Ich wählte die flachen, die runden, die Ring für Ring übers Wasser hüpften, bis sie gegen die Mitte hin versanken. Ich war ein Meister im Steinewerfen. Zwischen Daumen und Zeigefinger musste man sie halten und ihnen einen Drall geben, bevor man sie losließ, dass sie sich drehten im Gleiten. Ich warf, bis mir der Arm schwer wurde und die Finger schmerzten. Ich ließ mich in meinen Sessel fallen, der mir bequem wie nie erschien.“
Thilo Krause: "Jetzt, wo du ein Held bist"
© Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Eine Freundschaft am Ende der DDR
06:19 Minuten

Thilo Krause
Jetzt, wo du ein Held bistCarl Hanser Verlag, München 2026272 Seiten
24,00 Euro
Zwei Freunde im Dresden der Vorwendezeit: Der zwölfjährige Toni leidet unter Krach im Elternhaus und systemtreuen Lehrern. Dann taucht Maik auf, mit dem er sich gegen die DDR-Parolen zur Wehr setzt.
Wenn Toni in seinem Versteck an der Elbe ist, einer kleinen Landzunge zwischen verstrüppten Pappeln und einem Flutgraben, sortiert er regelmäßig seine Schätze. Mickey-Mouse-Heftchen, Matchbox-Autos und anderen „kapitalistischen Unrat“, wie sein verhasster Lehrer es nennen würde. Am liebsten aber sammelt er dort Steine und lässt sie über die Flussoberfläche flitschen:
In diesem aus Schwemmgut und Stricken zusammengebauten Sessel denkt Toni über Dinge nach, die er nicht versteht: Warum seine Eltern sich dauernd streiten, weshalb sein gerade verstorbener Großvater nur ein Bein hatte – und vor allem, warum er sich eine Schwester imaginiert, die in allen nur möglichen Situationen auftaucht.
Doch anders als beim Steinewerfen bringt er diese Fragen nicht ins Gleiten, sondern notiert sie mühsam in einem eigenen Buch, fast verbissen in seiner Suche nach Antworten.
Dresden vor der Wende: Ein eigener Planet
Thilo Krause lässt seinen zweiten Roman im Sommer 1989 spielen, kurz vor der Wende. Toni, der immer wieder betont, schon „fast dreizehn“ zu sein, lebt mit seinen Eltern am Rand von Dresden, im Stadtteil Laubegast, wo ihm alles bröckelig und alt vorkommt und wo an den Hängen zur Elbe nur wild wuchernde Gärten und alte Häuser zu sehen sind, „große zugige Häuser mit farbigen Fenstern in den Treppenaufgängen und schrägen Dächern, von denen im Winter riesige Lawinen brachen“.
Eine Welt wie ein Dorf, obwohl es auch einige schmale Wohnblöcke gibt – eine Welt, die dem erzählenden Toni aber umgekehrt wie ein ganzer Himmelskörper erscheinen will:
Unser Planet der Vorstadt, der das Zentrum schwerelos umkreiste, mit seiner komischen Bewohnerschaft aus allen, die nichts von den Neubauten hielten, es nicht geschafft hatten, in das Paradies aus elektrischen Fahrstühlen und Müllschächten zu ziehen, oder es nicht wollten.“
Müdigkeit und Schwere kurz vor dem Mauerfall
Das erinnert in seinem ironischen Grundton und in seiner Vorliebe für Randfiguren, für Außenseiter oder von der DDR Desillusionierte, an die Romane von Lutz Seiler.
Geschickt baut Krause die historische Situation kurz vor dem Mauerfall als eine Art atmosphärische Hintergrundszenerie auf, die nicht bloß Kulisse ist, sondern spürbar macht, woher die erwachsenen Figuren das Gefühl von Müdigkeit und Schwere haben, das ihr Leben bestimmt. Und auch, warum in den Gesprächen so vieles verschwiegen wird, es mag sich um Erinnerungen an die Verwerfungen der NS-Zeit handeln oder um das mögliche Verstricktsein ins DDR-System.
Die Parolen der DDR verlieren an Macht
Den Vordergrund des Romans indes bildet eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, die sich an „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ genauso anlehnt wie an Wolfgang Herrndorfs „Tschick“. Denn was Toni aus seinem Alleinsein retten wird, ist echte Freundschaft, und zwar in Gestalt von Maik, einem Sitzenbleiber, der mit seinen raspelkurzen Haaren und seinem Blick großen Eindruck auf Toni macht. Und der womöglich sogar die Fragen beantworten kann, die Toni in sein Notizbuch schreibt:
Seine Augen glänzten. [...] Ich bewunderte diese Augen, scharf und klar, mit einer seltsamen Macht, dass selbst Maiks Hörgerät zu schwinden schien. Jeder andere hätte sich etwas eingefangen dafür. An Maik bedeutete die rosa Muschel hinter dem linken Ohr rein gar nichts.
Tatsächlich gelingt es Thilo Krause, die historische Schicht des Romans mit dieser Freundschaftserzählung zu verbinden. In gleichem Maß, wie in der DDR-Gesellschaft „die Zucht, die Ordnung, die Appelle“ an Macht verlieren, erleben Toni und Maik in dem „ganzen Dschungel von Wörtern und Parolen“, wie es heißt, das Durchlässigwerden von Grenzen.
Freundschaft macht die Angst erträglicher
Dass Toni wirklich ein anderer wird, obgleich nicht so, wie er es sich erträumt hatte, das hat er nicht zuletzt seiner imaginierten Schwester zu verdanken, die unablässig durch die Geschichte geistert, auch wenn ihr Geheimnis erst spät gelüftet wird.
Auf sein Notizbuch kann Toni am Ende jedenfalls verzichten. Und auch das Gefühl von elementarer Angst, das fast alle Figuren verspüren, ist für Toni und Maik ein wenig erträglicher geworden:
„Die Angst hatte das Schloss nicht aufgeschlossen, sondern zu. So gehörten wir zusammen. Nein, so hatten wir zusammengehört.“
Mag sein, dass Thilo Krause es in seiner Sprache mit idiomatischen Wendungen ab und an übertreibt. Oder dass die großen Konflikte zwischen Tonis Eltern eher behauptet als auserzählt werden und gerade die Geschichte seiner Mutter im Schlussabschnitt verpufft.
Doch das ändert nichts daran, dass er ein ebenso amüsantes wie anrührendes Buch über eine große Freundschaft geschrieben hat.


















