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Buchkritik | Beitrag vom 16.01.2021

Thomas B. Reverdy: "Ein englischer Winter"Shakespeare und Sex Pistols

Von Dirk Fuhrig

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Das Cover des Buches "Ein englischer Winter" von Thomas B. Reverdy auf orangefarbenem Aquarell-Hintergrund. (Piper / Deutschlandradio)
Packende Gesellschaftsskizze: Reverdys Roman greift das Lebensgefühl der 70er-Jahre auf. (Piper / Deutschlandradio)

Ende der 70er-Jahre in Großbritannien: Die Stimmung hoffnungslos, die Gesellschaft zerrissen. Der französische Schriftsteller Thomas B. Reverdy blickt zurück auf diesen Winter der Unzufriedenheit - und zeigt, wie er zu sozialer Gewalt führen konnte.

Der Winter 1978/79 war nicht nur der, in dem Sid Vicious von den "Sex Pistols" starb. In jenen eiskalten Monaten eskalierte in Großbritannien eine wirtschaftliche und soziale Krise, überall im Land wurde über lange Zeit gestreikt. In der Folge stürzte die regierende Labour-Partei, und am 4. Mai 1979 wurde Margaret Thatcher Premierministerin, die Großbritannien mit eiserner Hand in eine wirtschaftsliberale Zukunft führte.

Der französische Schriftsteller Thomas B. Reverdy wurde 1974 geboren und ist Lehrer an einem Gymnasium in einer der östlichen Vorstädte von Paris. Sein Roman heißt in der französischen Originalfassung "L’hiver du mécontentement", also: Der Winter der Unzufriedenheit. So lautete eine Überschrift in dem Boulevardblatt "The Sun" aus jener Zeit. Es ist aber auch die Anfangszeile aus "Richard III.", einem der brutalsten Texte von William Shakespeare.

Damals noch neu: prekäre Beschäftigung

Das Königsdrama spielt in dem Roman eine wichtige Rolle: Nachwuchs-Schauspielerin Candice probt für die Aufführung dieses Stücks in einer Fassung, in der sämtliche Figuren von Frauen dargestellt werden, sie selbst ist Richard III. Ihr Geld verdient Candice jedoch damit, dass sie als Fahrradkurierin durch London strampelt. Solche Jobs waren damals noch neu. Bis heute gelten sie als Symbol für prekäre Beschäftigungsverhältnisse.

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Die 70er-Jahre gehen zu Ende. Die langen Haare werden abrasiert, die letzten Späthippies werden zu Punks. No future – das ist die Stimmung nicht nur bei jüngeren Leuten.

Arbeitslosigkeit und Inflation steigen rasant, die ökonomische Ungleichheit nimmt zu. Die britische Gesellschaft ist zerrissen, Befürworter und Gegner der Streiks scheinen unversöhnlich. Diese gesellschaftlichen Verhärtungen sind ein Vierteljahrhundert später noch bei den Auseinandersetzungen um den Brexit zu spüren.

Parallelen zur Gelbwesten-Bewegung?

Reverdys Roman erschien 2018 in Frankreich und war einer der Favoriten für den Prix Goncourt, der in jenem Jahr an einen anderen Sozialroman ging, an "Wie später ihre Kinder" von Nicolas Mathieu. In jenem Jahr formierte sich auch die Gelbwesten-Bewegung. "Ein englischer Winter" spielt zwar ausschließlich in London, doch Großbritannien wird zum Exempel für die Wucht sozialer Gewalt, die auch in Frankreich zu Protest führte.

Reverdys Roman ist klar und klug strukturiert, glänzend geschrieben und übersetzt. Der Autor bringt das Lebensgefühl der Generation "No future" in drängenden, pulsierenden Hauptsätzen auf den Punkt. Jedes Kapitel leitet er mit zeitgenössischen Songzitaten ein, von den "Sex Pistols", "The Cure", Marianne Faithful oder "Siouxie and the Banshees".

Epoche des Umbruchs

Die Verschränkung der gesellschaftlichen Realität mit den Songtexten und dem Shakespeare-Text über Gewalt und Macht ist fast schulbuchmäßig gelungen, ohne dass die Geschichte dadurch formalistisch wirken würde. Im Gegenteil: Das Buch atmet den Geist einer Epoche, in der ein gewaltiger gesellschaftlicher Umbruch stattgefunden hat – vom sozialdemokratischen zum so genannten neoliberalen Zeitalter. Eine packende Gesellschaftsskizze.

Thomas B. Reverdy: "Ein englischer Winter"
Aus dem Französischen von Brigitte Große
Piper Verlag, München 2021
208 Seiten, 22 Euro

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