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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.06.2018

Therapie im Land BrandenburgEine Suchtgemeinschaft als Heimat

Von Gerhard Richter

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Mitglieder einer Therapiegruppe  (picture alliance/dpa/Foto: Felix Kästle)
Mitglieder einer Therapiegruppe. (picture alliance/dpa/Foto: Felix Kästle)

Schlechte Erfahrungen in der Jugend, Schicksalsschläge und schließlich der regelmäßige Griff zur Flasche. Zusammen mit anderen hat Erika Selent in der therapeutischen Gemeinschaft Griebsee im Land Brandenburg ihre Alkoholsucht in den Griff bekommen.

Die Hände auf die Griffe ihres Rollators gestützt, geht Erika Selent mit kleinen schlurfenden Schritten den langen Flur entlang nach draußen. Im Eingangsbereich hängt eine Tafel mit den aktuellen Daten. Der Wochentag, das Datum, und die Jahreszeit – Frühling. Aber Erika Selent hat noch genügend Grips, um das selbst mitzukriegen.

"Ich habe nur gestaunt dieses Jahr, dass alles so schnell grün geworden ist, das ging ruckzuck."

Als sie vor 22 Jahren in die therapeutische Einrichtung Griebsee kam, wusste sie nicht, ob Montag oder Freitag war, oder welches Datum. Doch nach einer Entgiftung hat sie sich hier erholt. Mitten im Kiefernwald, erreichbar nur über einen schmalen asphaltierten Weg, fünf Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Durch das weitläufige Gelände fließt träge ein Bächlein, rund um einen Teich stehen Gehege und Ställe für Ziegen, Kaninchen und Hühner.

Alle haben mit Gedächtnislücken zu kämpfen

"Hier haben wir so ein kleines Rondell. Die Gärtnergruppe macht dann so einen kleinen Garten mit Obststräuchern, Stachelbeeren, Johannisbeeren und Kirschen und ein paar Äpfel junge Apfelbäume."

44 Bewohner leben hier, sie sind zwischen 31 und 77 Jahre alt. Es sind überwiegend Männer, die werden auch häufiger alkoholkrank als Frauen. Erika Selent ist eine von sieben Frauen. Sie trägt ihre grauen glatten Haare kurz mit Seitenscheitel und eine Häkelweste über dem T-Shirt. Sie bewohnt ein Einzelzimmer in einem Flachbau, leicht erhöht am Hang. Gegessen wird gemeinsam. Ein gepflasterter Weg führt rollstuhl- und rollatorgerecht im Zickzack hinunter zur Straße.

"Hier vorne ist unser großer Speisesaal, wo wir alle zusammen frühstücken, Mittag und Abendbrot."

Erika Selent schiebt ihren Rollator weiter, vorbei am Taubenschlag und an den anderen Wohnhäusern, die wie Ferienbungalows am Hang liegen. Ihr Ziel ist das Verwaltungsgebäude, in einem der Gruppenräume ist dort jeden Montagnachmittag Gedächtnistraining.

Zehn Bewohner sind heute gekommen. Alle haben mit Gedächtnislücken zu kämpfen. Erika erinnert sich noch gut daran, wie desorientiert sie selbst anfangs war.

"So dann begrüße ich euch zur Gedächtnisgruppe."

Betreuer Stefan Ziebol verteilt Kopien, erklärt die erste Aufgabe:

"Da sind immer zwei Wörter, und in der Mitte muss ein Wort dazugeschrieben werden, was zu beiden Wörtern passt, also hier oben ist zum Beispiel Hand, und hier ist Spiel, und dann kann man in die Mitte einschreiben, Ball. Beides ergibt einen Sinn, Handball und Ballspiel, ne?

