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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.08.2014

These zum Ersten WeltkriegDas Zarenreich als Kriegstreiber

Sean McMeekin: "Russlands Weg in den Krieg"

Von Winfried Sträter

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Der russische Zar Nikolaus II. (Mitte) mit Repräsentanten anderer Länder, die am Ersten Weltkrieg beteiligt waren. (picture alliance / Itar-Tass)
Der russische Zar Nikolaus II. (Mitte) mit Repräsentanten anderer Länder, die am Ersten Weltkrieg beteiligt waren. (picture alliance / Itar-Tass)

Der Historiker Sean McMeekin entwickelt in seiner Studie ein Szenario, das sich von den herkömmlichen Darstellungen des Beginns des Ersten Weltkriegs fundamental unterscheidet – mit Russland als treibender Kraft.

Es ist schade, dass McMeekins Studie erst in diesem Sommer - drei Jahre nach dem Erscheinen in Großbritannien - auf den deutschen Markt gekommen ist. Denn hierzulande wird die Debatte um den Ausbruch des Ersten Weltkriegs seit vorigem Jahr von Christopher Clarks "Schlafwandlern" dominiert. Wäre McMeekin zur selben Zeit erschienen, hätten beide Bücher in einem interessanten Spannungsverhältnis zueinander gestanden. Beide relativieren die Rolle Deutschlands beim Kriegsausbruch, allerdings auf sehr unterschiedliche Weise.

Während Clark den serbischen Nationalismus und Frankreichs Blankoscheck für Russlands riskante Balkanpolitik in den Blick rückt, sieht McMeekin Russland als treibende Kraft, aber nicht durch seine Balkanpolitik. Nach McMeekins Überzeugung haben die Historiker bis heute nicht begriffen, worum es 1914 in Wahrheit ging: um die russische Eroberung der türkischen Meerengen, die Eroberung Konstantinopels, wie er gemäß des damaligen Sprachgebrauchs Istanbul durchgängig nennt.

Fundamental anderes Szenario

Diese These macht die Lektüre des Buches außerordentlich spannend, denn McMeekin entwickelt in der Tat ein Szenario, dass sich von den herkömmlichen Darstellungen fundamental unterscheidet. Spätestens seit dem Überfall Italiens auf das zum Osmanischen Reich gehörende Libyen war allen europäischen Mächten klar, dass das islamische Großreich vor dem Zusammenbruch stand. Den Ersten Weltkrieg könne man daher, so McMeekin, "als 'Osmanischen Erbfolgekrieg' bezeichnen". Während England und Frankreich allerdings keinen dringenden Handlungsbedarf erkannt hätten, habe sich die russische Politik ganz darauf konzentriert, die welthistorische Chance zu nutzen. Auf der einen Seite ging es um die Erfüllung eines alten imperialen Traums. Der russische Außenminister Sasonow schrieb schon 1912 in einem Memorandum, die Eroberung Konstantinopels bedeute "die natürliche Krönung der Anstrengungen und Opfe (...), die wir in den letzten Jahrhunderten unserer Geschichte erbracht haben".

Auf der anderen Seite herrschte in den St. Petersburger Regierungskreisen panische Angst, dass Türken und Deutsche die Meerengen am Bosporus kontrollieren und Russland den Durchgang versperren könnten. Russlands Welthandel, vor allem bei Getreide, war vom freien Durchgang abhängig. Diese Paarung – imperiale Gier und panische Angst – machte Russland schon bei den Balkankriegen 1912/13 zum Kriegstreiber. Im Frühjahr 1914 gab es ernsthafte Indizien für eine bedrohliche deutsch-türkische Aufrüstung am Bosporus, und in dieser Situation wuchs die Bereitschaft der russischen Führung, für die Eroberung der Meerengen und die Zerschlagung des Osmanischen Reiches einen europäischen Krieg zu riskieren.

Serbien war nur der Hebel

In Frankreich fand die russische Politik einen willigen Verbündeten, Großbritannien war reserviert. In der Julikrise 1914 aber gelang es der russischen Diplomatie mit hohem Raffinement, die Briten kriegswillig zu stimmen, ohne dass man in London eine Ahnung davon hatte, worum es der russischen Führung in Wahrheit ging. Es sei naiv zu glauben, Serbien hätte für Russland eine wichtige Rolle gespielt, schreibt McMeekin. Für ihn war Serbien nur der Hebel, um in einer einmalig günstigen Konstellation, mit Großbritannien und Frankreich an der Seite, in den Kampf um die Eroberung Konstantinopels zu ziehen. Mit der heimlichen Mobilmachung ab 25. Juli hat nach Einschätzung McMeekins Russland den Ersten Weltkrieg ausgelöst.

Der ganze Krieg erkläre sich nur, wenn man dieses Szenario vor Augen habe: Gewiefte russische Politiker verbargen ihre wahren Interessen, entfesselten den großen Krieg und jagten 1915 die Verbündeten in das Abenteuer von Gallipolli, den vergeblichen Versuch der Eroberung der Halbinsel vor Istanbul. Selbst der Massenmord an den Armeniern hat letztlich seine Ursache in dieser verantwortungslosen russischen Politik, so McMeekin: Um das Osmanische Reich zu schwächen, hätten sie die Armenier zum Aufstand angestachelt und sie dann im Stich gelassen.

Mit Furor verfasst

McMeekin, US-amerikanischer Historiker, der in Istanbul lehrt, schreibt mit einem ungeheuren Furor, er wirft den westlichen Historikern eine hundertjährige Ignoranz gegenüber der russischen Kriegsstrategie vor. Während Christopher Clark die Suche nach dem Schuldigen überwinden will, ist für McMeekin klar: "Russlands Außenminister sitzt nun auf der Anklagebank des historischen Gerichts". Diese Eindeutigkeit ist irritierend, der Gestus, jetzt die ganze Wahrheit aufgedeckt zu haben. Wie auch der Sprachstil, der zuweilen an Schwarz-weiß-Muster des Kalten Krieges erinnert. Trotzdem: McMeekin beschreibt auf der Grundlage eines intensiven Quellenstudiums ein Szenario, das die Kriegsgeschichte in ein ganz anderes Licht rückt. Insofern ist sein Buches einer der wichtigsten Beiträge zur neuen Debatte um den Ersten Weltkrieg. Nichts weniger.

Sean McMeekin: Russlands Weg in den Krieg. Der Erste Weltkrieg – Ursprung der Jahrhundertkatastrophe
Europa-Verlag, Berlin 2014
446 Seiten, 29,99 Euro

Mehr zum Thema:

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