Montag, 24.06.2019
 

Kompressor | Beitrag vom 20.06.2018

Theaterwissenschaftler Peter W. MarxWas uns Hamlet über Deutschland verrät

Peter W. Marx im Gespräch mit Shanli Anwar

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Wahlplakate - Bundestagswahl 2017 am 12.09.2017 in Bad Oeynhausen. Ein Wahlplakat der Partei FDP mit Spitzenkandidat Christian Lindner, der auf sein Smartphone schaut und dem Slogan "Digital first. Bedenken second." (dpa / picture alliance / Revierfoto)
Melancholischer Blick aufs Smartphone wie Hamlet auf den Schädel: Die Gegenwart ist voller Hamlet-Anleihen, meint Peter W. Marx. (dpa / picture alliance / Revierfoto)

Shakespeares Figur Hamlet ist für die Deutschen eine besondere Figur: Immer wieder arbeiten sie sich an ihr ab. Bis heute finden wir Anleihen, sagt der Theaterwissenschaftler Peter W. Marx − auch auf Wahlplakaten.

"Hamlet" ist eines der bedeutendsten Stücke von William Shakespeare. Die Figur ist bis heute eine Projektionsfläche und kann als Mittel der Gegenwartsanalyse dienen, meint der Theaterwissenschaftler Peter W. Marx in seinem Buch "Hamlets Reise nach Deutschland". Marx hat Inszenierungen an deutschen Bühnen durch mehrere Jahrhunderte analysiert und dabei erkannt, dass es immer wieder Aufführungen und Verkörperungen gab, die "eine hohe symptomatische Erklärungskraft für einen bestimmten historischen Augenblick haben".

1926 sei Hamlet zum Beispiel mit dem jüdischen Schauspieler Fritz Kortner besetzt worden − mit einer blonden Perücke. Das habe zu einem Eklat geführt, erzählt Marx. Denn "dieser jüdische Schauspieler, der diese deutsche Sehnsuchtsfigur verkörperte, war für bestimmte rechtsnationalistische Kräfte in der Weimarer Republik eine große Provokation."

Hamlet-Maskierungen in der Gegenwart

Dieser deutsche Bezug auf Hamlet habe damit zu tun, dass immer Generationen auf ihn zurückgreifen, um "ihren eigenen Augenblick zum Ausdruck zu bringen", meint Marx − es sei keine innere Wahlverwandtschaft. "Hamlet ist eine Maske, in die immer wieder Generationen hineinschlüpfen, um sich darüber zu verständigen: 'Wo stehen wir denn eigentlich gerade im historischen Prozess?'"

In der Gegenwart fände man eine ganze Reihe an Hamlet-Maskierungen, wenn zum Beispiel Christian Lindner auf seinen Wahlplakaten melancholisch auf sein Smartphone schaut wie Hamlet auf den Schädel. "Es gibt in der gegenwärtigen diskursiven Landschaft eine ganze Reihe von direkten und indirekten Hamlet-Bezügen, die mit dieser Figur des Intellektuellen zu tun haben, der mit einer Gegenwart konfrontiert ist, die ihn sehr herausfordert."

Nicht einem politischen Spektrum zugehörig 

Die legendäre Zeile "Die Zeit ist aus den Fugen" tauche auch gerade heute immer wieder im politischen Kontext auf − als Begründung für Maßnahmen, die jenseits aller Regeln zu sein scheinen. Das sei etwas, dass plötzlich wieder auf beiden Seiten des politischen Spektrums als Denkfigur für sich reklamiert werde, meint Marx. "Vielleicht ist die Herausforderung unserer Tage, nach neuen Sehnsuchtsfiguren Ausschau zu halten." (inh)

Peter W. Marx: Hamlets Reise nach Deutschland. Eine Kulturgeschichte
Alexander Verlag, 2018
440 Seiten, 28 Euro

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