Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Mittwoch, 22.01.2020
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Fazit | Beitrag vom 13.01.2020

Theaterleiter zu Störern im Dresdner KabarettDen Rechtspopulisten stärker entgegentreten

Philipp Schaller im Gespräch mit Vladimir Balzer

Beitrag hören Podcast abonnieren
Das Kabaretttheater Herkuleskeule in Dresden von außen. (imago images / Sven Ellger)
Alle, die gegen rechten Einfluss sind, müssten entschieden ihre Meinung kundtun, findet der Kabarettist Philipp Schaller vom Theater Herkuleskeule – hier am alten Standort. (imago images / Sven Ellger)

Mit ausländerfeindlichen Pöbeleien hatte eine Gruppe eine Kabarett-Aufführung in Dresden gestört. Philipp Schaller, Leiter des betroffenen Theaters "Die Herkuleskeule", will trotzdem weitermachen. Und fühlt sich durch die Reaktion anderer Gäste ermutigt.

Am vergangenen Samstag wurde in Dresden eine Vorstellung des politischen Kabaretttheaters "Die Herkuleskeule" durch ausländerfeindliche und pro-AfD-Zwischenrufe von Zuschauern gestört. Nachdem die Schauspieler ihr Programm Betreutes Denken deswegen unterbrachen, verletzte ein Störer einen Schauspieler mit einem Bierglas am Kopf. Inzwischen hat sich auch Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) zu dem Vorfall geäußert. Sie sprach von einem "unvorstellbaren Angriff auf Menschen und die Freiheit von Kunst".

Vorsätzliche Störung

Es sei offensichtlich gewesen, dass die rund 15-köpfige Gruppe vorsätzlich und unabhängig vom Programm stören wollte, sagt Philipp Schaller. Schaller ist künstlerischer Leiter des seit 60 Jahren bestehenden Dresdner Kabaretttheaters.

Der Autor und politische Kabarettist Philipp Schaller (Foto: Vivian Breithardt)Philipp Schaller, der künstlerischer Leiter vom Theater "Die Herkuleskeule", sieht die Freiheit von Theatern vom AfD-Einfluss in Landtagen bedroht. (Foto: Vivian Breithardt)

Trotz aller Versuche, die Zwischenrufer spielerisch und ermahnend zu beruhigen, habe die Vorstellung unterbrochen werden müssen. Der Forderung von Seiten der Schauspieler, das Theater zu verlassen, hätte sich die Gruppe verweigert, so Schaller: "Daraufhin kam es dann zu diesem Glaswurf. Als die Polizei eintraf, waren nur noch drei da, von denen dann die Personalien aufgenommen wurden."

Als Opfer rechter Gewalt sieht er sein Theater allerdings nicht, dies würde den wirklichen Opfern rechter Gewalt nicht gerecht. "Was wir gemacht haben, ist nicht mutig. Das ist unser Beruf, dass wir unsere Meinung auf der Bühne sagen. Jeden Tag werden Menschen angegriffen, die mutiger sind als wir, die dann keine Öffentlichkeit und kein Solidarität bekommen - also was sich zum Beispiel Mission Lifeline hier in Dresden anhören muss an Beschimpfungen."

Theater müssen sich miteinander solidarisieren

Gegen den zunehmenden Versuch von rechts auf Theater und Bühnenprogramme Einfluss zu nehmen, müssten sich alle stärker behaupten. Dazu gehöre, eindeutig Stellung zu beziehen: "Alle, die das denken, müssen sagen `Nein` und die AfD auch klar benennen. Meine persönliche Überzeugung ist, dass das eine faschistische Partei ist, seit der Flügel um Höcke in der Leitung an Macht gewinnt."

Wenn Zuschauer andere Meinungen hätten, sei es unbenommen, auch zukünftig darüber zu diskutieren. "Aber wir können uns doch nicht verstecken und uns verkriechen und so seicht daherreden." Theater müssten sich solidarisieren. Auch seine Kabarettbühne habe Hilfsangebote von anderen Theatern bekommen, sagt Schaller.

Inhaltlich werde es für sein Theater keine Veränderung geben. Auch künftige Sicherheitskontrollen des Publikums seien für ihn undenkbar. 

Das Publikum hat sich mit den Schauspielern solidarisiert

Die Kolleginnen des Programms vom Samstagabend seien natürlich von dem Vorfall erschüttert, würden aber – wie schon am Samstag – das Programm weiter spielen. "Was ein tolles Signal ist. Das ist passiert, das stellen wir fest, und jetzt machen wir aber weiter." Bemerkenswert sei, dass sich das Publikum bei der Vorstellung mit den Schauspielern solidarisiert habe, offen gesprochen habe und die Störer gebeten habe, zu gehen.

Dass das Theater vor allem in bestimmten Regionen stärker verteidigt werden müsse, sieht Schaller nicht: "Man muss es immer dort verteidigen, wo es um Fördergelder geht. Wenn die AfD in irgendwelchen Stadträten oder Landesparlamenten sitzt, geht es dann auch um Geld. Man kann jedes Theater totmachen, wenn man den Geldhahn zudreht."  

(mle)

Mehr zum Thema

Diskussionskultur - Mit Rechten reden - nur wie?
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 13.01.2020)

Theaterstück "Der Bundesbürger" in Münster - Liberaler als Wegbereiter der AfD
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 09.01.2020)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsEin seltsames Paar
Der chinesische Präsident Xi Jinping schüttelt dem russischen Präsident Vladimir Putin die Hand. (imago images / Xinhua / Li Xueren )

Russland und Nationalismus sind die zwei großen Themen, die im Feuilleton dominieren. Die "NZZ" schreibt über die Freundschaft zwischen Xi Jinping und Wladimir Putin, die "taz" dagegen treibt sich in der Russland-Halle auf der Grünen Woche rum.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 21Ende der Lieblingssongs: Musik im Schauspiel
Szene aus "Hätte klappen können - ein patriotischer Liederabend" im Maxim Gorki Theater Berlin (imago/Drama-Berlin.de/ Barbara Braun)

Es ist unübersehbar: Immer mehr Theaterinszenierungen setzen auf Livemusik. Eine sichere Bank für Musiker – aber ist es künstlerisch wirklich immer sinnvoll? Im Gespräch mit dem Volksbühnen-Musiker Sir Henry fragen wir, was Musik für die Bühne sein kann und sollte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur