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Interview / Archiv | Beitrag vom 01.02.2018

Theresa Lachner über 50 Jahre "Wunder der Liebe" "Selbstbefriedigung ist wie Zähneputzen"

Theresa Lachner im Gespräch mit Dieter Kassel

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Oswalt Kolle: Das Wunder der Liebe II - Sexuelle Partnerschaft, Deutschland 1968, Regie: Alexis Neve, Szenenfoto Copyright: IFTN UnitedArchives03614 Oswalt Kolle the Wonder the Love II sexual Partnership Germany 1968 Director Alexis Neve Scene photo Copyright UnitedArchives03614 (imago stock&people)
Szenenfoto aus Oswalt Kolles "Das Wunder der Liebe 2" (imago stock&people)

Auch heute ist Selbstbefriedigung für viele Leute ein schwieriges Thema, sagt Theresa Lachner. Die Sex-Bloggerin wundert sich dann manchmal, dass Dinge, die eigentlich cool sein sollten, einfach immer noch nicht ganz so cool sind, wie man dann denken könnte.

Eine ganze Nation ließ sich von ihm "Das Wunder der Liebe" erklären - mit Filmen, Büchern und Zeitungsartikeln brachte es Oswalt Kolle zum "Aufklärer der Nation". Es ist jetzt 50 Jahre her, dass der Film in die Kinos kam und eine sexuelle Revolution mit in Gang setzte. "Wenn wir das wirklich als Zeitzeugnis verstehen und nicht als aus heutiger Sicht eher ein bisschen schrullig, ein bisschen niedlich, dann ist das wahnsinnig wichtig, was damals diskutiert wurde", sagt die Journalistin Theresa Lachner, die sich auf ihrem Blog lvstprinzip.de  allen Fragen rund um Sexualität widmet.

Mehr über Wünsche reden 

Die Bloggerin merkt an den vielen Anfragen, wie sie erreichen, dass auch heute rund um den Sex noch viel zu tun bleibt. "Ich glaube wirklich, das ist eigentlich das Interessanteste, woran wir arbeiten können, dass wir in unserer Kommunikation unserer Bedürfnisse und Wünsche besser werden", sagte Lachner. "Ich glaube, das ist ja auch genau das, was gerade in dieser #metoo-Debatte passiert, dass Situationen im Nachhinein anders bewertet, weil Leute oft währenddessen gar nicht so genau wussten, was sie wollten und das dann auch nicht sagen konnten."


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Man kann im Grunde genommen die Wirkung von "Wunder der Liebe: Sexualität in der Ehe", des ersten Aufklärungsfilms von Oswalt Kolle gar nicht unterschätzen, auch wenn natürlich einiges aus diesem Film heute, 50 Jahre nach seiner Kinopremiere, fast schon komisch wirkt. 

Über Aufklärung damals, aber natürlich insbesondere auch über den Klärungsbedarf heute wollen wir jetzt mit Theresa Lachner reden, sie betreibt den Blog lvstprinzip.de. An dieser Stelle ein ganz wichtiger Hinweis: erstens, gucken Sie sich das an, wenn wir hier ausgeredet haben. Wir wollen ja erst mal Zuhörer haben. Lustprinzip mit V anstatt U, als Lvstprinzip, LV und dann stprinzip. Lustprinzip.de ist was anderes. Tipp: lohnt sich auch nicht, ist nicht das, was Sie jetzt vermuten.

Theresa Lachner: Was heißt hier auch?

Kassel: Also erst mal, bevor ich Sie weiter vorstelle, erst mal schönen guten Morgen!

Lachner: Guten Morgen!

Kassel: Und neben dem Blog schreiben Sie immer wieder unter anderem für "Die Zeit", für "Neon", für "Cosmopolitan" und andere auch über das Thema Sex. Wenn Sie dann jetzt soetwas hören wie diesen O-Ton jetzt gerade, es ist ein bisschen gemein ausgewählt, es ist auch aus heutiger Sicht nicht alles so albern in diesem Film wie dieser Ausschnitt, aber wenn Sie das hören, lachen Sie dann nur oder sagen Sie, nee, nee, nee, man muss sich in die Zeit zurückversetzen, es ist immer noch beeindruckend, was der Mann damals geleistet hat?

Lachner: Wenn wir das wirklich als Zeitzeugnis verstehen und nicht als aus heutiger Sicht eher ein bisschen schrullig, ein bisschen niedlich, dann ist das wahnsinnig wichtig, was damals diskutiert wurde. Klar, heute hören wir "Wunder der Liebe" und dann "Sexualität in der Ehe", was natürlich schon ein bisschen unvereinbar fast klingt, dass es damals wahnsinnig wichtig war für ganz viele Leute, ich glaube, das können wir gar nicht genug betonen.

