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Im Gespräch | Beitrag vom 22.12.2020

Theaterintendantin Amelie DeuflhardGeschlossene Theater – und trotzdem kein Weltuntergang

Moderation: Tim Wiese

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Amelie Deuflhard steht an ein Geländer gelehnt und schaut freundlich in die Kamera. (Julia Steinigeweg)
Amelie Deuflhard macht Theater und sagt durchaus provokant: "Die Welt wird nicht untergehen, wenn die Theater mal ein paar Monate geschlossen sind." (Julia Steinigeweg)

Nicht über den Lockdown jammern! Das fordert Amelie Deuflhard von den öffentlichen Theatern. Ratsamer sei es, die Zeit lieber für die Entwicklung neuer Ideen zu nutzen, sagt die künstlerische Leiterin von "Kampnagel" in Hamburg.

"Never take a No for a No" – das ist der Leitspruch der Theaterintendantin Amelie Deuflhard. Für sie bedeutet es, "dass man eine Absage nicht als zwingend interpretiert, sondern dass man in dem Wissen lebt, das Dinge auch veränderbar sind und dass überhaupt alles veränderbar ist." Es gehe darum, eine negative Nachricht in etwas Positives umzudefinieren.

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An unüberwindbare Grenzen ist sie mit dieser Sichtweise bisher nicht gestoßen, aber die Corona-Pandemie rüttelt auch an den Grundfesten der optimistischsten Intendantin. "Die Schließung der Theater ist tatsächlich das schlimmste Nein, das ich bisher bekommen habe."

"Komplette Planungsunsicherheit"

Dennoch kann Amelie Deuflhard den Protest einiger Kolleginnen und Kollegen gegen die Maßnahmen "in Anbetracht dieser global wütenden Pandemie nicht nachvollziehen". Sie sei überzeugt, "dass die Welt nicht untergehen wird, wenn die Theater mal ein paar Monate geschlossen sind. So schmerzhaft ich das finde."

Im Theater Kampnagel versucht die gebürtige Stuttgarterin während des zweiten Lockdowns, "nachhaltig neue Projekte zu entwerfen und tatsächlich nur noch Dinge zu entwickeln, die auch für die Zukunft Sinn machen. Also quasi noch einen weiteren Innovationsschub zu produzieren und jetzt nicht Dinge zu produzieren, die dann zwar im Netz zeigen, dass wir was machen, aber die nicht so nachhaltig sind."

Wie alle Theater stecke auch Kampnagel in Hamburg "in einer Situation der kompletten Planungsunsicherheit". Mit der prekären Lage freischaffender Künstlerinnen und Künstler seien die Bedingungen eines staatlichen Theaters trotzdem nicht zu vergleichen.

Theater statt OP-Saal

Der Weg zum Theater lag für die 61-Jährige zunächst nicht auf der Hand. In ihrer Familie galt das Credo: "Die einzige Möglichkeit eines ordentlichen Berufes ist, Arzt oder Rechtsanwalt zu werden."

Trotzdem folgte Amelie Deuflhard ihren eigenen Interessen. In den 1980er-Jahren studierte sie Romanistik, Geschichte und Kulturwissenschaft, arbeitete zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Tübingen, bekam innerhalb von fünf Jahren vier Kinder und schlägt dann erfolgreich ihre Theaterlaufbahn ein – zunächst als freie Theaterproduzentin, später als Intendantin der Berliner Sophiensaele. Schließlich hätten auch ihre Eltern gemerkt, "dass das, was ich mache, doch so eine Art Beruf ist. Aber das war durchaus ein langsamer Prozess."

Von Berlin nach Hamburg

Entgegen aller Widerstände und gemäß ihrem Motto, ein Nein nie für ein Nein zu nehmen, bespielt sie Anfang des neuen Jahrtausends den damals schon entkernten Palast der Republik – eine Aktion, die "sich gegen einen Wiederaufbau des Schlosses und gegen den Abriss des Palasts der Republik gerichtet hat".

Mit dem besiegelten Schicksal des Palasts der Republik verlässt Amelie Deuflhard Berlin Richtung Hamburg und beginnt als künstlerische Leiterin auf Kampnagel. Das Theater ist weit über die Grenzen der Stadt als Veranstaltungsort für Theaterfestivals, Konzerte und freie Performance-Gruppen bekannt.

Online-Dating für den Theaterbesuch

Ein definitives Nein will die Intendantin hier aber auch in Corona-Zeiten nicht gelten lassen. Die Entwicklung einer Dating-Plattform für das Theater soll dem Publikum neue Formen der Begegnung ermöglichen. Interessierte könnten sich dann digital zu gemeinsamen Theaterbesuchen verabreden.

"Theater ist eben auch ein sozialer Ort. Also man geht, um Kunst zu genießen, aber die meisten Menschen gehen lieber zu zweit. Aber es sind nicht alle Menschen zu zweit. Und es ist natürlich schön, wenn man auf diese Art digital Bekanntschaften, Freundschaften, Liebhabereien in Bezug auf die Kunst entwickeln kann."

(era)

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