaltsamer Mensch, er war sehr musikalisch und liebte die Aufnahmen aus Glyndebourne, (...) das superste Opernfestival der Welt (...) mit Busch als Dirigenten und da hatte er die Schallplatten, und die haben wir in seinem Hof gespielt und haben tüchtig da mitgesungen."

Meister des Lamento

Bis zu seinem frühen Tod – Bernhard starb 1989 mit 58 Jahren – war die Musik für den stets von Krankheit gezeichneten Thomas Bernhard ein Lebenselixier: Sein Wunsch, "die Musik zu dem höchsten Zeichen seiner Existenzberechtigung und zu seiner einzigen wahren Leidenschaft, zu seinem Lebenskomplex zu machen" hatte er sich als Schreibender erfüllt.

Musik leuchtet durch alle seine Sätze hindurch. Sie unterwandert das Gesagte, setzt einen Kontrapunkt, wo Zerfall und Zerstörung herrschen, erschafft mit ihrer ästhetischen Struktur Harmonie. Und aus dem Klagegeschrei wird ein Klagegesang.
Thomas Bernhard war ein Meister des Lamento.

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