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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.06.2017

"Theater der Welt"-Festival in Hamburg Überreich und unübersichtlich

Von Michael Laages

"Theater der Welt" in Hamburg (Deutschlandradio / Susanne Burkhardt )
Endet an diesem Wochenende: Das "Theater der Welt"-Festival (Deutschlandradio / Susanne Burkhardt )

Das "Theater der Welt"-Festival gilt als eines der schönsten seiner Art weltweit. In diesem Jahr fand es in Hamburg statt - doch das vierköpfige Leitungsteam verhedderte sich in seinem eigenen Anspruch.

Schneller höher, weiter, bunter, internationaler und diverser – das olympische Motto des Immer-noch-mehr hat wieder die Programmgestaltung eines der schönsten Theater-Festivals weltweit geprägt. Das "Theater der Welt"-Festival, getragen vom Internationalen-Theaterinstitut in Deutschland, endet am Wochenende in Hamburg – und so überaus reichhaltig das Programm über drei Wochen hin war, so zwiespältig fällt die Bilanz aus.

Kurz vor Toresschluss kam noch ein echtes Highlight ins Blickfeld: Arthur Millers "Blick von der Brücke", in der französischen Version des Odeon-Theaters aus Paris "Vu du Pont", schält tatsächlich den nachgerade tragisch-antiken Kern hervor aus dem immerhin über 60 Jahre alten Stück des Dramatikers: Ein aufrechter, aber sehr einfacher, sozial sogar ein bisschen beschränkt-gehemmter Hafenarbeiter in New York hilft illegalen Immigranten, die (wie auch seine Familie das tat) vor sizilianischer Armut in den amerikanischen Traum flüchteten.

Lieber unablässig ästhetische Grenzen überschreiten 

Als aber einer dieser Immigranten der eigenen Nichte zu nahe kommt, die dieser Eddie Carbone wie ein Vater liebt, verrät er alle und alles und sprengt das eigene Familiengefüge in die Luft. Ivo van Hove umschifft allen denkbaren Arme-Leute-Küchen-Realismus und setzt die Handlung klar und kalt und ausweglos in eine Art Boxring, um den herum an drei Seiten das Publikum sitzt. Und das Pariser Ensemble verdichtet die Fabel auf Gewalt und Gewicht der Tragödie – als wäre dieser erstaunliche Arthur Miller Zeitgenosse von Aischylos, Sophokles und Euripides gewesen.

Gerade mit vergleichsweise konventioneller Theaterarbeit tun sich Festivals wie das "Theater der Welt" gemeinhin eher schwer – viel lieber werden unablässig ästhetische Grenzen überschritten. Installation, Performance oder Material-Recherche waren auch jetzt in Hamburg prägend. In der Tat fächert sich ja das Potenzial der Darstellungsformen von Jahr zu Jahr und Festival zu Festival weiter auf – weswegen die Auswahl durch Kuratoren-Persönlichkeiten naturgemäß immer wichtiger wird. Hier waren gleich vier davon am Werk: Amelie Deuflhard aus der Kampnagelfabrik und Joachim Lux aus dem Thalia-Theater - beide samt dramaturgischer Unterstützung. Keine gute Idee, denn statt Schnittmengen zu definieren, scheint das Quartett immer nur mehr und mehr angehäuft zu haben – als sollten statt einem womöglich zwei oder drei oder vier Festivals bestückt werden.

Das hat die Flop-Frequenz beträchtlich erhöht, auch in den letzten Tagen… Wie etwa bei der so überaus vielversprechenden "Wunderbaum"-Truppe aus Rotterdam. Der Südafrikaner Brett Bailey nahm Europas Umgang mit Migranten ins Visier – und so stark ihm die Bild-Installation geriet, so vorhersehbar rannte er offene Türen ein.

Festivalzentrum: Drei Wochen das Herz der Welten  

Das Mapa-Theater aus Kolumbiens Hauptstadt Bogotá zeigte (wie zuvor in Heidelberg beim "Adelante!"-Festival) eine szenisch verdichtete Montage früherer Stücke, "Burning Doors" vom weissrussischen Belarus-Ensemble war eine knallhart-propagandistische Doku-Fiction über den Horror in russischen Gefängnissen, das Statement einer "Pussy Riot"-Frau inklusive. Hannah Hurtzig (die schon mal ein "Theater der Welt" leitete, 1996 in Dresden) entwarf mit Blick auf die sterbenden Migranten im Mittelmeer eine Recherche-Landschaft, die die Welt und das "Leben" der Toten erforschen und verbessern wollte. Und die Brasilianerin Christiane Jatahy zeigt noch bis zum letzten Festival-Tag den Film-Theater-Hybrid "Moving People"; sie wird demnächst auch am Thalia Theater arbeiten.

Das ist eine Chance für Übersichtlichkeit und Profil: Künstler und Künstlerinnen aus dem Festival in den lokalen Spielplan zu nehmen. Und wenn in Hamburg alles auch zu überreich und unübersichtlich wirkte, half (bei schönem Wetter vor allem) stets der nächtliche Besuch im Festivalzentrum. Dieser Ort war nicht zu toppen - auf einer Landzunge im Hafen gelegen, neben monströsen (und auch bespielten!) alten Kakaospeichern gelegen, mittendrin und zugleich ganz weit weg von allem, schlug hier drei Wochen lang das Herz der Welten.

Die nächste Ausgabe findet 2020 in Düsseldorf statt.      

Mehr zum Thema

Festival "Theater der Welt" - Der Hamburger Hafen als große Bühne
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 25.05.2017)

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