"Alkohol ist ein Nervengift, es zerstört Gehirnzellen"

Alle beugen sich über das Blatt, suchen nach dem richtigen Wort. Manche arbeiten sich schnell durch die Aufgaben, andere bleiben schon bei der ersten Zeile hängen. Gedächtnisstörungen gehören zum Krankheitsbild von Alkoholikern, sagt Elke Posselt, Leiterin der therapeutischen Gemeinschaft:

"Alkohol ist ein Nervengift, es zerstört einfach Gehirnzellen. Irgendwann kann das Hirn seine Funktionen nicht mehr umlagern und es gibt Ausfallerscheinungen... Man redet auch von alkoholischer Demenz."

Alkohol schädigt nicht nur den Geist, auch den Körper, zum Beispiel die Bauchspeicheldrüse. Viele Alkoholkranke leiden unter Diabetes, sagt Elke Posselt, Wer noch trinkt, achtet meist zu wenig auf seine Ernährung. Und eine dritte häufige Folge-Krankheit von Alkoholmissbrauch ist Krebs.

"Vorwiegend im Hals-Rachenbereich, einfach durch früheren Konsum des Alkohols, und damals gepaart mit Rauchen, also Nikotingenuss. Aufgrund dessen sind Krebserkrankungen bei uns häufig zu verzeichnen."

Erika Selent in Griebsee, einer therapeutischen Gemeinschaft am Rande Brandenburgs. (Deutschlandradio / Gerhard Richter)Erika Selent in Griebsee, einer therapeutischen Gemeinschaft am Rande Brandenburgs. (Deutschlandradio / Gerhard Richter)
Auch Erika Selent bekam Kehlkopfkrebs. Sie musste operiert werden und spricht nun mit einer ganz anderen Stimme.

"Obwohl ich jetzt, so wie ich jetzt spreche, schon zufrieden bin. Anfangs habe ich ja gar keinen Ton mehr rausgekriegt."

"Das möchte ich nicht nochmal erleben"

Das Rauchen hat sie aufgegeben. Aber noch wichtiger und noch viel schwieriger war es, das Trinken aufzugeben.

"War sehr schwer, durch den Druck, den man dann hat, den Saufdruck sagt man dazu. Ja man wird unruhig, wird unruhig, fängt an zu zittern, schlimm."

Wenn Erika Selent heute davon erzählt, stockt ihre Stimme.

"Das ist schlimm, möchte ich nicht nochmal erleben."

Ihr ganzer Körper verkrampft sich bei der Erinnerung an diese Zeit.

"Und als ich dann hier war, da hab ich dann – so wie jetzt aufgeatmet, und da war ich froh, dass ich hier endlich die Chance habe, davon wieder loszukommen."

Seit mehr als 20 Jahren ist Erika Selent nun trocken. Seitdem hat sie keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Wie ein Warnsignal leuchtet in ihrem Kopf ein Satz ihres damaligen Therapeuten.

"Wie hat unser Sepp hat immer gesagt? Der erste Schnaps ist wieder ein neuer Anfang. Und da bin ich stolz, dass ich das so lange ausgehalten habe."

Die Lebensgeschichte von Erika Selent – sie steckt voller Höhen und Abstürzen und ist geprägt von brüchigen Bindungen. Mit Alkohol kam sie schon sehr früh in Berührung.

"Meine Eltern haben auch getrunken, die hatten eine Gaststätten oder mehrere Gaststätten. Und war das dann so gang und gäbe, immer was zuhause gehabt. Und wenn sie abends dann abends wenn sie Feierabend hatten, dann haben sie auch ihr Feierabend Bierchen getrunken mit den Stammgästen ja und wenn Sie eine Feier hatten, dann sowieso immer Alkohol dabei."

Kein Job, kein Halt und ein Schicksalsschlag zu viel

Ihre Kindheit verbringt sie in mehreren Heimen. Während der Lehre wird sie schwanger, kurz nach der Geburt stirbt der Vater ihres Kindes bei einem Motorradunfall. Da ist Erika Selent 17 Jahre alt.