Kassel: Haben Sie denn das Gefühl, wenn Sie schreiben, wenn Sie auch Anfragen kriegen, es hat sich alles so grundsätzlich geändert? Ich meine, man könnte ja sagen, die Sache mit dem Rückenmark und dem Blindwerden ist vom Tisch, was Masturbation angeht, aber Unsicherheiten …

Lachner: Ja …

Foto einer Szene aus dem Film "Das Wunder der Liebe" (2. Teil) von Oswalt Kolle (imago stock&people)Foto einer Szene aus dem Film "Das Wunder der Liebe" von Oswalt Kolle (imago stock&people)

Für viele Leute tabu

Kassel: … Ja, ich höre es schon, aber Unsicherheit selbst zu dieser scheinbar einfachen Frage ist immer noch da, oder?

Lachner: Also ich schreibe wahnsinnig viel über Selbstbefriedigung, weil ich natürlich auch viel Sextoys teste und vorstelle und ausprobiere. Natürlich bekomme ich einerseits diese persönliche Reaktion von Leuten, so: oh, also was du dich da traust, dass du dich da hinstellst und darüber redest, und ich denke mir, na gut, für mich ist Selbstbefriedigung irgendwie auf einer Ebene mit Zähneputzen, das macht man halt ab und zu, dann geht es einem danach wieder besser, und alles ist gesund.

Aber für viele Leute ist das schon immer noch wahnsinnig tabu oder dass man einfach mal irgendwie auch mit dem Partner drüber redet oder gerade, wenn man dann so nachforscht, so: wenn mein Freund sich selbstbefriedigt, dann ist das für mich wie Fremdgehen, wo ich dann immer denke, hä, wirklich, immer noch? Also ich bekomme ganz viel in meiner täglichen Arbeit gar nicht so von mir, sondern von anderen Leuten das Gefühl, dass Sachen, die eigentlich cool sein sollten, einfach immer noch nicht ganz so cool sind, wie man dann denken könnte.

Kassel: Ist es nicht so, wir wollen nicht immer nur bei diesem Thema bleiben, aber wir können es an dieser Stelle. Wenn bei der Selbstbefriedigung Fragen kommen, Sie haben es ja gerade erwähnt, ist es innerhalb einer Partnerschaft normal, wie oft ist es normal, all diese Fragen, dahinter steckt doch eigentlich immer irgendwie die Frage, bin ich eigentlich normal?

Lachner: Ja, das ist die Grundfrage, die jeder Mensch hat, mit der er zu mir kommt. Ich glaube, ganz viele Leute wollen von mir auch so eine Absolution hören, ich stehe irgendwie heimlich auf … Ich hatte neulich eine Frau, die schrieb mich über Instagram an und meinte, ich habe eigentlich einen Freund, aber ich mag gerne Frauen mit großen Uhren am Handgelenk, da werde ich total geil – bin ich normal? Ich so, ja, wieso denn nicht?

Also ich meine, es gibt ja grundsätzlich erst mal sehr vieles, was normal ist, und da geht es natürlich immer um so eine Frage, was ist tabu, und die ändert sich natürlich in der Gesellschaft deutlich. Also vor 50 Jahren war Selbstbefriedigung noch ein Riesentabu, aber wo das Tabu für den Einzelnen liegt, ist ja auch immer die andere Frage dann.

So sein wie man ist

Kassel: Aber wenn wir mal … Machen wir mal einen Dreierschritt: Der erste Schritt ist eine konkrete Frage, wie, wenn mich Uhren am Handgelenk anmachen, dahinter steckt die Grundfrage, bin ich normal. Hat sich da ein bisschen was geändert? Ich könnte mir vorstellen, früher steckte dahinter wiederum auch die Frage, bin ich pervers. Steckt nicht heute manchmal auch die Frage dahinter, bin ich vielleicht ein bisschen zu langweilig?

Die Bloggerin Theresa Lachner im Studio von Deutschlandfunk Kultur (Deutschlandradio/ Sandra Ketterer)Die Bloggerin Theresa Lachner im Studio von Deutschlandfunk Kultur (Deutschlandradio/ Sandra Ketterer)

Lachner: Auf jeden Fall. Es gibt ja einfach so wahnsinnig viel, und wir kriegen ja auch … Also die mediale Repräsentierung von Sex ist ja immer, was gibt es Neues, wie kann ich das lernen, und wie kann ich dadurch die Blowjob-Queen, sexpositiv, sonst was, aller Zeiten werden. Es geht ja ganz oft immer nur darum, wie kann ich performen, was kann ich machen, wie kann ich besser werden in Sex und weniger darum, was will ich eigentlich.

