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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.09.2015

Theaterstück über Serge GainsbourgTrinken und torkeln, kiffen und singen

Von Stefan Keim

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Dominique Horwitz (vorn, als Serge Gainsbourg) und Jürgen Sarkiss in "Moi non plus" im Theater Oberhausen (Foto: Birgit Hupfeld)
Dominique Horwitz (vorn, als Serge Gainsbourg) und Jürgen Sarkiss in "Moi non plus" im Theater Oberhausen (Foto: Birgit Hupfeld)

Dominique Horwitz spielt den Chansonnier und Schauspieler Serge Gainsbourg in "Moi non plus". Ein Requiem für einen Liebenden soll dieses Stück von Albert Ostermaier sein, aber in Oberhausen gibt es nur eine Mischung aus schlechtem Schulfunk und Poesiealbum.

Mit Stöhnen und erotischem Flüstern wurde Serge Gainsbourg berühmt. "Je t'aime – moi non plus" zählt bis heute zu den berühmtesten französischen Chansons. Gainsbourg nahm es mit Brigitte Bardot und mit Jane Birkin auf, zwei berühmten Frauen, mit denen ihn auch leidenschaftliche Affären verbanden, Der Lyriker und Dramatiker Albert Ostermaier lässt nun im Theaterstück "Moi non plus" den 1991 verstorbenen Chansonnier, Komponisten, Dichter und Schauspieler seine Lebensgeschichte erzählen. Dominique Horwitz verkörpert Serge Gainsbourg.

Wie viele Zigaretten Horwitz an diesem Theaterabend raucht, lässt sich kaum zählen. Manche riechen süßlich. In der Rolle des Serge Gainsbourg trinkt und torkelt, kifft und singt Horwitz, wenn er nicht gerade ermattet auf ein Sofa oder an die Brust der jungen Julie singt. Das Stück "Moi non plus" spielt in einem Tonstudio oder auch im Jenseits. Ganz klar wird das nicht.

Auf jeden Fall gibt es dort eine vierköpfige Band, die ausgezeichnet spielt. Gainsbourgs Produzent und Freund schaut vorbei, ebenso ein jüngeres Paar – Julie und Jim, die Namen erinnern entfernt an einen Film von Truffaut. Sie spielen Szenen aus dem Leben Serge Gainsbourgs nach. Julie malt ihm einen Judenstern auf die Brust, Gainsbourg hieß eigentlich Ginzburg und überlebte mit seinen Eltern den Holocaust in Südwestfrankreich.

Doch die politischen Äußerungen und Provokationen des Liedermachers spielen in Albert Ostermaiers Text kaum eine Rolle. Sie werden nur angedeutet und fliegen an den Zuschauern, die sich nicht mit Gainsbourgs Leben beschäftigt haben, völlig vorbei. Gainsbourgs Verballhornung der französischen Nationalhymne als Reggae wird zwar kurz angestimmt, aber welche Diskussionen das in Frankreich auslöste, bleibt unerzählt.

Eingeschlafen beim Date mit der Bardot

"Requiem für einen Liebenden" heißt Albert Ostermaiers Stück im Untertitel. Nach einem langen und langweiligen Mäandern durch die Biografie wird der Text erst konkret, als Brigitte Bardot und Jane Birkin in Gainsbourgs Leben treten. Der große Macker wird am ersten Abend mit der legendären Bardot zum kleinen Würstchen, schüttet sich mit Alkohol voll und schläft ein, bevor es zum ersten erotischen Kontakt kommt. BB wünscht sich zum Ausgleich das schönste Liebeslied der Welt. Sie bekommt es, "Je t'aime – moi non plus".

Der französische Chansonnier, Rocksänger, Komponist und Schauspieler Serge Gainsbourg im Jahr 1980 (dpa / picture alliance / AFP)Der französische Chansonnier, Rocksänger, Komponist und Schauspieler Serge Gainsbourg im Jahr 1980 (dpa / picture alliance / AFP)

Die ausgezeichneten Schauspieler holen aus Albert Ostermaiers oberflächlichem Text immer wieder dichte Momente heraus. Doch was an diesem Mann so faszinierend gewesen sein muss, bleibt in dieser Mischung aus schlechtem Schulfunk und Poesiealbum unklar. Oberhausens Intendant Peter Carp tut wenig, um dem schwächelnden Text aufzuhelfen, bleibt in nüchternen Lichtstimmungen und schickt die Band manchmal sogar von der Bühne. Als Konzert allerdings ist „Moi non plus" eine gelungene Hommage an Serge Gainsbourg. Dominique Horwitz singt mit Hingabe die Chansons, während der Oberhausener Schauspieler Jürgen Sarkiss die von amerikanischer Popmusik inspirierten n Songs rockig und cool, oft mit den Händen in den Taschen auf die Bühne spuckt.

Der große Jubel des Premierenpublikums kann nicht übertönen, dass hier eine Chance vertan wurde. Die vielschichtige, brüchige Persönlichkeit Serge Gainsbourgs ist ein hinreißender Theaterstoff. Privat war er schüchtern und zurückhaltend, für seine skandalträchtigen Auftritte schuf er sich ein zweites Ich namens Gainsbarre. Doch auch diese Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Geschichte deutet Albert Ostermaier nur kurz an und lässt sie dann einfach fallen. Ein gutes Stück über Serge Gainsbourg muss erst noch geschrieben werden, seine Musik allerdings kommt in Oberhausen ausgezeichnet zur Geltung.

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