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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 23.11.2013

Therapie140 zu 90

Neue Behandlungsempfehlungen für Patienten mit Bluthochdruck

Von Sigrun Damas

Ein Arzt für Allgemeinmedizin misst einem älteren Patienten in Stuttgart manuell den Blutdruck. (AP)
Wer Bluthochdruck hat, der sollte sich behandeln lassen - aber wie? Dazu gibt es neue Erkenntnisse. (AP)

Den Bluthochdruck rapide zu senken, kann eher schaden als nützen, zeigen Statistiken. Deswegen wurden jetzt neue Zielwerte festgelegt: unter 140 zu 90 - tiefer muss der Blutdruck nicht sinken. Zugleich sollen Patienten nicht gleich mit Tabletten therapiert, sondern in Lebensstiländerungen beraten werden.

Zu hoher Blutdruck sollte behandelt werden. Darin sind sich die Ärzte einig. Aber was ist zu hoch? In diesem Punkt denken die Fachleute jetzt um, sagt Hausarzt und Internist Volker Lambert:

"Dann gabs ne Zeit, wo man wollte, dass alle Patienten mit 120/80 rumlaufen. Kann sein, dass da auch ne Übertherapie betrieben wurde.“

Je tiefer, desto besser – diese Zeiten sind in der Bluthochdruck-Therapie mit den neuen Leitlinien vorbei. Für Patienten wie Christel Behrens ist das eine Entlastung. Denn sie hat schon viele verschiedene Medikamente geschluckt. Immer mit den selben Erfahrungen: Ihr Blutdruck sank rapide, aber gut ging es ihr nicht.

"Dass ich da fünf verschiedene Mittel ausprobiert habe und bei allen hohe NW hatte. Dann hatte ich bei dem einen Präparat starke Kopfschmerzen, bei dem anderen dicke Füße und einen Druck im Kopf. Bei dem letzten Präparat, das schlug sehr gut an, aber ich hatte Schwindel und so ein Unwohlsein.“

Von ihrem neuen Kardiologen erfährt die 63-Jährige jetzt, dass sie die Blutdrucksenkung entspannter angehen kann. Der neue Zielwert für fast alle Patienten heißt: unter 140 zu 90. Tiefer muss der Blutdruck nicht sinken.

"Der Grund für die Einschätzung ist, dass man gemerkt hat, dass eine zu starke Absenkung des Blutdrucks – auf Werte von 120, 110 – den Patienten gar nicht so gut tut. Sondern es vermehrt zu unerwünschten Ereignissen kommt.“

Eine zu ehrgeizige Therapie kann schaden

Unerwünschte Ereignisse. Damit sind Schwindel und Ohnmacht gemeint, aber auch Herzinfarkt und Schlaganfall. Statistiken zeigen, dass diese Risiken zunehmen, wenn der Blutdruck mit Medikamenten zu stark gesenkt wird. Eine zu ehrgeizige Therapie schadet also mehr als sie nützt. Und es gibt eine weitere Neuerung: Nicht jeder Bluthochdruck-Patient muss gleich mit Tabletten versorgt werden.

"Die Patienten zwischen 140 u 160 – wenn es Ihnen einigermaßen gut geht – sollte man mit Lebensstiländerungen vertraut machen und das als Therapie anbieten.“

Ein gesunder Lebensstil, darunter versteht der Kardiologe mediterrane Kost, also viel Gemüse, Fisch und gesunde Öle sowie Lebensmittel mit viel Kalium, zum Beispiel Petersilie, Tomaten und Bananen. Zu einer gesunden Ernährung gehört auch, den Salzstreuer sparsamer einzusetzen bzw. auf sehr salzhaltige Speisen zu verzichten. Patienten sollten weniger Rauchen und sich mehr bewegen. Und die wirksamste Therapie geht damit einher, nämlich das Abnehmen:

"Die Gewichtsabnahme ist für viele Patienten entscheidend, weil man damit auch viel erreichen kann. Wenn Sie zehn Kilo abnehmen, haben Sie ne gute Chance, den Blutdruck um zehn Punkte abzusenken. Was ein schöner Erfolg ist und häufig auch Tabletten überflüssig machen kann.“

Das gilt aber nur für Patienten, die keine zusätzlichen Erkrankungen haben und bei denen der hohe Blutdruck noch keine Schäden hinterlassen hat, zum Beispiel einen verdickten Herzmuskel. Der Herzfachmann verschreibt dann erst einmal keine Tabletten, sondern er rät, die Sportschuhe zu schnüren und Gewicht abzunehmen. Wie bei Stefan Saalfeld. In drei Monaten wollen beide dann schauen, ob diese Maßnahmen ausreichen, um den Blutdruck zusenken. Der 43-Jährige findet das gut:

"Ich finds bequemer zu wissen, dass man nicht auf Chemie angewiesen ist, sondern es selbst in der Hand hat.“

Blutdrucksenker für Ältere verhaltener verschreiben

Auch für die älteren Patienten ändert sich etwas. Auch bei ihnen sollen Blutdrucksenker künftig etwas verhaltener verschrieben werden, erklärt Hausarzt Volker Lambert:

"Häufig ist es ja so, dass die Patienten schon über Jahre Bltudruckmedikamente nehmen. Und irgendwann kommt ne Altersstufe, wo man weniger Medikamente braucht. Nierenleistung wird schwächer.“

Ältere Menschen können wegen ihrer schwächeren Nierenleistung Medikamente nicht mehr so gut verarbeiten bzw. brauchen geringere Dosen. Hinzu kommt, dass Älteren meist unter mehreren Erkrankungen leiden. Sie bekommen dann nicht nur Blutdrucksenker, sondern auch andere Tabletten. Es kann zu gefährlichen Wechsel- und Nebenwirkungen kommen. Besonders riskant bei älteren Menschen ist Schwindel.

"Wenn man den Blutdruck zu stark senkt, dann gibt es Probleme. Wenn sich die Patienten sich ein bisschen bücken, dann wird der Blutdruck weniger im Gehirn. Und dann kann es zu starkem Schwindel kommen. Und wenn da Medikamente, auch Blutdrucksenker beteiligt sind, dann lässt man eher den Blutdroch etwas höher gehen, als dass man den Schwindel akzeptiert.“

Denn ein Sturz im Alter kann fatale Folgen haben. Schwere Knochenbrüche, von denen sich alte Menschen kaum noch erholen und zum Pflegefall werden. Ursula Stübe, 88, hat gerade noch einmal Glück gehabt:

"Mir ist schwindelig geworden. Und dann lag ich da. Aber dadurch, dass ich unter der Heizung lag, ist es noch mal gut gegangen. Sonst hätte ich mir ne Lungenentzündung geholt. Und dann wär ich tot gewesen.“

Drei Tage lag sie dort, bis man sie fand, mit Schädelbasisbruch. Jetzt entscheidet ihr Hausarzt, die Blutdrucksenker erst einmal abzusetzen.

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