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Im Gespräch | Beitrag vom 15.12.2020

Theologin und Autorin Jacqueline StraubKirchenrebellin mit langem Atem

Moderation: Marco Schreyl

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Porträt der Theologin und Journalistin Jacqueline Straub  (picture alliance / dpa / Felix Kästle)
Die Theologin Jacqueline Straub will katholische Priesterin werden und kämpft für Reformen in der katholischen Kirche. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)

Jacqueline Straub will katholische Priesterin werden. In Büchern und Vorträgen erklärt die Theologin, was sich an der Kirche ändern muss. Reaktionen variieren zwischen Lob und Hass. Ihren Durchhaltewillen trainiert die 30-Jährige beim Boxen.

Ihre Berufung spürt Jacqueline Straub zum ersten Mal mit 15 Jahren: "Ich wusste, ich möchte das machen, was mein Pfarrer macht. Ich möchte am Altar stehen, Eucharistie feiern, predigen, Kinder taufen, Sakramente spenden."

Dass das in der katholischen Kirche für Frauen nicht möglich ist, möchte sie so einfach nicht hinnehmen. "Weil ich eben dieses Brennen in meinem Herzen habe, darum setze ich mich dafür ein, dass auch ich als Frau meine Berufung als Priesterin leben darf." 

Anfeindungen per Weihnachtskarte

In ihrem Buch "Kickt die Kirche aus dem Koma" zeigt sie auf, welche festgefahrenen Strukturen und überholten Meinungen sich ändern müssen, damit auch die katholische Kirche im 21. Jahrhundert ankommen kann. So öffentlich über diese Dinge zu sprechen, hat Folgen. "Ich bekomme sehr viele Anfeindungen. Ich habe über die Jahre lernen müssen, damit umzugehen. Ich hab in den letzten Jahren ganz viele hübsche Weihnachtskarten mit sehr hässlichem Inhalt bekommen."

Auch in Emails und Briefen wird Straub geschrieben, Frauen könnten nicht Priesterinnen werden, weil sie "dumm, anfällig für Depressionen, unrein" und "geschwätzig" wären. "Viele sind noch in diesem Denken, Frauen können das einfach nicht."

Eigentlich sei sie gar nicht besonders christlich aufgewachsen, erzählt Jacqueline Straub. In die Kirche ging sie nur zu Ostern und zu Weihnachten. Über eine Klassenkameradin wurde sie als Jugendliche auf die Bibel aufmerksam. "Ich fand das faszinierend, dass ein junger Mensch an Gott glaubt und mit der Bibel unterwegs ist. Da hab ich mich anstecken lassen."

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Nach dem Abitur studiert sie katholische Theologie. Ihr Mann ist ebenfalls katholischer Theologe. Auch wenn sie zu Strukturen der Kirche ein distanziert-kritisches Verhältnis habe, sei sie mit ihrem Glauben vollkommen im Reinen: "Es ist nur Liebe, reine Liebe und reine Leidenschaft, und zwar reine Liebe für Jesus und den menschennahen Gott. Ich glaube an einen Gott, der uns alle liebt, so wie wir sind."

Boxen und sanfter Boulevard

Neben der Theologie und ihren Schriften befasst sich Straub auch mit journalistischen Texten. Sie schreibt für das Schweizer Boulevardblatt "20 Minuten" – "Sanfter Boulevard", wie sie betont. Dort berichtet sie über Menschen und ihre Schicksale. Sie sei für Hintergrundgeschichten, Porträts und die "Imagepflege" zuständig. Nach der Arbeit pflegt Straub, wenn nicht gerade pandemiebedingt pausiert wird, ihr Hobby, den Boxsport. "Mich hat Kampfsport schon als Kind fasziniert. Ich habe immer Judo und Ringen und weiß Gott was alles geschaut und fand das irgendwie immer cool. Boxen gibt mir extrem viel. Es ist auch eine Parallele zu meinem Leben: sich einzusetzen für die katholische Kirche, für Veränderung, für Reformen. Da braucht man einen langen Atem. Man kann auch nicht einmal ins Boxtraining gehen und dann sagen: Okay, beim zweiten Mal Boxtraining bin ich Wladimir Klitschko. Man muss Jahre oder Jahrzehnte kämpfen und man muss auch Niederlagen einstecken können." 

Aufstehen und die Welt verändern

Aufstehen und Weiterkämpfen, auch wenn der Gegenwind stärker wird, das könnte so etwas wie ein Motto der Theologin sein. Angesichts der Skandale um Missbrauchsfälle und deren Vertuschung in der katholischen Kirche könne sie aber jeden verstehen, der sage: Ich möchte nicht mehr in dieser Kirche sein. Da versuche sie gegenzusteuern und zu zeigen: "Kirche ist nicht nur die Täterorganisation. Kirche ist viel, viel mehr und kann auch wieder zu einem schönen Ort werden, wenn wir alle dafür kämpfen." 

Dass sie bei den alten Kirchenführern wirklich etwas bewegen kann, bezweifelt Straub allerdings: "Ich glaub, da muss dann schon ganz, ganz viel Heiliger Geist bei denen herumschwirren, dass sie sich und auch ihr Herz öffnen für Menschen wie mich, die sich Reformen wünschen." Aber selbst wenn sie ihren Lebenstraum, Priesterin zu werden, nicht mehr erreichen könne, wisse sie doch, dass sie mit ihrem Einsatz den kommenden Generationen den Weg ein wenig einfacher gemacht haben wird. "Ich glaube, dass, wenn man für seine Träume kämpft, jeder und jede die Welt verändern kann."

(mah)

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