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Rang I | Beitrag vom 04.04.2020

Theater in Corona-ZeitenWeitermachen um jeden Preis?

Eine anoynme Theatermitarbeiterin im Gespräch mit Janis El-Bira

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Ein prächtiger, aber menschenleerer Theatersaal mit versperrtem Bühnenbereich. (Unsplash / Peter Lewicki)
Niemand zu sehen: So sollte es nach den aktuellen Bestimmungen in den Spielhäusern des Landes aussehen. Nicht alle Theater halten sich daran. (Unsplash / Peter Lewicki)

Die Theater sind geschlossen. Eigentlich. Doch manche Häuser proben hinter verschlossenen Türen weiter – Schauspielern, die Bedenken äußern, wird mit Kurzarbeit gedroht. Eine Mitarbeiterin bricht das Schweigen und geht anonym an die Öffentlichkeit.

Am Ende hat sich auch die große Bayerische Staatsoper der Corona-Pandemie beugen müssen: Nachdem dort noch lange ohne Publikum geprobt und live-gestreamt worden war und deshalb schließlich sogar die Polizei vor der Tür stand, ist seit dieser Woche wirklich Schluss und die Belegschaft zu Hause (wir berichteten).

"Wie viele Premieren schaffen wir noch?"

Das sei überhaupt kein Einzelfall, schrieb uns daraufhin eine Hörerin. An vielen Häusern werde hinter verschlossenen Türen einfach weiter gearbeitet, als gäbe es Corona gar nicht. Sie selbst, die anonym bleiben möchte, ist fest an einem großen Mehrspartentheater beschäftigt und kennt die Vorgänge daher aus eigener Erfahrung. 

Coronavirus-NewsletterIm Gespräch beschreibt sie, wie die Situation jetzt gerade bei ihr am Haus aussieht: "Die Lage am Theater verändert sich relativ langsam, wenn man sich anschaut, wie sich die Lage generell so verändert. Die meisten Theater gehen immer noch davon aus, dass im Mai wieder gespielt wird. Entsprechend gibt es auch wenige Krisensitzungen bezüglich was zum Beispiel mit der Belegschaft passiert, die nach wie vor Bühnenbilder baut oder Perücken knüpft. Sondern es geht immer um Termine. Es geht immer darum: Wie viele Premieren schaffen wir diese Spielzeit noch?"

Drohungen mit Kurzarbeit

Dieser ungebremste Produktionsdruck betreffe alle Abteilungen gleichermaßen: Es würden "weiterhin Bühnenbilder gebaut für Produktionen, von denen man jetzt gar nicht weiß: Okay, kommen die noch?" Besonders bizarr findet sie, dass die Beschäftigten auch dann weiter erscheinen müssten, wenn ihre eigentliche Arbeit getan ist:

"Viele sind jetzt durch mit den Vorbereitungen. Die gehen jetzt daran, eben Inventur zu machen, ihre Arbeitsräume neu zu streichen, Dinge aufzuarbeiten, die normalerweise eher so in der Spielzeitpause getan werden. Das ist definitiv Beschäftigungstherapie."

Dabei seien allerdings etwa die in der Coronakrise vorgeschriebenen Sicherheitsabstände zwischen Mitarbeitern praktisch nicht einzuhalten. Wenn man jedoch darauf aufmerksam mache, dass man in den Räumen so nicht arbeiten könne, käme schnell die Drohung: "Passt auf, sonst bekommt ihr Kurzarbeit."

Der Gipfel der Absurdität

So kämen viele Beschäftigte trotz der Ansteckungsgefahr weiterhin zur Arbeit, weil sie sonst "nicht wüssten, wie lange und ob wir noch bezahlt werden". Insgesamt zeigten sich für unsere Gesprächspartnerin grundsätzliche Probleme des Arbeitsplatzes Theater in der Krise schlichtweg noch deutlicher als vorher:

"Es gibt ja immer skurrile Ausläufer und skurrile Formen, die da am Theater betrieben werden, aber momentan muss man sagen, ist das schon wirklich der Gipfel, den ich bisher an Absurdität erlebt habe."

Der Theaterpodcast

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