"Da habe ich dann nach einer Weile doch mal einen Mann kennen gelernt. Von dem war ich das zweite Mal schwanger und haben dann auch geheiratet. Die Ehe hat aber nicht lange vorgehalten, war bloß ein halbes Jahr, weil er auch gewalttätig war. Habe ich mich gleich wieder scheiden lassen."

Mit einem dritten Mann bekommt sie ihr drittes Kind, sie lebt in einer Fünf-Raum-Wohnung, mit Kleingarten und Laube. Eine gute Zeit bis die Ehe nach 15 Jahren scheitert.

"Ja und dann fing es langsam an mit Alkohol."

Zu der Zeit arbeitet sie in der Produktion, lötet Bauelemente für Plattenspieler und Radios. Nach der Wende verliert sie ihren Arbeitsplatz, es folgen Kurzarbeit, Vorruhestand.

"Dann hab ich den Manfred kennen gelernt, was man letzter Mann war und der hat auch sehr getrunken."

Kein Job, kein Halt und ein Schicksalsschlag zu viel. Täglich trinkt sie Schnaps, in unkontrollierten Mengen. Aber sie hat Glück. Ehemalige Kollegen erkennen ihre Sucht, schicken sie zu einer Beratung. Mit 50 Jahren kommt Erika zum ersten Mal in ihrem Leben auf eine Entgiftungsstation. Dass sie danach nach Griebsee ziehen darf, ist ein Glücksfall.

Alters- oder Pflegeheime, die auf alkoholkranke Menschen spezialisiert sind, gibt es kaum. In vielen Einrichtungen gilt zwar Alkoholverbot, aber ein Süchtiger findet immer Wege, um heimlich zu trinken. Wer in Griebsee bleiben will, der braucht den erklärten Willen zur totalen Abstinenz. Dabei helfen sich die Süchtigen untereinander, erklärt Elke Posselt das Konzept der therapeutischen Gemeinschaft.

"Kranke helfen Kranken"

"Das beruht auf dem Gedanken, Kranke helfen Kranken. Unsere Klienten sind die Experten, als die wir sie auch nehmen und betrachten, und wir sind Begleitende."

Verspürt ein Patient das Verlangen nach Alkohol, soll er sich jemandem anvertrauen. Oder bemerkt ein Patient bei einem anderen Veränderungen, die auf einen Rückfall deuten, soll er ihn ansprechen. Reden hilft, wenn der Saufdruck steigt.

"Das was dich quält ausspucken, anstatt es runter zu schlucken, und den Frust ansteigen zu lassen. Weil da liegt das Problem von Suchtkranken. Sie haben oft eine ganz geringe oder gar keine Frustrationstoleranz. Und wenn Frust steigt, neigt der Suchtkranke immer dazu, das gelernte Lösungsmittel herbeizuführen, und das ist in unserem Fall hier zu 90 Prozent der Alkoholgebrauch dann eben."

Auch alle Mitarbeiter sind geschult, haben einen Blick für kleine Veränderungen, die auf einen Rückfall hindeuten. Es gibt viele Gesprächsangebote, einmal die Woche zu Beispiel trifft sich die Hausgruppe. Da geht es um die Probleme der Bewohner.

"So dann fangen wir mal an. Gestern war das ja schon großes Thema, mit dem Lutz, dass der versucht hat am Wochenende von vielen Bewohnern sich Zigaretten zu schlauchen."

Ziebol rät allen, nicht mehr als eine Zigarette zu geben. Dann fragt er jeden, wie es ihm geht.

"Erika dann fang mal an."

"Morgen muss ich zur Mammografie. Abfahrt weiß ich noch nicht. Ansonsten geht’s mir gut."

"Du hast die nächste Zeit viele Arzttermine, müssen wir gucken, dass wir das alles… Wird jetzt für dich anstrengend die nächste Zeit Erika, aber kennst du ja, war ja schon ein paarmal gewesen, na?"

