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Studio 9 | Beitrag vom 09.04.2020

Therapeutin über Kuscheln in Coronazeiten"Früher oder später hat man Entzugserscheinungen"

Alexandra Ueberschär im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Vater und Sohn schlafend, in liebevoller Umarmung. (imago stock&people)
Kuscheln ist wichtig für die Psyche: Kinder können es bei den Eltern einfordern, aber was tun Alleinstehende, wenn niemand zum Umarmen da ist? (imago stock&people)

Auf zärtliche Berührungen und Umarmungen anderer müssen Alleinlebende gerade verzichten. Viele Menschen hätten verlernt, sich selbst bewusst und liebevoll zu berühren, sagt Kuscheltherapeutin Alexandra Ueberschär. Doch das kann man trainieren.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Und zum sozialen Miteinander gehört, sich von Zeit zu Zeit liebevoll zu berühren, zu umarmen oder auch herzhaft zu knuddeln. So betrachtet, machen viele Alleinlebende gerade eine harte Zeit durch. Denn liebevolle Worte am Telefon genügen irgendwann nicht mehr

Denn: "Früher oder später hat man so eine Art Entzugserscheinung", sagt Alexandra Ueberschär. Sie ist Kuscheltherapeutin und betreibt mit einer Partnerin in Hamburg eine Kuschelpraxis. Ueberschär ist gelernte Krankenpflegerin und Coach – kennt sich also mit körperlichen wie mentalen Bedürfnissen von Menschen aus.

Alleinlebenden empfiehlt sie, in der Coronaisolation nicht zu verzagen, sondern sich selbst ganz bewusst etwas Gutes zu tun, das die Haut streichelt: Etwa ein schönes, heißes Bad nehmen oder sich selbst eine Massage geben.

Meditieren und sich streicheln

Weil auch ihre Praxis vom Shutdown betroffen ist, biete sie gemeinsam mit ihrer Kollegin online spezielle Meditationen an, die dabei helfen sollen, ein Gefühl für den eigenen Körper und dessen Bedürfnisse zu bekommen. Etwa, indem man während der Meditation die Stirn, die Wangen, das Herz oder den Bauch berühre.

"Viele Menschen verlassen sich im Alltag darauf, dass sie von anderen Menschen berührt werden", sagt die Therapeutin. Damit verknüpfe sich die große Erwartung, dass andere das Bedürfnis nach Berührungswärme und Liebe stillten. Wenn man lange Zeit sich selbst und andere nicht berührt habe, komme die Streichelfähigkeit etwas abhanden.

Coronavirus-NewsletterDoch könne man trainieren, sich und andere liebevoll zu berühren. Zum Beispiel, indem man seinen Bauch nicht nur streichele, wenn er wehtue, sondern ihn und auch andere Körperstellen ganz bewusst – etwa vor dem Schlafengehen – liebevoll berühre.

(mkn)

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