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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.03.2013

"Theater kann auch eine Art des Widerstands sein"

Goethe-Institut in Kairo zeigt "Der Volksfeind" von Henrik Ibsen

Von Cornelia Wegerhoff

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Ibsens "Der Volksfeind" war ganz in der Nähe des Tahrir-Platzes in Kairo zu sehen. (picture alliance / dpa - Str)
Ibsens "Der Volksfeind" war ganz in der Nähe des Tahrir-Platzes in Kairo zu sehen. (picture alliance / dpa - Str)

Die politischen Unruhen in Ägypten halten an. Wieder gab es an diesem Wochenende auch Tote. Trotz der angespannten Lage wurde im Kairoer Goethe-Institut in der Nähe des Tahrir-Platzes "Ein Volksfeind" gezeigt. Ein Drama, das nicht nur räumlich ganz dicht an Ägyptens Krise spielt.

Gleich am Tahrir-Platz, an den Straßensperren der Polizei links ab: Der Weg zum Kairoer Goethe-Institut ist durch die Umstände derzeit verkehrstechnisch besonders einfach. Doch umso schwieriger war es zu entscheiden, ob man das wirklich machen kann: Zu einer Theateraufführung einladen, während keine 500 Meter entfernt Brandsätze und Steine fliegen.

Bis in den Nachmittag hinein berieten die Organisatoren über ihre Sicherheitsbedenken. Doch weil es in der unmittelbaren Nachbarschaft des deutschen Kulturinstitutes ruhig blieb, setzte sich am Ende eine unerschrockene Frau mit ihrer Meinung durch: Die ägyptische Regisseurin Nora Amin.

Nora Amin: "Theater kann auch eine Art des Widerstands sein. Ich bin nicht einverstanden mit der Idee, dass wir dann, wenn gerade etwas auf der Straße passiert, wenn Leute sterben, aufhören müssen, Theater zu spielen. Für mich ist dient Theater in diesen Zeiten nicht einfach der Unterhaltung. Theater ist ein Mittel, um zu überleben."

Und so wurde im großen Hinterhof des Kairoer Goethe-Instituts trotz oder gerade wegen der Straßenschlachten zeitgleich Theater gespielt. Nora Amin inszenierte das Drama "Ein Volksfeind” von Henrik Ibsen.

Thomas Stockmann als Hauptfigur

Nora Amin: "In der augenblicklichen Situation ist ein Stück wie ‚Ein Volksfeind‘ sehr vielsagend bezüglich der politischen und sozialen Lage unserer Gesellschaft, erklärt Nora Amin. Insbesondere, weil es um den Konflikt zwischen Mehrheit und Minderheit geht.

Wir neigen in unserer politischen Realität oft dazu zu sagen: Demokratie - das heißt die Mehrheit regiert. Und egal, was die Mehrheit meint, es muss dann richtig sein. Aber das Stück zeigt, dass die Mehrheit manchmal Dingen zustimmt, die eben nicht in Ordnung sind."

Dem Kairoer Ensemble gelang 130 Jahre nach der Uraufführung in Norwegen eine brandaktuelle arabische Fassung. Eine Band setzte mit Live-Musik Akzente. Die Schauspieler spielten dicht am Publikum und zogen die Zuschauer so regelrecht mit hinein in die Szenen. Szenen, die ihnen nicht fremd sind …

Denn in Ägypten sind seit den Wahlen nach der Revolution die Islamisten in der Mehrheit. Sie seien beim Volksaufstand 2011 nur auf die Revolution "aufgesprungen” , so die liberale Opposition. Präsident Mursi und die Muslimbrüder versuchten nun genau wie damals Mubarak politische Gegner als Unruhestifter abzustempeln.

So ergeht es auch Dr. Thomas Stockmann, der Hauptfigur im Stück , brillant dargestellt von Tarek El Dewiri. Der Arzt Stockmann, der die Öffentlichkeit vor vergiftetem Wasser warnen will, wird er schnell selbst als Volksfeind diffamiert.

Nora Amin: "Das Brillante an Ibsens Text ist die Tatsache, dass es tatsächlich jede Gesellschaft anspricht, so die Regisseurin. Weil es eben Teil der menschlichen Natur ist, vielleicht Gewalt zu nutzen, um seine Vorstellungen durchzusetzen, statt die anderen zu überzeugen."

Die Zuschauer in Kairo, darunter auch deutschsprachige Ägypter, verstehen die Botschaft.

"Als Feinde für die Stabilität unseres Landes verschrien"

Ägypterin: "Sie hat wirklich das sehr raffiniert mit dem Text gemacht, indem sie diese kleinen Schlüsselworte reingebaut, wo man genau weiß, sie sprechen über Ägypten. Dieses Stück ist wirklich sehr nah, also mich persönlich hat´s sehr berührt."

Zuschauerin: "Auch wir hatten eine Hoffnung, einen Traum für unser Land, so diese Zuschauerin, die selbst auf dem Tahrir-Platz nebenan demonstriert hat. Aber jetzt sind wir plötzlich in der Minderheit. Und auch wir werden jetzt als Feinde für die Stabilität unseres Landes verschrien."

Umso wichtiger sei es, dass auch Ägyptens Künstler als treibende Kräfte des Wandels agieren, meint ein junger junge Maler nach der Aufführung. Er findet es richtig, dass trotz der Krawalle Theater gespielt wird.

Junger Mann: "Der Widerstand kann nicht nur auf der Straße stattfinden. Man muss sich auch gedanklich damit auseinander setzen. Das ist jetzt die wichtigste Aufgabe unserer Kunst. Diese Dinge müssen parallel laufen."

Das Goethe-Institut versucht der ägyptischen Kulturszene dabei eine Plattform anzubieten, so Dr. Günther Hasenkamp, Leiter der Abteilung Kulturprogramme:

"Wir sehen jetzt hier Kunstwerke in diesen Wochen, in diesen Monaten in Kairo, die nach wie vor sehr direkten Bezug haben zur sozialen Realität, zu Politik, zu dem, was draußen vor sich geht. Aber nicht mehr in dieser einfachen dokumentarischen Weise, wie das gleich nach der Revolution der Fall war.

Ich glaube, dieser Rekurs auf Geschichten - in diesem Fall eben Ibsen und der Volksfeind, also so ein ganz bestimmtes Muster eigentlich, in dem diese Zentralbegriffe Wahrheit, Freiheit eine Rolle spielen, das ist natürlich im Moment sehr attraktiv für Künstler in der arabischen Welt. Unsere Haltung ist eigentlich ganz einfach: In dieser Zeit, glauben wir, muss man unseren ägyptischen Partnern und Freunden auch zur Seite stehen."

Als sich die Zuschauer am späten Abend nach der Theater-Aufführung auf den Heimweg machen, schallt über den Tahrir-Platz die Sirene eines Rettungswagens herüber. Nach Berichten der ägyptischen Medien sollen bei den Krawallen an diesem Tag mindestens zwei Menschen gestorben sein. Doch die Hoffnung von Nora Amin stirbt nicht:

"Ich verbringe meine Zeit nicht damit, ängstlich zu sein. Wir planen, das Stück das ganze Jahr über an verschiedenen Orten zu spielen, so oft es geht. Und hier und heute, nur ein paar Meter vom Tahrir-Platz entfernt, haben wir noch mehr gefühlt, wie dringend es ist, den ‚Volksfeind‘ zu spielen."

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