Es gibt natürlich sehr viele Leute, die sagen, ich bin in Wirklichkeit gar nicht so polyamourös, Bondage langweilt mich auch, ich möchte das nicht, ist das okay, wenn ich das nicht mache. Auch da muss man sagen, ja, ja, du bist normal, du musst gar nichts. Das ist ja das Schöne: Du musst überhaupt keinen Sex haben. Wenn du asexuell bist, ist das auch fein, aber das verunsichert sehr, sehr viele Leute, dass sie nicht alles ausprobieren wollen und auch gar nicht können und keinen Bock drauf haben. Dann muss man sagen, doch, doch, du darfst genau so sein wie du bist.

Kassel: Im Grunde genommen könnte man sagen, jeder, der etwas macht, was er selber tun möchte und so andere dabei mitmachen, tun die das auch freiwillig, soll es tun, solange es nicht irgendwie lebensgefährlich ist für sich oder andere, aber warum ist das nicht so einfach, warum geben wir da einfach unseren Gefühlen nicht nach und glauben immer, es gibt Regeln, es ist komisch, und ich weiß so viel nicht, obwohl wir heute schon mehr über Sex wissen als früher?

Lachner: Ja, aber wenn man einen Wunsch äußert, dann gibt man sich ja auch irgendwie immer eine Blöße, und gerade beim Thema Sex entblößt man sich ja zwangsläufig, meistens auch körperlich, wenn man sich auszieht, und sich dann auch noch emotional nackt zu machen und zu sagen, Schatz, mich würde das irre anmachen, wenn du jetzt mir mal den Arsch versohlst. Ich glaube, das ist für viele Leute einfach schwierig, also gar nicht so in dem allgemeinen Gespräch über Sex, sondern dann gerade in der konkreten Situation dann auch wirklich sich nicht auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen, sondern zu sagen, hey, wir machen jetzt seit zehn Jahren dasselbe, lass uns doch morgen mal Y ausprobieren.

Ich glaube, das ist einfach schwierig, und auch die Art, wie man das sagt, das wollen wir ja nicht, dass der andere das in den falschen Hals bekommt. Ich glaube wirklich, das ist eigentlich das Interessanteste, woran wir arbeiten können, dass wir in unserer Kommunikation unserer Bedürfnisse und Wünsche besser werden. Ich glaube, das ist ja auch genau das, was gerade in dieser #metoo-Debatte passiert, dass Situationen im Nachhinein anders bewertet, weil Leute oft währenddessen gar nicht so genau wussten, was sie wollten und das dann auch nicht sagen konnten.

Nur wenige Fachjournalisten

Kassel: Das Interessante ist, die #metoo-Debatte beschäftigt wahnsinnig viele Menschen im Moment, vollkommen zu Recht. Sex ist sowieso … Gibt da irgendwelche psychologischen Untersuchungen, dass Männer gleich alle 12 und Frauen alle 27 Sek…, die Zahlen stimmen nicht, aber sehr oft dran denken, aber Seiten wie Ihre, Menschen – Männer und Frauen –, die die Arbeit leisten, die Sie leisten, gibt es relativ wenig. Es gibt ganz viel Pornokram, und es gibt ganz viel Boulevard-Berichterstattung über Sex, aber Seiten, die sagen, ich mache das ernsthaft, aber locker, und ich stehe dazu, mein berufliches Hauptthema ist Sex, gibt es relativ wenig, oder?

Lachner: Also in Deutschland … Also ich bin relativ gut gebucht als Journalistin, weil es einfach tatsächlich, ich würde sagen: außer mir vielleicht noch drei, vier andere Journalisten in Deutschland gibt, die da wirklich Bock drauf haben und die auch sagen, ich mache das unter richtigem Namen, was natürlich auch ein irrer Vertrauensvorschuss ist und natürlich auch mich als Person sehr viel greifbarer macht, als wenn ich da jetzt als Susi Schlagmichtot drüber schreiben würde. Natürlich, für mich ist das super, und ich habe ja wirklich einfach kein Problem damit, aber klar, viele Leute … Ich verstehe zum Beispiel auch, dass man sagt, ich arbeite in einer Redaktion, ich will nicht, dass der Hans aus der Technik weiß, wie es gestern auf der Swingerparty war. Dafür habe ich vollstes Verständnis, aber das sind zum Glück Themen, von denen ich mich freimachen konnte.

Kassel: Also nicht Susi Schlagmichtot, sondern Theresa Lachner war bei uns im Studio. Wir erklären es noch mal zusammen: Die Adresse Ihrer Seite ist lvstprinzip mit V, also mal ganz konkret: LVST und dann das Wort Prinzip, als ein Wort, als Lust, das U mit V ersetzen .de. Da findet man dann das, und wie gesagt, ich glaube, die meisten Menschen werden es – ich habe es ja auch gemacht –, gucken sich die Seite mit U auch an, aber das bringt einen nicht wirklich weiter, Ihre Seite hingegen schon. Danke, dass Sie bei uns waren!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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