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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.12.2017

Theater-JahresrückblickInszenierungen weg von der Sektlaune

Eva Behrendt und Michael Laages im Gespräch mit Vladimir Balzer

Der Schauspieler Martin Wuttke, getaucht in grünliches Licht. Er spielt die Hauptrolle in Frank Castorfs "Faust"-Inszenierung an der Volksbühne Berlin vom März 2017.  (Susanne Burkhardt)
Der Schauspieler Martin Wuttke spielte die Hauptrolle in Frank Castorfs "Faust"-Inszenierung. (Susanne Burkhardt)

Das Theater fordere sein Publikum immer mehr heraus, waren sich die Theaterkritiker Eva Behrendt und Michael Laages in ihren Jahresrückblick auf das Jahr 2017 einig. Die Dimensionen eines leicht konsumierbaren Abends werde häufig gesprengt.

Im Rückblick auf das Theaterjahr 2017 sticht für die Theaterkritikerin Eva Behrendt vor allem die vorletzte Inszenierung von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne heraus. Der siebenstündige "Faust" sei für sie die Inszenierung des Jahres gewesen, sagte Behrendt im Deutschlandfunk Kultur.  Es sei zum einen die "Summe seines Schaffens" über 25 Jahre als Intendant der Volksbühne gewesen, aber auch eine "denkscharfe, große, visuell ansprechende Schauspieler-Inszenierung." Castorf habe den Faust nach Paris ins 19. Und 20. Jahrhundert gehoben  und die Opferfelder markiert: "Den Kolonialismus und die Frauenunterdrückung." 

Zuschauer als Teile der Inszenierung  

Theaterkritiker Michael Laages zeigte sich mit diesem Lob sehr einverstanden, wählte aber als seine Inszenierung des Jahres die Aufführung von "Das halbe Leid" des dänisch-österreichischen Theaterkollektivs Signa am Hamburger Schauspielhaus aus. Die Performance-Gruppe habe geschafft, ihm das "Publikum-Sein" auszutreiben und die Zuschauer zum Teil des Ereignisses gemacht. In einer zwölfstündigen langen Nacht werde auch das Publikum zu Obdachlosen und sozial ausgegrenzten Menschen, die "gemeinsam die Klamotten teilen, gemeinsam die Hafergrütze morgens teilen, gemeinsam das Bett teilen."  Die Zuschauer würden Teil eines Prozesses, der nicht ihrer sei, aber sie müssten ihn so durchleben, als sei es ihrer.

Dauer und Raum als Herausforderungen

Behrendt sagte, an dieser Inszenierung von Sigma lasse sich eine grundsätzlichere Entwicklung im Theater ablesen: "Die Tendenz, den Zuschauer extrem heraus zu fordern." Das geschehe einmal durch die Dauer von Aufführungen, wie "Faust" mit sieben Stunden oder "Das halbe Leid" mit einer ganzen Nacht. Das gelte auch für den Umgang mit Räumen, wie die Arbeit des Künstlerduos Vegard Vinge und Idda Müller dieses Jahr in einer Lagerhalle in Berlin-Reinickendorf  eine Art "Totaltheater" errichtet hätten. "Aber auch diese Vermischung von der Rolle der Darsteller und des Publikums."

Szene aus dem Stück "General Assembly" von Milo Rau in der Schaubühne in Berlin. (DANIEL SEIFFERT)Szene aus dem Stück "General Assembly" von Milo Rau in der Schaubühne in Berlin. (DANIEL SEIFFERT)

Andere Wege

Das Theater entwickele sich eher davon weg, dass man so einen Theaterabend nur in Ruhe ansehe und danach eine Weißweinschorle trinke.  Auch die Inszenierung von Milo Rau "General Assembly" an der Berliner Schaubühne zeige über zweieinhalb Tage ein alternatives Weltparlament, wo man sich über globale Probleme und mögliche Lösungen streite. "Das sprengt natürlich auch die Dimensionen eines leicht konsumierbaren Theaterabends."

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