"Werden wir schon hinkriegen."

Schon kleine Probleme können Saufdruck auslösen

Auch die anderen erzählen von ihren Problemen: Andreas hat keine schlechte Laune, sondern Zahnschmerzen. Otto bekommt Physiotherapie für die Schulter, hat aber nun Schmerzen an der Wirbelsäule und Heidis Stützstrümpfe sind zu eng. Stefan Ziebol hat für jeden Trost und Rat. Auch kleine Probleme können frustrieren, Saufdruck auslösen. Besser man redet gleich darüber. Die Hausgruppe ist Familienersatz, die Betreuer sind oft Vater, Mutter oder Geschwister, sagt Elke Posselt, Leiterin der therapeutischen Gemeinschaft.

"Innerhalb der Einrichtungen sind Bindungen, Beziehungen und Kontakte jeglicher Form gewünscht gewollt und wir unterstützen das in jeder Form. Denn alles, was der Einzelne nicht mit sich ausmacht, sondern mit anderen den Austausch tritt, und mit anderen im Kontakt bespricht, ist für ihn, für seine therapeutische Aufarbeitung der Suchterkrankungen unablässig, ist ganz wichtig."

Die Bewohner genießen großes Vertrauen. Dennoch passiert es, dass in jedem Jahr ein bis zwei von ihnen einen Rückfall "hinlegen", wie man hier sagt. Dann werden sie aber nicht rausgeworfen, sondern bekommen professionelle Hilfe.

"In erster Linie natürlich die Entgiftung, das ist der erste Schritt, und nach der Entgiftung werden dann innerhalb der Einrichtungsmaßnahmen individuell entschieden. Also da gibt es keine pauschale, dass man sagen kann, jeder wird erst mal, bekommt eine Ausgangssperre oder jeder muss in die Einzeltherapie oder wie auch immer, das wird dann geguckt von Fall zu Fall, auch was die Ursache war für den Notfall."

Rausgeworfen wird nur, wer aggressiv wird, andere angreift. Das kommt tatsächlich selten vor. Den meisten ist klar, dass sie draußen allein nicht mehr klarkommen. Die Verführungen durch Werbung und Sozialdruck sind groß. Und wo sollen sie sonst leben? Die Beziehungen zur eigenen Familie sind fast immer zerbrochen. Die Alkoholsucht ist da rücksichtslos. Erika Selent hat den Kontakt zu ihren Kindern und Geschwistern wieder aufgebaut, besucht sie hin und wieder bei gemeinsamen Festen. Aber bei ihnen leben will sie nicht.

"Was soll ich draußen? Meine Kinder haben alle selber Familie. Wenn ich rausgehe, geht's jetzt vielleicht wieder von vorne los, und davor hatte ich Angst. Wenn ich hierbleiben darf, dann bleib ich hier."

Die Angst vor dem Rückfall verbindet sie alle

Immer freitags singt sie mit den anderen im Chor. Alle hier haben eine Biografie, wie sie sagen, eine Alkoholgeschichte. Einfache Arbeiter, Architekten, Ingenieure - Alkoholsucht kann jeden treffen. Die Angst vor dem Rückfall verbindet sie alle in der Abgeschiedenheit von Griebsee, für die meisten die Endstation ihres Lebens.

Für kleine Einkäufe haben sie rund 100 Euro Taschengeld pro Monat. Einmal die Woche fährt ein Bus in die nächste Stadt. Den Rest der Zeit verbringen sie auf dem Gelände.

Erika Selent geht zur Gedächtnisgruppe, zur Gymnastik, zum Töpfern, sie schält und schnibbelt in der Küche Möhren und Sellerie und sie schreibt Gedichte für die Literaturgruppe. Ein tägliches Miteinander gegen Langeweile und gegen den Saufdruck. Und freitags der Chor. Nach der Kehlkopf OP singt Erika Selent zwei Oktaven tiefer, aber immer noch mit Freude.

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