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Fazit | Beitrag vom 16.09.2020

Theater an der Parkaue BerlinNeuanfang mit Doppelspitze

Von André Mumot

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Alexander Riemenschneider Alexander Riemenschneider und Christina Schulz Foto: Lars Nickel (Lars Nickel)
Christina Schulz und Alexander Riemenschneider sind die neue Leitung des Theaters an der Parkaue in Berlin. (Lars Nickel)

Nach Rassismusvorwürfen im vergangenen Jahr soll mit Christina Schulz und Alexander Riemenschneider am Theater an der Parkaue der Neuanfang gelingen. Eine gute Wahl, findet André Mumot. Auch weil beide wüssten, wie man Theater für junge Menschen attraktiv macht.

Nun ist der Knoten endlich geplatzt. Und das vermutlich auch, weil der Druck auf alle Beteiligten zu stark geworden war. Noch Ende letzten Monats gingen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Theaters an der Parkaue in Berlin auf die Barrikaden – mit einem offenen Brief. Die interimistische künstlerische Leitung, die eigens benannte Agentin für Diversität und der Personalrat forderten vom Berliner Kultursenator Klaus Lederer die überfällige Entscheidung zur Zukunft ihres Hauses. Heute ist sie getroffen worden.

Turbulenzen in der Vergangenheit

Das Theater an der Parkaue hat eine lange, bewegte Geschichte, war "Theater der Freundschaft" zu DDR-Zeiten und hat sich längst zu einem der größten Staatstheater für ein junges Publikum in Deutschland entwickelt.

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Aber es hat auch einen handfesten Theaterskandal und eine lange Zeit der Selbstprüfung und Verunsicherung hinter sich, nachdem im Juli 2019 bekannt wurde, dass die Schauspielerin Maya Alban-Zapata bei den Proben zum Stück "In 80 Tagen um die Welt" immer wieder rassistisch angegangen worden war. Konsequenzen wurden gezogen, und eines der bedeutendsten Kinder- und Jugendtheater des deutschsprachigen Raums stand plötzlich ohne Leitung da. Intendant Kay Wuschek wurde aus seinem Vertragsverhältnis entbunden, wie es offiziell hieß, aus gesundheitlichen Gründen. Ein Weiterarbeiten wie bisher jedenfalls war nicht mehr möglich.

Vielleicht hat dieser Fall auch deshalb zu Recht so hohe Wellen geschlagen, weil es um die Frage geht, wie ein Theater, das sich bewusst an ein jüngeres Publikum richtet, seine Stücke produzieren, aber auch Inhalte und Haltungen vermitteln soll.

Antidiskriminierungsklausel in den Verträgen

Der kommissarische Intendant Florian Stiehler hat das Theater an der Parkaue gut durch den schmerzhaften Übergangsprozess navigiert und für neue Glaubwürdigkeit gesorgt: Mit konsequenter Sensibilisierungsarbeit und der Antidiskriminierungsklausel in allen Verträgen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das Haus zum Handeln zwingt, wenn neue Vorfälle gemeldet werden – und den Opferschutz an erste Stelle setzt.

Nun aber ist Zeit für die nächsten Schritte, Zeit auch, um über neue Inhalte zu sprechen und nicht mehr nur über die alten Verwerfungen. Das neue Leitungsteam steht bereit: Alexander Riemenschneider ist selbst Regisseur mit Sinn für jugendliche Erlebniswelten, die er etwa in seiner Inszenierung von Herrrndorfs "Tschick" am Deutschen Theater Berlin unter Beweis gestellt hat. Und Christina Schulz ist seit 2009 Leiterin der Bundeswettbewerbe der Berliner Festspiele, hat also das Theatertreffen der Jugend, das Tanztreffen der Jugend und das Treffen junger Autoren und Autorinnen unter sich.

Beide haben schon eng zusammengearbeitet, beide sind als Doppelspitze eine gute, zweifellos kompetente Wahl. Ihre wichtigste Aufgabe aber ist es, ab der Spielzeit 2021/22 den so dringend herbeigesehnten Neuanfang einzuläuten und den Schatten des alten Skandals endgültig abzuschütteln. Was das Kinder- und Jugendtheater braucht, ist Leichtigkeit, Freude und Mut. Die Chancen stehen gut, dass es genau diese Eigenschaften in der Parkaue nun unbeschwert entfalten kann.

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