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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.01.2014

TheaterDie Erziehung zur Null

"Die Kleinen und die Niedrigen" in Wupptertal

Von Stefan Keim

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Robert Walser wurde am 15. April 1878 geboren und verstarb am 25. Dezember 1956. (picture alliance / dpa / Keystone Press)
Robert Walser wurde am 15. April 1878 geboren und verstarb am 25. Dezember 1956. (picture alliance / dpa / Keystone Press)

Das Wuppertaler Schauspiel bringt mit dem Stück "Die Kleinen und die Niedrigen" den Ersten Weltkrieg auf die Bühne. Texte von Ernst Toller und Robert Walser werden darin mit dem Skript der Autorin Anne Lepper verknüpft.

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Diesen Satz werden wir in diesem Jahr oft hören, in Verbindung mit neuen Büchern, Filmen und Theateraufführungen. Das Wuppertaler Schauspiel verknüpft nun in seinem Projekt "Die Kleinen und die Niedrigen" Texte von Ernst Toller und Robert Walser mit einem neuen Stück der Autorin Anne Lepper.

"Jetzt haben wir schon bei so vielen Zelten nachgefragt", jammert ein junger Soldat. "Nirgendwo ist Platz für mich! Was soll ich denn Mutter schreiben?" Niemand macht eine Ansage im Bundeswehrcamp. Alle hängen rum, langweilen sich, lauschen, ob sie irgendwo Streufeuer hören. Schließlich sollen sie bald kämpfen. Vielleicht auch sterben. Aber das scheint alles so weit weg.

Nicht mal bei der Blondie-Hörgruppe, die sich immer auf einer Weide trifft, darf der junge Soldat nicht mitmachen. Er hat bloß Hölderlin im Rucksack. Und auch keine CD des provokanten britischen Sängers Steven Patrick Morissey, der auch Fans im Lager hat. "Oh, ist das Morissey?", heißt das kurze Stück der Dramatikerin Anne Lepper. In der für sie typischen knappen, pointierten Sprache beschreibt sie die Absurdität des Soldatenlebens zwischen Mobilmachung und Kampfeinsatz. Kanonenfutter in Wartestellung, allein gelassen in purer Sinnlosigkeit.

Böses Zerrbild militaristischer Propaganda

Regisseur Jakob Fedler lässt die Schauspieler im Stechschritt marschieren und findet skurrile Bilder. Er verbindet das kurze Stück mit zwei Texten aus der Zeit rund um den Ersten Weltkrieg. "Der deutsche Hinkemann" von Ernst Toller erzählt pathetisch-expressionistisch von einem Kriegsheimkehrer, dem der Feind die Genitalien weg geschossen hat. Nun beißt er auf einem Jahrmarkt Ratten und Mäusen die Kehlen durch und wird als "deutscher Held" angekündigt. Ein böses Zerrbild militaristischer Propaganda, klug gekürzt, das ausgezeichnete Wuppertaler Ensemble spielt hier mit großen Gesten und lauten Tönen. Regisseur Fedler vertraut der Sprache und lässt die vier Schauspieler in feldgrauen Anzügen ohne Requisiten auf einer quadratischen Spielfläche packend agieren. Vor allem Julia Wolff hat große Momente als unbefriedigte Gattin Hinkemanns.

Die Klammer des Abends bilden Ausschnitte aus Robert Walsers 1909 erschienenem Roman "Jakob von Gunten". Da geht es um einen jungen Mann in einer Dienerschule. "Wo sind hier die Lehrer?", fragt er. "Ist überhaupt ein Plan, ein Gedanke da? Nichts ist da, und ich will fort!" Ähnlich empfinden die Soldaten im Camp. Sie sind "die Kleinen und Niedrigen", weil sie erzogen werden, Nullen zu sein, Diener, Menschen, die widerspruchslos Befehle ausführen. Die Kritik, die dieser 90 Minuten kurze, präzise Theaterabend formuliert, geht weit über das Militär hinaus. Den Zwang, eine Null zu sein, findet man auch anderswo.

Die nächsten Aufführungen:
27., 28., 29. Januar, 13., 15. Februar jeweils 19.30 Uhr, 16. Februar 18 Uhr, 22., 24., 25., 27., 28. Februar, jeweils 19.30 Uhr - die börse, Wolkenburg 100, 42119 Wuppertal - Karten: 0202 569 44 44 oder im Internet.

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